Der langjährige CBS-Journalist Scott Pelley hat sich erstmals seit seiner Entlassung Anfang Juni öffentlich geäußert und dabei scharfe Kritik an der Führung von CBS News geübt. In einem Interview mit der „New York Times“ bezeichnete er die Situation innerhalb der Nachrichtenredaktion als katastrophal und forderte indirekt die Absetzung von Chefredakteurin Bari Weiss.
„CBS News steht in Flammen“, sagte Pelley. Seine Hoffnung sei, dass die Führung des Mutterkonzerns Paramount erkenne, dass der aktuelle Kurs nicht funktioniere.
Pelley wirft Weiss vor, während der jüngsten Staffel des renommierten Nachrichtenmagazins „60 Minutes“ Einfluss zugunsten der Regierung von US-Präsident Donald Trump ausgeübt zu haben. Er habe den Eindruck gewonnen, dass die Chefredakteurin „den Daumen auf die Waage gelegt“ habe. Zugleich betonte er jedoch, das größere Problem sei weniger politische Einflussnahme als vielmehr mangelnde Kompetenz im Management.
Ein Sprecher von CBS News wies die Vorwürfe zurück. Es gebe keinerlei politische Einflussnahme auf die redaktionelle Arbeit, erklärte der Sender.
Umstrittener Umbau bei „60 Minutes“
Pelleys Interview macht deutlich, dass er die Vorgänge rund um „60 Minutes“ nicht auf sich beruhen lassen will. Die Sendung gilt seit Jahrzehnten als eines der erfolgreichsten und angesehensten Nachrichtenformate im US-Fernsehen.
Ende Mai hatte Bari Weiss eine umfassende Umstrukturierung der Redaktion eingeleitet. Dabei verloren unter anderem die langjährige Produzentin Tanya Simon sowie mehrere weitere Spitzenkräfte und die Korrespondentinnen Cecilia Vega und Sharyn Alfonsi ihre Positionen.
Laut Pelley wurde Simon von den Entscheidungen völlig überrascht. Gleichzeitig seien die Mitarbeiter der Redaktion über die Entwicklungen erschüttert gewesen.
Weiss hingegen vertritt nach Angaben ihres Umfelds die Ansicht, dass sich „60 Minutes“ stärker an die veränderte Medienlandschaft anpassen müsse. Die bestehende Redaktion habe notwendige Veränderungen blockiert und zu wenig auf die Herausforderungen des Streaming-Zeitalters reagiert.
Zusätzlichen Unmut löste die Entscheidung aus, den ehemaligen Technologiejournalisten Nick Bilton als neuen Leiter der Sendung einzusetzen.
Streit um die Zukunft des Senders
Der Konflikt zwischen der Führung und der Redaktion wird seit Monaten von gegenseitigem Misstrauen begleitet.
Hinzu kommt die politische Dimension: Paramount bemüht sich Berichten zufolge um ein gutes Verhältnis zur Trump-Regierung, während das Unternehmen auf wichtige regulatorische Entscheidungen in Zusammenhang mit geplanten Medienfusionen angewiesen ist.
Mehrere ehemalige „60 Minutes“-Mitarbeiter befürchten deshalb, dass die traditionsreiche Sendung politisch entschärft werden soll, um Konflikte mit der Regierung zu vermeiden. CBS weist diese Vorwürfe entschieden zurück.
Pelley sieht dennoch Anzeichen für eine politische Schlagseite im Management.
Bei einer internen Mitarbeiterversammlung bezeichnete er Weiss als ungeeignet für ihre Position und äußerte auch Zweifel an den Fähigkeiten von Nick Bilton. Bereits einen Tag später wurde Pelley entlassen.
Bilton begründete die Entscheidung damit, dass Pelleys Auftreten gezeigt habe, dass er nicht bereit sei, konstruktiv an der Zukunft der Sendung mitzuwirken.
Streit über politische Einflussnahme
Besonders kritisch äußerte sich Pelley zu einer „60 Minutes“-Reportage vom Februar über tödliche Schüsse von Bundesbeamten bei Protesten in Minneapolis.
Nach seinen Angaben habe er großen Wert auf eine ausgewogene Berichterstattung gelegt. Kurz vor der Ausstrahlung habe Bari Weiss jedoch Änderungswünsche eingebracht, die aus seiner Sicht die Position der Trump-Regierung stärker berücksichtigt hätten.
Für ihn sei dies ein Ausmaß politischer Einflussnahme gewesen, das er in 37 Jahren bei CBS News noch nie erlebt habe.
CBS widerspricht dieser Darstellung. Die vorgeschlagenen Änderungen seien ausschließlich dazu gedacht gewesen, den Beitrag fairer, präziser und journalistisch stärker zu machen.
Unterstützung für Pelley
Trotz seiner Entlassung erhält Pelley weiterhin Rückhalt aus den Reihen aktueller und ehemaliger „60 Minutes“-Mitarbeiter.
Der frühere Korrespondent Armen Keteyian schrieb nach Veröffentlichung des Interviews auf der Plattform X, Pelley habe „für die gesamte Familie gesprochen – frühere wie heutige Mitarbeiter“.
Pelley selbst bleibt überzeugt, dass es bei dem Konflikt um mehr geht als nur um Personalentscheidungen. Für ihn steht die Frage im Raum, welche Rolle unabhängiger Journalismus künftig bei CBS News spielen wird und wie sich eines der bekanntesten Nachrichtenformate der USA verändern soll.
Der Machtkampf um die Zukunft von „60 Minutes“ dürfte damit noch lange nicht beendet sein.
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