Bozeman galt einst als beschauliche Universitätsstadt zwischen Bergen, Ranches und Skipisten. Seit der Pandemie ziehen Wohlhabende, Investoren und digitale Fernarbeiter in die Region. Immobilienpreise und Mieten steigen – während langjährige Bewohner fürchten, selbst aus einfachen Wohnwagensiedlungen verdrängt zu werden.
Die Rocky Mountains liegen noch immer am Horizont. Doch das Bozeman, in das Sara Folger vor Jahrzehnten zog, erkennt sie kaum wieder.
Die 73-Jährige lebt seit 17 Jahren in einem Wohnwagenpark am Rand der Stadt im US-Bundesstaat Montana. Früher, erinnert sie sich, sei Bozeman von Studenten, Cowboys, Skifahrern und Aussteigern geprägt gewesen. Heute bestimmen Baustellen, Luxusgeschäfte und Fahrzeuge mit auswärtigen Kennzeichen das Bild.
Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Bevölkerung stark gewachsen. Gleichzeitig haben sich die Immobilienpreise und Mieten in einer Geschwindigkeit erhöht, mit der die Einkommen vieler Einheimischer nicht Schritt halten konnten.
Während auf dem nahe gelegenen Flughafen Privatjets wohlhabende Besucher zu exklusiven Ferienanlagen bringen, kämpfen Bewohner einfacher Wohnwagensiedlungen um ihre Stellplätze.
Die Pandemie beschleunigte den Zuzug
Montana zog schon vor der Pandemie Menschen aus anderen Teilen der USA an. Der Bundesstaat gilt als landschaftlich spektakulär, dünn besiedelt und steuerlich vergleichsweise attraktiv. Es gibt weder eine allgemeine Verkaufssteuer noch eine Erbschaft- oder klassische Luxussteuer auf Ebene des Bundesstaates.
Mit der Pandemie verstärkte sich der Trend. Menschen aus teuren Großstädten an der Ost- und Westküste suchten größere Häuser, mehr Natur und Abstand zu Ballungsräumen. Wer seinen Arbeitsplatz ins Homeoffice verlegen konnte, musste nicht mehr in New York, San Francisco oder Los Angeles leben.
Für wohlhabende Käufer waren Immobilien in Montana trotz steigender Preise häufig noch erschwinglich. Für Menschen, die in Bozeman arbeiteten und dort bereits lebten, wurden sie dagegen zunehmend unbezahlbar.
Nach Angaben örtlicher Immobilienvertreter stiegen die Hauspreise innerhalb von zwei Jahren teilweise um rund 40 Prozent. Einheimische Interessenten verloren regelmäßig gegen auswärtige Käufer, die Häuser ohne Besichtigung und ohne Finanzierungsvorbehalt bar bezahlten.
Wenn der Laptop-Arbeitsplatz die Stadt verändert
Bozemans Bürgermeister Joey Morrison beschreibt eine Stadt, in der sich die soziale Zusammensetzung innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert hat.
Cafés seien plötzlich voller Menschen gewesen, die an ihren Computern für Unternehmen arbeiteten, die keinerlei Verbindung zu Montana hätten. Ihre Einkommen kamen aus Hochlohnregionen, ihre Lebenshaltungskosten sollten jedoch in Montana liegen.
Für lokale Beschäftigte hatte diese Entwicklung eine einfache Konsequenz: Die Mieten verdoppelten oder verdreifachten sich, während Löhne im Einzelhandel, in der Gastronomie, in Pflegeberufen oder im öffentlichen Dienst nicht annähernd im gleichen Umfang stiegen.
Morrison selbst wurde 2023 im Alter von 28 Jahren mit einem Programm gewählt, das sich vor allem auf bezahlbaren Wohnraum konzentrierte. Auch als Bürgermeister lebt er mit seiner Verlobten und zwei Mitbewohnern zusammen.
Ein Zimmer, das er vor etwa zehn Jahren für 333 Dollar monatlich gemietet hatte, koste heute rund 900 Dollar, berichtet er.
Der „Yellowstone-Effekt“
Viele Bewohner machen auch die Fernsehserie „Yellowstone“ für den Boom verantwortlich. Die Produktion mit Kevin Costner zeigt spektakuläre Landschaften, Ranches und einen romantisierten Lebensstil des amerikanischen Westens.
Die Serie erzählt zwar selbst von Konflikten zwischen alteingesessenen Ranchern und wohlhabenden Neuankömmlingen. Gleichzeitig soll sie bei Zuschauern den Wunsch ausgelöst haben, genau in jene Landschaft zu ziehen, deren Veränderung sie dramatisiert.
Aus einer fiktiven Geschichte über den Verlust einer Lebensweise wurde so möglicherweise ein Werbefilm für den Immobilienmarkt.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Menschen ziehen nach Montana, weil sie das vermeintlich ursprüngliche Montana bewundern – und tragen durch ihre Kaufkraft dazu bei, dass genau dieses Montana verschwindet.
Luxusrestaurants statt kleiner Geschäfte
Auch das Zentrum von Bozeman hat sich verändert. Kleine Läden wurden durch hochwertige Modegeschäfte, teure Restaurants und Anbieter maßgefertigter Cowboyhüte ersetzt.
Der Cowboyhut ist dabei weniger Arbeitskleidung als touristisches Accessoire. Westernromantik wird zur Ware, während Menschen, die tatsächlich in der Region arbeiten, zunehmend außerhalb wohnen müssen.
In gehobenen Restaurants werden einzelne Whiskeys für bis zu 170 Dollar ausgeschenkt. Besucher wundern sich über Preise, die andernorts deutlich niedriger liegen.
Die Antwort eines Gastes auf diese Beobachtung bringt die neue Realität der Stadt auf den Punkt: Das sei eben Bozeman.
Privatjets für den Yellowstone Club
Am Flughafen zeigt sich der Wohlstand besonders deutlich. Nach Angaben eines örtlichen Immobilienvertreters stehen dort an manchen Tagen zwischen 80 und 100 Privatjets.
Viele Passagiere reisen weiter zum exklusiven Yellowstone Club in Big Sky, rund eine Stunde südlich von Bozeman. Die abgeschirmte Ferienanlage ist für ihre prominenten und äußerst wohlhabenden Mitglieder bekannt. Immobilien kosten dort mehrere Millionen Dollar.
Der Flughafen wird derzeit erweitert. Die Infrastruktur passt sich damit an eine Bevölkerung und Kundschaft an, die über erheblich mehr Kapital verfügt als viele langjährige Bewohner der Region.
Die wirtschaftliche Entwicklung erzeugt Arbeitsplätze, Bauaufträge und Steuereinnahmen. Doch sie schafft zugleich eine Stadt, in der diejenigen, die Restaurants, Geschäfte, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen betreiben, kaum noch wohnen können.
Neue Wohnungen – aber nicht für die bisherigen Bewohner
Auf die steigenden Mieten reagierten Projektentwickler mit neuen Apartmenthäusern und Reihenhaussiedlungen.
Das Problem: Ein zusätzliches Angebot bedeutet nicht automatisch bezahlbaren Wohnraum. Viele Neubauten richten sich an dieselbe zahlungskräftige Kundschaft, die den Boom ausgelöst hat.
Für Einzimmerwohnungen werden teilweise 2.000 Dollar oder mehr pro Monat verlangt. Für Alleinstehende mit einem durchschnittlichen Einkommen vor Ort ist das kaum zu finanzieren.
Bewohner nehmen deshalb mehrere Arbeitsstellen an, ziehen mit zusätzlichen Mitbewohnern zusammen oder weichen in weiter entfernte Gemeinden aus. Die Folge sind längere Fahrten auf winterlichen Bergstraßen und eine stärkere Belastung der regionalen Infrastruktur.
Manche Paare verschieben nach Angaben des Bürgermeisters sogar ihren Kinderwunsch, weil sie keine ausreichend große und bezahlbare Wohnung finden.
Selbst der Wohnwagenpark wird zum Spekulationsobjekt
Wohnwagensiedlungen galten lange als eine der letzten Möglichkeiten, mit geringem Einkommen in der Region zu bleiben.
Die Bewohner besitzen häufig ihren Wohnwagen, nicht aber das Grundstück darunter. Für den Stellplatz zahlen sie monatliche Pacht. Steigt diese Pacht, können sie nicht einfach umziehen.
Der Begriff „mobiles Heim“ ist dabei oft irreführend. Ein Wohnwagen, der seit 20 oder 25 Jahren an derselben Stelle steht, kann vielfach nicht mehr transportiert werden. Leitungen, Anbauten und das Alter der Konstruktion machen einen Umzug teuer oder technisch unmöglich.
Für viele Bewohner steckt dennoch ihr gesamtes Vermögen in diesem Heim.
Wird der Stellplatz unbezahlbar oder der Park geschlossen, verlieren sie deshalb möglicherweise nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr einziges nennenswertes Eigentum.
Montanas erster Mietstreik seit Jahrzehnten
Als die Stellplatzmiete in zwei Wohnwagenparks um fast 100 Dollar monatlich steigen sollte, organisierten sich die Bewohner. Unterstützt von einer jungen Mietergewerkschaft traten sie im Mai in den Streik.
Nach Angaben der Organisatoren handelte es sich um den ersten größeren Mietstreik in Montana seit etwa 50 Jahren.
Kurz darauf wurde einer der Parks verkauft. Die Verwaltung übernahm ein Unternehmen aus Kalifornien – ausgerechnet aus jenem Bundesstaat, aus dem viele der wohlhabenden Zuzügler stammen.
Einige Bewohner akzeptierten inzwischen neue Bedingungen. Andere setzen den Widerstand fort. Ihre Sorge bleibt, dass die Grundstücke künftig lukrativer genutzt werden könnten als durch günstige Wohnwagenstellplätze.
„Wo sollen diese Menschen hin?“
Sara Folger arbeitet trotz ihres Alters in Teilzeit bei Whole Foods. Die gehobene Lebensmittelkette eröffnete 2023 ihre erste Filiale in Montana – ein weiteres Symbol für die veränderte Kundschaft der Stadt.
Folger sagt, viele Bewohner ihres Parks hätten keine Alternative. Sie könnten die höheren Mieten nicht dauerhaft zahlen, fänden aber auch keine andere Wohnung.
Für sie sei der Wohnwagenpark die letzte Station.
Die Frage, die sie stellt, ist einfach: Wo sollen diese Menschen hin?
Eine überzeugende Antwort gibt es bislang nicht.
Politischer Widerstand einer jungen Generation
Aus der Wohnungsnot ist in Bozeman eine politische Bewegung entstanden.
Bürgermeister Morrison war Mitbegründer der örtlichen Mietergewerkschaft. Die 25-jährige Katie Fire Thunder zog als Abgeordnete in das Parlament von Montana ein. Ein junger Gewerkschafter und ehemaliger Waldbrandbekämpfer gewann die demokratische Nominierung für einen Kongresswahlkreis gegen einen etablierteren Kandidaten.
Sie werfen der bisherigen Politik vor, kurzfristige Entscheidungen zugunsten der Wohlhabendsten zu treffen, während junge Menschen und Familien aus ihren Heimatorten verdrängt werden.
Die Forderungen reichen von stärkerem Mieterschutz über kommunalen Wohnungsbau bis zu Regeln, die Wohnwagenparks vor einer Umwandlung in teurere Immobilienprojekte schützen sollen.
Wachstum ist nicht automatisch Wohlstand für alle
Bozeman ist wirtschaftlich erfolgreich. Es wird gebaut, investiert und konsumiert. Der Flughafen wächst, Immobilien gewinnen an Wert und neue Unternehmen siedeln sich an.
Doch Wachstum und gesellschaftlicher Wohlstand sind nicht dasselbe.
Wer bereits ein Haus besaß, konnte durch den Boom reich werden. Wer zur Miete wohnte, muss denselben Boom über steigende Wohnkosten finanzieren. Wer von außerhalb Kapital mitbrachte, fand Chancen. Wer vor Ort von seinem Arbeitseinkommen lebt, wurde zum Kostenfaktor einer Stadt, die ihn weiterhin braucht.
Das zeigt sich besonders deutlich am Gegensatz zwischen Privatjet und Wohnwagenpark.
Oben landen Menschen, die für ein Wochenende anreisen und mehrere Millionen Dollar für ein Ferienhaus bezahlen können.
Unten kämpfen Bewohner darum, sich weiterhin den Boden leisten zu können, auf dem ihr jahrzehntealtes Zuhause steht.
Bozeman verkauft die Kulisse eines ursprünglichen Montana an die Reichen.
Die Menschen, die dieses Montana geprägt haben, können sich den Eintritt zunehmend nicht mehr leisten.
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