Die Nacht brachte das zurück, was Moskau seit Jahren über andere Städte ausschüttet: Angst, Sirenen, Feuer und Explosionen. Während der Kreml seinen Krieg weiterhin als „militärische Spezialoperation“ verkauft, erreichte der Krieg nun erneut russisches Gebiet mit voller Wucht.
Russland meldete einen massiven ukrainischen Drohnenangriff. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sollen in einer einzigen Nacht 355 Drohnen über verschiedenen Regionen abgeschossen worden sein. In Rjasan, nur rund 200 Kilometer von Moskau entfernt, starben laut Behörden drei Menschen, mehrere weitere wurden verletzt. Wohnhäuser wurden beschädigt, Industrieanlagen getroffen und Berichten zufolge auch eine Ölraffinerie attackiert.
Die Bilder aus Russland wirken plötzlich erschreckend vertraut: Rauch über Wohngebieten, zerstörte Fassaden, Menschen auf der Straße zwischen Trümmern und Einsatzfahrzeugen. Genau jene Bilder also, die die Ukraine seit Jahren beinahe täglich erlebt.
Der Unterschied ist nur: Für Russland ist das Ausnahmezustand. Für die Ukraine ist es Alltag.
Denn nur wenige Stunden zuvor hatte Russland selbst einen der brutalsten Luftangriffe seit Monaten gegen ukrainische Städte geführt. In Kiew bargen Rettungskräfte Dutzende Tote aus den Trümmern eines Wohnblocks. Familien wurden im Schlaf getötet, Häuser zerfetzt, ganze Straßenzüge verwüstet. Während russische Staatsmedien solche Angriffe meist nüchtern als „präzise Militärschläge“ bezeichnen, spricht man in Russland nun plötzlich von Terror und Eskalation.
Der Krieg, den der Kreml einst weit entfernt halten wollte, klopft inzwischen immer öfter an die eigene Haustür.
Präsident Selenskyj hatte nach den russischen Angriffen Vergeltung angekündigt. Offenbar folgte nun die Antwort. Eine Antwort, die Moskau zeigt, dass moderne Kriege nicht mehr an Grenzen haltmachen und dass Drohnen keine langen Frontlinien brauchen, um ein Land zu erreichen.
Russland erlebt damit etwas, das die Ukraine seit Beginn der Invasion kennt: Niemand schläft ruhig, wenn jede Nacht Sirenen möglich sind. Niemand fühlt sich sicher, wenn der Himmel jederzeit Feuer bringen kann.
Und genau darin liegt die eigentliche Revanche. Nicht nur im militärischen Schaden, sondern darin, dass Russland nun einen kleinen Teil jener Unsicherheit spürt, die es selbst über Millionen Menschen gebracht hat.
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