Die Welt atmet auf.
Die Vereinten Nationen suchen einen neuen Generalsekretär – und nach aktuellem Stand ist Annalena Baerbock nicht unter den Kandidaten. Damit bleibt der globale Puls zunächst stabil, und die Chancen auf eine geordnete Nachfolge von Antonio Guterres steigen wieder messbar.
Denn während Kriege, Krisen, Klimawandel, künstliche Intelligenz und eine historische Budgetkrise gleichzeitig auf die UNO einprasseln, war die größte Sorge vieler Beobachter offenbar:
„Bitte nicht noch ein deutsches Prestigeprojekt.“
Vier Kandidaten, zwei Frauen, zwei Männer – und eine große Erleichterung in den Fluren von New York
Nach Ablauf der Nominierungsfrist stehen offiziell vier Namen im Raum. Zwei Männer, zwei Frauen.
Das klingt modern, ausgewogen und ungefähr so hoffnungsvoll wie jede UNO-Resolution seit 1993.
Antonio Guterres, der nach zwei Amtszeiten Ende des Jahres abtritt, hat sich bereits diplomatisch eindeutig positioniert:
Es sei „eindeutig Zeit für eine Frau an der Spitze“.
Was in UNO-Sprache ungefähr bedeutet:
„Es wäre schön, wenn diesmal nicht wieder ein Mann aus irgendeinem geopolitischen Kuhhandel heraus ins Amt rutscht.“
Ob es dazu kommt, entscheidet wie immer nicht etwa Transparenz, Vernunft oder Weltgemeinschaft, sondern ein Ritual aus:
- informellen Anhörungen,
- geheimen Probeabstimmungen,
- strategischem Schweigen,
- und der üblichen Frage:
„Wen können die fünf Vetomächte gerade noch ertragen?“
Baerbock eröffnet das Verfahren – kandidiert aber nicht. Die Welt bleibt vorerst verschont.
Besonders bemerkenswert:
Das Verfahren wurde im November 2025 offiziell eröffnet – und zwar mit einem gemeinsamen Schreiben der Präsidentin der UNO-Generalversammlung, Annalena Baerbock, und des Präsidenten des Sicherheitsrates.
Baerbock forderte dabei gemeinsam mit ihrem Mitunterzeichner, dass diesmal ernsthaft auch Frauen nominiert werden sollen.
Ein ehrenwerter Appell. Fast schon rührend.
Die Tatsache, dass sie selbst nicht direkt ihre Visitenkarte mitgeschickt hat, wurde in diplomatischen Kreisen als Zeichen unerwarteter Zurückhaltung gewertet.
Andere nennen es:
ein kleines Wunder des Multilateralismus.
Michelle Bachelet: Präsidentin, Favoritin, politisch überlebensfähig
Im Rennen ist unter anderem die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, die in Lateinamerika, in internationalen Kreisen und vermutlich auch in Räumen mit echter Regierungserfahrung durchaus respektiert wird.
Dass Chile selbst ihr zwischenzeitlich die Unterstützung entzogen hat, gehört natürlich zum Standardprogramm moderner Politik:
Wenn man schon eine international angesehene Kandidatin hat, sollte man ihr wenigstens im Heimatland noch kurz das Bein stellen.
Dank Brasilien und Mexiko bleibt sie aber im Rennen.
Lateinamerika liefert also nicht nur Kaffee und Rohstoffe, sondern weiterhin auch politische Dramen auf hohem Niveau.
Rafael Grossi: Der Mann, der am Ende vermutlich doch gewinnt, weil die UNO die UNO ist
Ebenfalls mit dabei: Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergieagentur.
Ein Mann.
Ein Diplomat.
Argentinier.
International erfahren.
Nicht zu laut.
Nicht zu ideologisch.
Nicht zu überraschend.
Kurz gesagt:
praktisch der ideale UNO-Kandidat.
Denn wenn die UNO eines wirklich liebt, dann jemanden, der gleichzeitig:
- seriös wirkt,
- niemanden zu sehr begeistert,
- niemanden zu sehr verärgert,
- und im Zweifel von allen Vetomächten als „gerade noch erträglich“ eingestuft wird.
Grossi gilt deshalb bereits als Favorit.
Was auch daran liegen dürfte, dass die internationale Forderung nach einer Frau an der Spitze traditionell ungefähr so lange hält, bis die erste echte Machtarithmetik im Sicherheitsrat beginnt.
Rebeca Grynspan: Qualifiziert, kompetent – also mit den üblichen strukturellen Nachteilen
Mit Rebeca Grynspan aus Costa Rica steht ebenfalls eine hochqualifizierte Frau im Rennen.
Sie leitet die UNO-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD und bringt internationale Erfahrung mit.
Also beste Voraussetzungen, um am Ende von geopolitischen Hinterzimmern höflich zur Seite geschoben zu werden.
Denn in der UNO gilt wie überall:
Fachliche Kompetenz ist wichtig – solange sie nicht mit den Interessen der Vetomächte kollidiert.
Virginia Gamba: Kurz nominiert, schnell wieder weg – klassischer UNO-Speedrun
Die argentinische Diplomatin Virginia Gamba war zwischenzeitlich ebenfalls nominiert, zog ihre Kandidatur aber wieder zurück.
Ein Vorgang, der in UNO-Kreisen vermutlich schon als dynamischer Wahlkampf gilt.
Macky Sall: Afrika? Eigentlich gerade nicht dran. Sorry.
Der frühere senegalesische Präsident Macky Sall ist zwar ebenfalls im Spiel, aber nach der inoffiziellen UNO-Rotationslogik stehen seine Chancen eher schlecht.
Denn bei der UNO gibt es bekanntlich keine festen Regeln – nur ungeschriebene Regeln, an die sich alle halten, bis sie ihnen nicht mehr passen.
Nach Afrika, Asien und Europa wäre diesmal laut informeller Kontinentalarithmetik wieder Lateinamerika an der Reihe.
Das ist zwar nirgends bindend festgelegt, reicht aber erfahrungsgemäß völlig aus, um Karrieren elegant auszubremsen.
Die eigentliche Wahl findet wie immer dort statt, wo Demokratie nur dekorativ ist
Am Ende entscheidet formal die Generalversammlung.
Praktisch aber läuft alles über den Sicherheitsrat.
Und dort sitzen die fünf ständigen Mitglieder mit Vetorecht:
- USA
- Russland
- China
- Großbritannien
- Frankreich
Mit anderen Worten:
Die Weltgemeinschaft darf zuschauen, wie fünf Staaten versuchen, sich auf jemanden zu einigen, den sie jeweils nicht komplett ablehnen.
Das ist weniger ein Auswahlverfahren als ein diplomatischer Hindernislauf in Zeitlupe.
Die Aufgaben des neuen UNO-Chefs: Welt retten, Budget kürzen, Licht anlassen
Wer auch immer Guterres nachfolgt, bekommt keinen Traumjob, sondern eher eine Mischung aus:
- Krisenmanager,
- Friedensvermittler,
- Haushaltskonsolidierer,
- Klimadiplomat,
- KI-Erklärbär,
- und psychologischem Betreuer für eine auseinanderdriftende Weltordnung.
Neben Kriegen in Gaza, der Ukraine, dem Sudan und Spannungen rund um Iran kommt noch die vielleicht härteste Herausforderung hinzu:
Die UNO ist chronisch knapp bei Kasse.
Guterres muss im letzten Amtsjahr das Budget um rund 15 Prozent kürzen und die Zahl der Mitarbeitenden um fast 20 Prozent senken.
Mit anderen Worten:
Der nächste Generalsekretär soll bitte die Welt retten –
aber günstiger.
Ein Sprecher formulierte es bereits sinngemäß so, dass der Finanzchef kaum noch schlafe, während er versuche, „im Gebäude das Licht anzulassen“.
Das ist wahrscheinlich die präziseste Beschreibung des Zustands der Weltordnung im Jahr 2026.
Fazit: Große Weltpolitik, kleine Hoffnung – aber immerhin keine Baerbock-Kandidatur
Die Nachfolge von Antonio Guterres geht nun in die heiße Phase.
Offiziell ist alles offen.
Inoffiziell läuft es wie immer:
viel Symbolik, viel Gerede über Fortschritt, ein paar sehr qualifizierte Frauen – und am Ende vermutlich doch ein Kandidat, der vor allem deshalb gewinnt, weil ihn keine Vetomacht aktiv verhindern will.
Die gute Nachricht für alle, die in den letzten Jahren genug außenpolitische Selbstinszenierung erlebt haben:
Annalena Baerbock hat zwar das Verfahren eröffnet, steht aber nicht selbst auf dem Zettel.
Und das ist, je nach Blickwinkel, entweder ein Zeichen diplomatischer Reife
– oder der bislang größte Beitrag Deutschlands zur Stabilität der Vereinten Nationen.
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