Es ist eine dieser Geschichten, die einen nicht mehr loslassen. Vor der Insel Poel liegt ein Buckelwal, geschwächt, verletzt, festgesetzt im flachen Wasser – und die Experten sagen inzwischen mit bedrückender Klarheit, dass die Hoffnung auf Rettung fast erloschen ist. Freischwimmen gilt als unwahrscheinlich, eine lebende Bergung als ausgeschlossen. Zu groß wäre das Leid für das Tier, zu gering die Chance, dass es einen solchen Eingriff überhaupt überstehen würde.
Und so bleibt vor allem eines zurück: Traurigkeit.
Denn dieser Wal war längst nicht mehr nur irgendein Tier in der Ostsee. Er war für viele Menschen etwas Besonderes. Menschen haben ihm keinen nüchternen wissenschaftlichen Blick allein entgegengebracht, sondern Mitgefühl. Sie haben ihn beobachtet, sich um ihn gesorgt, für ihn demonstriert, seine Wege verfolgt, gehofft, gebangt. Sie haben ihn nicht einfach als „Fall“ behandelt, sondern als ein Lebewesen, das sie berührt hat. Welcher Wal kann das schon von sich sagen?
Die Lage ist inzwischen erschütternd eindeutig. Der Buckelwal ist stark geschwächt, seine Haut zeigt schwere Schäden, er liegt seit Tagen an derselben Stelle, eingesunken in den Schlick, mit Teilen des Rückens weit aus dem Wasser ragend. Die Chancen, dass ein ausreichender Wasseranstieg ihn aus eigener Kraft befreien könnte, sind nach Einschätzung der Fachleute praktisch nicht mehr vorhanden. Zugleich sagen dieselben Experten, dass ein Anheben mit Gurten oder Riemen für das Tier mit extremem Leiden verbunden wäre. Man könne ihn nicht transportieren, ohne ihm womöglich noch größere Qualen zuzufügen.
Es ist eine furchtbare Situation, gerade weil es keine gute Lösung mehr zu geben scheint.
Der Wal wurde gekühlt, untersucht, beobachtet, mit Wasser bespritzt, mit Drohnen kontrolliert, von Tauchern begutachtet. Nationale und internationale Fachleute wurden einbezogen. Alles, was verantwortbar erschien, wurde offenbar versucht oder zumindest geprüft. Und doch führt all dieses Bemühen zu einer bitteren Erkenntnis: Man kann nicht alles retten. Nicht jedes Lebewesen lässt sich zurückholen, nur weil wir es so sehr wollen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der so viele Menschen emotional trifft.
Denn unweigerlich drängt sich eine stille, traurige Frage auf:
Hat dieser Wal vielleicht gar nicht mehr nach Rettung gesucht – sondern nur noch nach einem Ort zum Sterben?
Niemand kann das sicher sagen. Niemand weiß, was in einem geschwächten, verletzten Tier vorgeht, das sich tagelang verirrt, strandet, wieder freikommt, weiterzieht, erneut festliegt und am Ende in einer flachen Bucht zur Ruhe kommt. Aber die Frage steht im Raum. Vielleicht war dieser lange, irrende Weg durch die Ostsee nicht nur ein Kampf ums Überleben. Vielleicht war es am Ende auch die letzte Bewegung eines großen, müden Tieres, das irgendwo ankommen wollte.
Das macht die Geschichte nicht leichter. Im Gegenteil. Es macht sie noch trauriger.
Vielleicht war dieser Wal deshalb für so viele Menschen mehr als nur ein gestrandetes Meerestier. Vielleicht, weil sich in seinem Schicksal etwas zutiefst Menschliches spiegelt: Verletzlichkeit, Verlorenheit, Erschöpfung – und der Wunsch, nicht alleine zu sein. Und allein war dieser Wal am Ende nicht. Menschen haben hingesehen. Menschen haben nicht weggesehen. Menschen haben Anteil genommen.
Es ist ein stiller Trost, wenn auch nur ein kleiner.
Die Experten schließen jede Form eines gewaltsamen Tötens aus. Kein Harpunieren, kein Vergiften, kein Erschießen, keine grausamen Methoden, die anderswo teils diskutiert oder angewandt wurden. Auch das ist wichtig. Denn wenn dieser Wal nicht mehr gerettet werden kann, dann soll er wenigstens nicht noch durch Aktionismus gequält werden. Vielleicht ist das der letzte Respekt, den man ihm schulden kann: ihn nicht in einem aussichtslosen letzten Rettungsversuch noch mehr leiden zu lassen.
Der Wal von Poel wird viele Menschen noch lange beschäftigen. Nicht, weil er ein Spektakel war. Sondern weil er uns gezeigt hat, wie sehr uns ein einzelnes Tier berühren kann. Ein Wal, der sich in die Ostsee verirrt hat, der immer wieder festsaß, der weiterzog, wieder strandete, und um den sich plötzlich ein ganzes Land sorgte.
Vielleicht ist das am Ende das Einzige, was man in so einem Moment noch sagen kann:
Er war nicht irgendein Wal.
Er war der Wal von Poel.
Und er war nicht allein.
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