Während sich die Weltmeere infolge des Klimawandels zunehmend erwärmen, sorgt eine ungewöhnliche Region im Nordatlantik für Aufmerksamkeit: Südlich von Grönland haben Wissenschaftler einen sogenannten „Kältefleck“ entdeckt, in dem die Temperaturen seit Jahrzehnten sinken. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dahinter Veränderungen eines der wichtigsten globalen Meeresströmungssysteme stehen könnten.
Forscher der University of California in Riverside haben festgestellt, dass sich die betroffene Region in den vergangenen Jahrzehnten um bis zu ein Grad Celsius abgekühlt hat. Als Ursache gilt eine Abschwächung der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC), eines komplexen Systems von Meeresströmungen, das Wärme rund um den Globus transportiert.
„Die Region südlich von Grönland reagiert besonders empfindlich auf Veränderungen der AMOC“, erklärte Klimaforscher Wei Liu, der die Studie leitete. Die durch die Abschwächung verursachte Abkühlung könne dort sogar stärker ausfallen als die allgemeine Erwärmung durch Treibhausgase.
Das Förderband der Ozeane
Die AMOC wird oft als gigantisches Förderband der Weltmeere beschrieben. Sie transportiert warmes Wasser aus den Tropen nach Norden und führt kälteres Wasser in tiefen Schichten wieder Richtung Süden zurück. Gemeinsam mit anderen Meeresströmungen spielt sie eine entscheidende Rolle für das globale Klima.
Angetrieben werden diese Strömungen durch Unterschiede in Temperatur und Salzgehalt des Wassers. Verändert sich dieses empfindliche Gleichgewicht, kann das weitreichende Folgen haben.
Der Kältefleck im Nordatlantik gilt seit Jahren als eine der auffälligsten Anomalien auf globalen Temperaturkarten. Während sich große Teile der Ozeane erwärmen, zeigt diese Region den gegenteiligen Trend. Klimaforscher betrachten sie deshalb als wichtigen Indikator für Veränderungen im Zusammenspiel von Atmosphäre und Ozeanen.
Gefahr einer weiteren Abschwächung
Wissenschaftler warnen seit Langem, dass sich die AMOC zunehmend verlangsamt. Prognosen gehen davon aus, dass die Strömung bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens 20 Prozent schwächer werden könnte. Einige Studien halten langfristig sogar einen vollständigen Zusammenbruch des Systems für möglich.
Besonders betroffen wären dann Grönland, Island und Nordeuropa. Veränderungen der Meerestemperaturen könnten Luftströmungen und Wettersysteme beeinflussen, Sturmzüge verschieben und Druckverhältnisse verändern. Auch Meeresökosysteme würden sich an neue Temperatur- und Salzgehaltsmuster anpassen müssen.
Folgen für Europa und die USA
Eine Abschwächung der AMOC hätte nicht nur Auswirkungen auf das Wetter, sondern auch auf den Meeresspiegel. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die Ostküste der USA besonders betroffen wäre.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 brachte eine rund 30-prozentige Verlangsamung der Strömung zwischen 2009 und 2010 mit einem außergewöhnlich starken Anstieg des Meeresspiegels in Verbindung. Nördlich von New York stieg dieser innerhalb von nur zwei Jahren um etwa 128 Millimeter.
Die neuen Erkenntnisse bestätigen nach Ansicht der Forscher, dass der Nordatlantik eine Schlüsselregion für das Verständnis des Klimawandels bleibt. Der ungewöhnliche Kältefleck könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich grundlegende Prozesse im globalen Klimasystem bereits verändern.
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