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Schufa vor dem BGH: Das Geheimrezept der Wahrscheinlichkeiten wackelt

geralt (CC0), Pixabay
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Deutschlands berühmteste Kristallkugel vor Gericht

Die Schufa weiß vieles. Manchmal sogar Dinge, die man selbst nicht über sich weiß.

Seit Jahrzehnten berechnet die Wiesbadener Auskunftei aus Millionen Datensätzen die Wahrscheinlichkeit, ob jemand einen Kredit zurückzahlen, eine Handyrechnung begleichen oder vielleicht schon beim Gedanken an eine Ratenzahlung nervös werden könnte.

Wie genau diese Berechnungen funktionieren, galt lange als eines der bestgehüteten Geheimnisse Deutschlands – ungefähr auf einer Stufe mit dem Coca-Cola-Rezept, dem Bernsteinzimmer und der Frage, warum Drucker immer genau dann streiken, wenn man sie braucht.

Bürger wollten wissen, wie die Zauberkugel funktioniert

Immer mehr Menschen fragten sich jedoch, warum sie plötzlich keinen Kredit, keinen Handyvertrag oder manchmal nicht einmal einen Toaster auf Raten bekamen.

Die Antwort lautete häufig: „Der Schufa-Score.“

Auf die anschließende Frage „Und wie kommt der zustande?“ folgte lange sinngemäß die Antwort:

„Das ist kompliziert.“

Oder etwas juristischer formuliert:

„Geschäftsgeheimnis.“

Das OLG Dresden wird zum Endgegner

Während andere Gerichte der Schufa noch vergleichsweise freundlich begegneten, entwickelte sich das Oberlandesgericht Dresden zum persönlichen Albtraum der Wahrscheinlichkeitsindustrie.

Die Dresdner Richter verlangten mehr Transparenz. Nicht nur die gespeicherten Daten sollten offengelegt werden, sondern auch Informationen darüber, wie die einzelnen Faktoren gewichtet werden.

Für die Schufa war das ungefähr so angenehm wie die Aufforderung an einen Sternekoch, das Familienrezept der geheimen Soße auf TikTok zu veröffentlichen.

BGH signalisiert Entwarnung

Nun beschäftigte sich der Bundesgerichtshof mit mehreren Verfahren.

Und schon zu Beginn der Verhandlung zeichnete sich ab: Die Schufa könnte mit einem blauen Auge davonkommen.

Der BGH deutete an, dass nicht jede Score-Berechnung automatisch umfassende Auskunftspflichten auslöst.

Mit anderen Worten:

Nur weil ein Computer irgendwo eine Zahl über Sie errechnet, bedeutet das noch nicht automatisch, dass er Ihnen anschließend seine gesamte mathematische Lebensgeschichte erzählen muss.

Der Kläger wollte vorbeugend nachfragen

Die Gegenseite argumentierte durchaus nachvollziehbar:

Wer erst dann Auskunft bekommt, wenn eine Bank bereits „Nein“ gesagt hat, erfährt womöglich zu spät, dass er fälschlicherweise als finanzielles Risiko eingestuft wurde.

Oder anders formuliert:

Man möchte wissen, ob man als kreditwürdiger Bürger oder als wirtschaftliche Version eines brennenden Einkaufswagens geführt wird.

Die Schufa entdeckt plötzlich die Transparenz

Besonders bemerkenswert ist die Wendung der Geschichte.

Nachdem die Schufa jahrzehntelang ungefähr so transparent war wie ein Betonbunker, präsentierte sie im Frühjahr plötzlich einen neuen Score.

Dieser soll vollständig nachvollziehbar sein.

Das erinnert ein wenig an einen Zauberer, der nach 30 Jahren erklärt:

„Gut, ich verrate euch jetzt doch, wie der Hase in den Hut gekommen ist.“

Der Gesetzgeber mischt ebenfalls mit

Während Richter noch über Transparenz diskutieren, hat der Gesetzgeber bereits gehandelt.

Ab November treten neue Regelungen in Kraft, die deutlich weitergehende Informationsrechte vorsehen.

Das bedeutet:

Selbst wenn die Schufa vor dem BGH gewinnt, könnte sich der praktische Nutzen des Sieges als ähnlich dauerhaft erweisen wie ein Parkplatz direkt vor dem Freibad an einem heißen Sommertag.

Die alte und die neue Schufa-Welt

Derzeit leben wir in einer spannenden Übergangsphase.

Etwa 25 Prozent der Unternehmen nutzen bereits den neuen transparenten Score.

Die übrigen 75 Prozent vertrauen noch auf das alte System.

Deutschland hat damit aktuell zwei Schufa-Welten:

Die neue Welt sagt:

„Wir erklären euch alles.“

Die alte Welt sagt:

„Vertraut uns einfach.“

Fazit

Die Schufa steht vermutlich vor einem juristischen Erfolg.

Gleichzeitig wird sie durch neue Gesetze und ihren eigenen Strategiewechsel immer transparenter.

Das Ergebnis ist ein seltenes Schauspiel:

Eine Institution, die jahrzehntelang jede Formel wie einen Staatsschatz bewachte, wirbt plötzlich offensiv damit, dass man ihre Berechnungen verstehen kann.

Für viele Bürger dürfte das die überraschendste Wahrscheinlichkeitsrechnung seit Langem sein.

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