Gärtnern erlebt unter Millennials und jüngeren Erwachsenen einen bemerkenswerten Aufschwung. Zwischen Smartphone, sozialen Netzwerken und einem zunehmend digitalen Alltag entdecken viele das Pflanzen, Säen und Ernten als bewussten Gegenpol. Dabei geht es längst nicht nur um Tomaten, Blumen oder Zimmerpflanzen. Für manche wird der Garten zum Rückzugsort, für andere zum sozialen Treffpunkt – und für viele zu einer Möglichkeit, für einige Momente dem permanenten Strom digitaler Nachrichten zu entkommen.
Eine von ihnen ist Hannah Matthews aus Newport. Die 31-Jährige fand zum Gärtnern, nachdem sie innerhalb eines Jahres ihren Vater und ihre Großmutter verloren hatte. Wenn ihre Gedanken besonders unruhig waren, zog es sie schon früh am Morgen nach draußen, wo sie Unkraut jätete oder sich um ihre Pflanzen kümmerte.
Was zunächst eher beiläufig begann, entwickelte sich zu einer Leidenschaft. Inzwischen erreicht Matthews mit ihren Garteninhalten auf Instagram und TikTok mehr als 70.000 Menschen.
Für sie ist der wachsende Garten-Trend in den sozialen Medien kein Widerspruch. Gerade dort könnten Bilder und Videos von Pflanzen eine kleine Unterbrechung zwischen negativen Nachrichten und endlosem Scrollen schaffen.
Gegenbewegung zur digitalen Dauerbeschallung
Matthews sieht darin auch eine Besonderheit ihrer Generation. 1995 geboren, gehört sie zu den Menschen, die noch Teile einer weitgehend analogen Kindheit erlebt haben, gleichzeitig aber mit der digitalen Kultur erwachsen geworden sind.
Dass Kochen, Nähen oder Gärtnern wieder an Popularität gewinnen, versteht sie deshalb auch als Reaktion auf eine Welt, in der Bildschirme immer größere Teile des Alltags bestimmen.
Hinzu kommen wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheiten. Steigende Lebenshaltungskosten, Klimawandel, schwierige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz beschäftigen insbesondere jüngere Menschen. Ein Garten, Balkon oder sogar einige Pflanzentöpfe auf der Fensterbank können dagegen etwas bieten, das im großen Weltgeschehen oft fehlt: ein überschaubares Stück Alltag, das sich selbst gestalten lässt.
Für Matthews wurde genau das während ihrer Trauer wichtig. Sie habe das Gärtnern nicht bewusst als Therapie eingesetzt. Stattdessen habe sie irgendwann festgestellt, dass sie immer wieder nach draußen ging und sich mit ihren Pflanzen beschäftigte.
Das Säen und Pflegen habe zudem etwas Zukunftsgerichtetes. Wer gärtnert, plant Wochen oder Monate im Voraus und arbeitet auf etwas hin, das erst in der kommenden Jahreszeit sichtbar wird.
Gärtnern braucht nicht zwingend einen großen Garten
Matthews räumt zugleich ein, dass ein eigenes Haus mit Garten ein Privileg ist. Doch sie möchte den Eindruck vermeiden, das Hobby sei ausschließlich Menschen mit viel Platz oder Wohneigentum vorbehalten.
Auch Kräuter und Pflanzen auf der Fensterbank oder einige Töpfe auf einem kleinen Balkon könnten einen ähnlichen Effekt haben. Entscheidend sei vielmehr die Erfahrung, mit den eigenen Händen etwas entstehen und wachsen zu sehen.
Auch Naomi Saunders aus Felinheli in Wales hat erlebt, wie stark das Interesse am Gärtnern unter jüngeren Menschen gewachsen ist. Die heute 32-Jährige begann während der Corona-Lockdowns intensiver mit dem Hobby und besaß zeitweise mehr als 300 Zimmerpflanzen.
Früh dokumentierte sie ihre Pflanzen und den Gemüseanbau auf Instagram. Damals sei Garten-Content noch wesentlich weniger verbreitet gewesen. Mittlerweile folgen ihr Tausende Menschen, und sie wurde sogar eingeladen, Inhalte von der renommierten Chelsea Flower Show zu produzieren.
Saunders glaubt, dass insbesondere junge Menschen inzwischen bewusster versuchen, ihre Smartphones gelegentlich aus der Hand zu legen. Gleichzeitig entsteht ausgerechnet über soziale Netzwerke eine neue Gemeinschaft von Hobbygärtnern, die Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen.
Fünf Minuten im Garten als Auszeit
Für Rachel Griffiths bekam das Gärtnern während der Pandemie eine besondere Bedeutung. Die 37-jährige Mutter zweier Kinder aus Wales beschreibt ihren Garten als wichtige Stütze in einer schwierigen Lebensphase.
Wenn ihr Baby schlief, konnte sie für wenige Minuten nach draußen gehen. Dafür waren weder Verabredungen noch größere Vorbereitungen nötig. Der Garten bot einen unmittelbar erreichbaren Ort für einen kurzen Moment für sich selbst.
Auch angesichts extremer Sommerhitze sieht Griffiths das eigene Grün als Möglichkeit, zumindest im kleinen Rahmen aktiv zu werden. Ein einzelner Garten werde die großen Umweltprobleme nicht lösen. Viele kleine Veränderungen könnten ihrer Ansicht nach dennoch einen Beitrag leisten.
Aus einem Hobby entsteht Gemeinschaft
Der neue Garten-Trend findet allerdings nicht nur hinter dem eigenen Gartenzaun statt. Für manche jüngere Menschen wird er zu einer Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen.
Als die 26-jährige Georgia Featherstone aus beruflichen Gründen in eine neue Gegend zog, stellte sich für sie die Frage, wie sie dort neue Freunde finden könnte. Ihre Antwort war ein Gartenclub speziell für Frauen.
Traditionelle Gartenvereine empfand sie häufig als Angebote für ältere und bereits sehr erfahrene Hobbygärtner. Deshalb gründete sie mit dem „Girlie Gardening Club“ eine Alternative, die gezielt jüngere Interessierte ansprechen soll.
Die Resonanz war groß. Innerhalb von nur zwei Monaten traten mehr als 450 Menschen dem Gruppenchat bei, über den lokale Veranstaltungen in Surrey organisiert werden. Weitere Treffen, Vorträge von Gartenfachleuten und Floristikangebote sind geplant.
Featherstone sieht darin auch einen Wandel des Freizeitverhaltens. Wer zu den Millennials oder den älteren Angehörigen der Generation Z gehört, habe möglicherweise weniger Interesse daran, jedes Wochenende in Bars oder Pubs zu verbringen. Gemeinsame Hobbys bieten eine andere Form des sozialen Kontakts.
Gerade darin liegt ein scheinbarer Widerspruch der digitalen Zeit: Soziale Netzwerke verbinden Millionen Menschen miteinander, können gleichzeitig aber das Gefühl persönlicher Distanz verstärken.
Beim Gärtnern wird aus dem digitalen Kontakt wieder etwas Greifbares. Menschen treffen sich, tauschen Wissen aus, verschenken Samen und Stecklinge oder helfen einander bei Problemen mit ihren Pflanzen.
Der neue Gartenboom unter jüngeren Menschen ist deshalb mehr als eine Rückkehr zu einem traditionellen Hobby. Er verbindet den Wunsch nach weniger Bildschirmzeit mit Kreativität, Natur und Gemeinschaft. Während der digitale Alltag immer schneller wird, bietet das Gärtnern etwas ausgesprochen Unmodernes – und gerade deshalb offenbar Attraktives: die Erfahrung, dass manche Dinge Zeit brauchen, bevor sie wachsen.
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