Diese Weltmeisterschaft liefert bislang genau das, was Fußballfans lieben: Tore, Dramatik, Überraschungen, große Namen und Spiele, die erst in den letzten Minuten entschieden werden. Erstmals nehmen 48 Nationen teil, gespielt wird in Kanada, Mexiko und den USA – größer war eine WM noch nie. Und sportlich spricht vieles dafür, dass dieses Turnier auch zu den spektakulärsten der Geschichte zählt.
Nach 96 von 104 Spielen sind bereits 280 Tore gefallen. Das entspricht 2,92 Treffern pro Partie – ein Wert, der an die torreiche WM 1970 in Mexiko erinnert. Besonders auffällig: Viele Tore entstehen aus dem Spiel heraus, während Elfmeter nur einen vergleichsweise kleinen Anteil ausmachen. Das spricht für mutigen, offensiven Fußball statt reiner Ergebnisverwaltung.
Auch die K.o.-Runde hat geliefert. Späte Siegtreffer, Verlängerungen, Elfmeterschießen und dramatische Wendungen prägen das Turnier. Belgien und Argentinien drehten bereits Spiele nach Zwei-Tore-Rückstand, England gewann trotz langer Unterzahl gegen Mexiko. Gerade solche Geschichten machen Weltmeisterschaften unvergesslich.
Dass es gleichzeitig acht torlose Unentschieden gab, muss kein Makel sein. Es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass die Leistungsdichte größer geworden ist. Die viel diskutierte Aufstockung auf 48 Teams hat nicht nur Kantersiege gebracht, sondern auch starke Außenseitergeschichten. Curaçao, Katar und vor allem Kap Verde haben gezeigt, dass kleinere Fußballnationen auf dieser Bühne mehr sein können als nur Statisten.
Auch die Stars liefern. Lionel Messi, Kylian Mbappé, Erling Haaland und Harry Kane kämpfen um die Torjägerkrone. Dass gleich mehrere Weltklassespieler bei einem Turnier auf sieben oder mehr Treffer kommen, verleiht dieser WM zusätzlichen Glanz.
Die Stadien sind ebenfalls ein Erfolg. Trotz hoher Ticketpreise und großer Reisedistanzen sind die Arenen nahezu voll. Die Atmosphäre wirkt in vielen Spielen wie ein Gegenargument zu jenen Kritikern, die vor einer aufgeblähten, seelenlosen Riesen-WM gewarnt hatten.
Doch ganz ohne Schattenseiten bleibt das Turnier nicht. Die Kosten für Fans sind enorm, die langen Reisewege belasten Mannschaften und Anhänger, und nicht jede Schiedsrichterentscheidung überzeugt. Auch die Diskussion um Folarin Balogun und den politischen Einfluss auf eine mögliche Sperre hat dem Fair-Play-Gedanken geschadet. Solche Vorgänge bleiben hängen – gerade bei einem Turnier, das sportlich so viel richtig macht.
Jetzt kommt es auf die letzten Spiele an. Viele Weltmeisterschaften werden rückblickend über ihr Ende bewertet. Ein schwaches Finale kann ein starkes Turnier beschädigen, ein großes Finale kann ein umstrittenes Turnier verklären. Mit Argentinien, Spanien, Frankreich und England sind mehrere Schwergewichte noch im Rennen. Dazu kommen gefährliche Außenseiter, die weiter für Überraschungen sorgen können.
Besonders im Fokus steht heute das Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko in Boston. Es ist die Neuauflage des WM-Halbfinals von 2022, das Frankreich damals mit 2:0 gewann. FIFA führt die Partie als Viertelfinale in Boston; Frankreich kam nach Platz eins in der Gruppe über Siege gegen Schweden und Paraguay weiter, Marokko setzte sich auf dem Weg ins Viertelfinale gegen die Niederlande und Kanada durch.
Sportlich spricht vieles für Frankreich: mehr individuelle Klasse, mehr Turniererfahrung, Mbappé in Topform und eine Mannschaft, die solche K.o.-Spiele kennt. Marokko ist aber längst kein romantischer Außenseiter mehr, sondern ein taktisch reifes, physisch starkes und emotional gefährliches Team. Reuters beschreibt das Duell zudem als Begegnung mit besonderer historischer und familiärer Bedeutung, weil viele Verbindungen zwischen beiden Fußballkulturen bestehen.
Mein Tipp für heute Abend: Frankreich gewinnt knapp mit 2:1 gegen Marokko.
Marokko wird das Spiel lange offenhalten, vielleicht sogar in Führung gehen oder Frankreich maximal nerven. Am Ende erwarte ich aber, dass Frankreichs individuelle Klasse den Unterschied macht. Mein Alternativtipp, falls Marokko defensiv lange standhält: 1:1 nach 90 Minuten, Frankreich gewinnt 2:1 nach Verlängerung.
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