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Polizisten überwachten Ex-Partner und Bekannte – jetzt wird das Kamerasystem Flock selbst zum Fall

geralt (CC0), Pixabay
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Automatische Kennzeichenkameras sollen eigentlich Verbrechen aufklären, gestohlene Autos finden und Fahndungen erleichtern.

In mehreren US-Bundesstaaten scheint zumindest ein Teil der Nutzer allerdings eine etwas persönlichere Vorstellung vom Zweck moderner Polizeitechnik entwickelt zu haben.

Nach Recherchen von USA Today wurden mindestens drei weitere Polizeibeamte wegen des mutmaßlichen Missbrauchs des Kennzeichenerfassungssystems Flock festgenommen. Ein vierter wurde entlassen.

Damit steigt die Zahl der Polizisten und Mitarbeiter von Sheriff-Behörden, die nach den Recherchen festgenommen, suspendiert, entlassen oder intern untersucht wurden, auf 22.

Die Vorwürfe reichen von auffällig häufigen Abfragen einzelner Kennzeichen bis hin zur mutmaßlichen Überwachung früherer Partnerinnen.

Eine Technik, die eigentlich Kriminelle verfolgen sollte, wurde damit in manchen Fällen offenbar zur privaten Suchmaschine mit Polizeizugang.

189 Abfragen desselben Kennzeichens

Einer der auffälligsten Fälle kommt aus Florida.

Der ehemalige Polizeibeamte Josepher Crutchfield aus Fort Pierce wurde wegen vier mutmaßlicher Straftaten im Zusammenhang mit unbefugtem Zugriff auf ein Computernetzwerk angeklagt.

Eine Auswertung öffentlich zugänglicher Flock-Protokolle durch USA Today ergab, dass Crutchfield das Kennzeichen einer Frau innerhalb von acht Monaten im Jahr 2025 mindestens 189 Mal gesucht haben soll.

Kurz nachdem eine Journalistin die Frau kontaktiert hatte, beantragte diese bei einem Gericht in St. Lucie County eine Schutzanordnung gegen Crutchfield wegen Stalkings.

Crutchfield hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen bekannt.

189 Kennzeichenabfragen in acht Monaten sind jedenfalls eine Frequenz, bei der der Begriff „Routinekontrolle“ zunehmend Erklärungsbedarf bekommt.

1.146 Suchanfragen – Begründung: „SUSPICIOUS“ und „BOB“

Noch deutlich fleißiger war laut der Recherche ein Sheriff-Mitarbeiter im US-Bundesstaat Georgia.

Jose Ferrer vom Richmond County Sheriff’s Office soll dasselbe Kennzeichen zwischen Januar 2023 und Mai 2025 mindestens 1.146 Mal gesucht haben.

Als Gründe für die Abfragen trug er unter anderem „SUSPICIOUS“ und „BOB“ ein.

Was genau „BOB“ in diesem Zusammenhang bedeutet, bleibt unklar.

Für eine dienstliche Begründung scheint es jedenfalls nicht ausreichend gewesen zu sein.

Die Sheriff-Behörde erklärte später, die angegebenen Gründe hätten keinen legitimen polizeilichen Zweck erkennen lassen.

Erst nachdem ein Reporter im August nach Ferrers ungewöhnlich häufigen Abfragen gefragt hatte, wurde die Behörde nach eigenen Angaben auf den Fall aufmerksam.

Ferrer wurde festgenommen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war allerdings noch keine formelle Anklage bei Gericht eingereicht worden.

Mehr als 2.600 Abfragen des Kennzeichens der Ex-Freundin

Der vielleicht eindrücklichste Fall stammt aus dem Bundesstaat New York.

Laurie Moore, eine leitende Ermittlerin beim Albany County Sheriff’s Office, wurde wegen Amtsmissbrauchs und der Fälschung von Geschäftsunterlagen angeklagt.

Ausgangspunkt waren erneut Fragen von Journalisten.

Die Recherche hatte gezeigt, dass Moore zwischen November 2024 und September 2025 wiederholt vier Kennzeichen abgefragt hatte.

Eines davon mehr als 2.600 Mal.

Die anschließende interne Untersuchung ergab laut Sheriff Craig Apple, dass dieses Kennzeichen auf Moores ehemalige Freundin zugelassen war.

Auch vier weitere Kennzeichen soll Moore mehrfach ohne rechtmäßigen dienstlichen Grund gesucht haben.

Sie soll am 24. September vor Gericht erscheinen. Eine Einlassung zu den Vorwürfen lag zunächst offenbar nicht vor.

2.600 Abfragen desselben Kennzeichens sind im Durchschnitt mehrere pro Tag.

Irgendwann wird aus „polizeilichem Interesse“ statistisch eben doch eine ziemlich persönliche Angelegenheit.

Erst die Journalisten fragten, dann begannen die Ermittlungen

Bemerkenswert ist nicht nur, was einzelne Beamte getan haben sollen.

Bemerkenswert ist auch, wie manche Behörden davon erfuhren.

Mehrfach begannen interne Ermittlungen erst, nachdem Reporter nach ungewöhnlichen Suchmustern gefragt hatten.

Im Fall Moore erklärte eine Anwältin des Sheriff’s Office ausdrücklich, die Anfrage von USA Today sei der Auslöser für eine detailliertere Untersuchung gewesen.

Ähnlich lief es in Columbus, Ohio.

Dort wurde der Polizeibeamte Melvin Tellis entlassen, nachdem ein Reporter des Columbus Dispatch nachgefragt hatte, warum Tellis ein bestimmtes Kennzeichen zwischen November 2023 und Dezember 2024 mindestens 272 Mal gesucht hatte.

Polizeichefin Elaine Bryant erklärte später, Tellis habe die Abfragen aus persönlichen Gründen vorgenommen.

Man könnte daraus eine durchaus unangenehme Frage ableiten:

Wenn Journalisten die auffälligen Abfragemuster erkennen können – warum bemerkten sie die Behörden nicht vorher?

Columbus packt seine 65 Kameras in Säcke

Die Stadt Columbus reagierte jedenfalls vergleichsweise drastisch.

Bürgermeister Andrew Ginther ordnete eine unabhängige Prüfung an.

Bis geklärt ist, ob es sich um Einzelfälle oder um ein größeres Problem handelt, setzt die Stadt das gesamte Flock-System aus.

Die 65 Kameras sollen vorerst sogar mit Säcken abgedeckt werden.

Technologiepolitik kann manchmal überraschend analog enden.

Millionenteure Kamerainfrastruktur trifft Plastiksack.

Ginther erklärte, solange er den Einwohnern nicht versichern könne, dass der Missbrauch auf einzelne Personen beschränkt sei, könne er von ihnen auch kein Vertrauen in das System verlangen.

Auch andere Städte ziehen die Notbremse

Columbus ist damit kein Einzelfall.

Auch Polizeibehörden im St. Charles County in Missouri und in Lufkin, Texas, setzten ihren Einsatz der Flock-Kameras nach Fragen von USA Today aus.

In St. Charles County wurde ein Beamter suspendiert.

In Lufkin wurde der Polizist Zachary Klein mit mindestens 100 Straftatvorwürfen konfrontiert.

Er hat sich bislang nicht schuldig bekannt.

Damit hat sich die Debatte deutlich verschoben.

Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Beamte, die Regeln verletzt haben könnten.

Inzwischen wird grundsätzlich gefragt, ob Behörden überhaupt ausreichend kontrollieren können, wer solche Systeme nutzt, nach wem gesucht wird und warum.

Was Flock eigentlich macht

Flock-Kameras erfassen automatisch Kennzeichen vorbeifahrender Fahrzeuge.

Die Systeme können Fahrzeugbewegungen speichern und durchsuchbar machen.

Für Polizeibehörden ist das attraktiv.

Ein gestohlenes Auto lässt sich verfolgen.

Verdächtige Fahrzeuge können identifiziert werden.

Ermittler können nachvollziehen, wo bestimmte Kennzeichen gesehen wurden.

Doch genau darin liegt auch das Problem.

Wer Zugriff auf ein solches System hat, kann potenziell Bewegungen einzelner Personen rekonstruieren.

Und damit wird aus einer Fahndungstechnologie ziemlich schnell ein Überwachungsinstrument, sobald jemand beschließt, die Frage „Wo fährt dieses Auto herum?“ nicht aus dienstlichen, sondern aus privaten Gründen zu stellen.

Florida und Texas ziehen Konsequenzen

Der Widerstand gegen Flock erreicht inzwischen auch die Politik.

Floridas Gouverneur Ron DeSantis ließ den Einsatz der Kameras auf Straßen des Bundesstaats stoppen. Als Begründung wurden Datenschutzbedenken und Missbrauchsmöglichkeiten genannt.

Auch der texanische Gouverneur Greg Abbott ordnete an, dass der Bundesstaat keine Gelder mehr für Flock-Kameras bereitstellt.

Bemerkenswert daran ist, dass die Kritik inzwischen über Parteigrenzen hinweg reicht.

Sowohl republikanische als auch demokratische Politiker fordern Einschränkungen.

In Wisconsin verlangte der demokratische Politiker David Crowley Beschränkungen für Flock-Kameras auf Grundstücken des Countys.

Sein republikanischer Konkurrent Tom Tiffany sprach sich ebenfalls dafür aus, bestimmte staatliche Gelder für die Systeme zu sperren, bis stärkere Datenschutzregeln bestehen.

Datenschutz schafft offenbar gelegentlich doch noch politische Gemeinsamkeiten.

Im Kongress gibt es bereits den „Flock-Off Act“

Besonders subtil fällt der Name eines Gesetzesvorschlags im US-Kongress nicht aus.

Die republikanischen Abgeordneten Thomas Massie aus Kentucky und Eric Burlison aus Missouri brachten bereits im Juli den sogenannten „Flock-Off Act“ ein.

Der Entwurf würde es Bundesstaaten und Kommunen verbieten, Bundesmittel für automatische Kennzeichenkameras zu verwenden.

Bundesbehörden sollen solche Systeme nach dem Vorschlag überhaupt nicht mehr einsetzen dürfen.

Der Name lässt zumindest wenig Zweifel daran, wie begeistert die Initiatoren von der Technologie noch sind.

Das eigentliche Problem ist nicht die Kamera

Die Fälle zeigen allerdings auch, dass die Technik allein nicht das ganze Problem ist.

Eine Kamera kann nicht entscheiden, ob ein Polizist aus berechtigtem dienstlichem Interesse ein Kennzeichen sucht oder wissen möchte, wo seine Ex-Partnerin unterwegs ist.

Das Problem entsteht dort, wo enorme technische Möglichkeiten auf schwache interne Kontrollen treffen.

Wenn ein Beamter ein Kennzeichen Hunderte oder gar Tausende Male abfragen kann, ohne dass automatisch Alarm ausgelöst wird, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Aufsicht.

Warum gibt es offenbar keine wirksamen Systeme, die ungewöhnliche Suchmuster erkennen?

Warum werden manche Behörden erst aktiv, nachdem Reporter nachfragen?

Und wie viele missbräuchliche Abfragen wurden bislang überhaupt nicht entdeckt?

Aus Verbrecherjagd wird Vertrauenskrise

Flock wurde als Werkzeug verkauft, das Polizeiarbeit effizienter und Städte sicherer machen soll.

Nun hat die Technologie ein anderes Problem geschaffen:

Die Behörden müssen erklären, wie sie verhindern wollen, dass ihre eigenen Mitarbeiter sie missbrauchen.

Mindestens 22 Beamte oder Behördenmitarbeiter sind infolge der bisherigen Recherchen bereits festgenommen, entlassen, suspendiert oder Gegenstand von Ermittlungen geworden.

Mehrere Städte haben ihre Kameras abgeschaltet.

Bundesstaaten stellen die Finanzierung infrage.

Politiker fordern neue Gesetze.

Und in Columbus hängen mittlerweile Säcke über den Kameras.

Für eine Technologie, die eigentlich alles besser sehen sollte, ist das ein bemerkenswertes Ende der ersten Runde:

Nun wird vor allem sehr genau darauf geschaut, wer eigentlich die Beobachter beobachtet.

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