Die Meinungsforschung steht vor einem historischen Durchbruch. Warum noch mühsam echte Menschen befragen, wenn man die Antworten auch direkt von einer künstlichen Intelligenz erfinden lassen kann?
Genau das verspricht der neueste Trend namens „Synthetic Sampling“. Während Umfrageinstitute jahrzehntelang Millionen ausgaben, um Bürger anzurufen, die entweder auflegen, fluchen oder behaupten, gerade keine Zeit zu haben, genügt künftig offenbar ein Laptop und die Eingabe: „Du bist eine 54-jährige Krankenschwester aus Linz. Wen würdest du wählen?“
Fertig ist die Demokratie 4.0.
Der größte Vorteil liegt auf der Hand: Echte Menschen stören den Umfrageprozess nicht mehr mit ihren unvorhersehbaren Meinungen. Die KI weiß schließlich schon vorher, was sie vermutlich denken könnten. Oder denken sollten. Oder irgendwann einmal gedacht haben.
Kritiker nennen das Verfahren zwar „Quacksalberei“, „Humbug“ oder „höchst fahrlässig“. Optimisten sprechen dagegen von einem gewaltigen Fortschritt. Schließlich könnte man künftig auch Wahlergebnisse direkt simulieren, ohne dass die Bürger überhaupt noch wählen müssen. Das spart Zeit, Geld und lästige Wahlkämpfe.
Besonders begeistert sind einige Forscher von der Möglichkeit, schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen abzubilden. Menschen, die man nicht befragen kann, werden einfach von einer Maschine nachgebaut. Das erinnert ein wenig an den alten Witz: „Wir konnten den Zeugen nicht finden, deshalb haben wir seine Aussage selbst geschrieben.“
Die Methode hat allerdings einen kleinen Haken. KI-Modelle kennen nur die Vergangenheit. Wenn morgen etwas Unerwartetes passiert, etwa eine Regierung zusammenbricht, ein Kanzler zurücktritt oder ein Politiker plötzlich eine gute Idee hat, dann stehen die digitalen Wähler etwas ratlos da. Solche Ereignisse kommen in ihren Trainingsdaten schlicht nicht vor.
Auch die Hoffnung, gesellschaftliche Minderheiten besser abzubilden, sorgt für Stirnrunzeln. Denn die KI greift auf Daten zurück, die häufig genau jene Vorurteile enthalten, die man eigentlich vermeiden wollte. Anders gesagt: Man bekämpft Repräsentationsprobleme, indem man sie automatisiert.
Besonders spannend wird es am Wahlabend. Stellen wir uns vor, die KI prognostiziert 28 Prozent für Partei A, 24 Prozent für Partei B und 17 Prozent für Partei C. Die echten Wähler liefern dann ein völlig anderes Ergebnis. Wer hat recht? Die Bürger oder die Maschine?
In einer zunehmend digitalisierten Welt ist diese Frage vermutlich gar nicht mehr so eindeutig.
Immerhin arbeiten bereits große Institute an „digitalen Zwillingen“ echter Menschen. Das klingt beruhigend. Wer braucht schon eine eigene Meinung, wenn ein Algorithmus sie kostenlos für einen übernimmt?
Bis dahin bleibt den klassischen Meinungsforschern nur die altmodische Methode: Mit echten Menschen reden. Ein Verfahren aus der Steinzeit der Demokratie, das zwar teuer, mühsam und unberechenbar ist – aber den entscheidenden Vorteil besitzt, dass die Befragten tatsächlich existieren.
Noch jedenfalls.
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