Früher hieß es in der Politik angeblich: Zahlen, Daten, Fakten. Heute scheint eher zu gelten: Gefühle, Befindlichkeiten und ein leichter Anflug von Weltuntergangsstimmung. Kein Wunder also, dass sich der „Tag der Parlamentsforschung“ nun der großen Frage widmet, warum sich immer mehr Menschen von Politik „überwältigt“ fühlen.
Die Antwort könnte erstaunlich einfach sein: Wer täglich Nachrichten konsumiert, in sozialen Netzwerken unterwegs ist und nebenbei noch versucht, Stromrechnung, Miete und Wocheneinkauf zu bezahlen, fühlt sich irgendwann zwangsläufig wie ein Kandidat in einer Dauerstaffel von „Wer wird überfordert?“.
Vom Zeitalter der Vernunft zum Zeitalter der Befindlichkeit
Jahrhundertelang glaubte man, politische Entscheidungen würden auf Basis von Vernunft getroffen. Diese romantische Vorstellung stammt noch aus der Aufklärung – einer Zeit, als Menschen ernsthaft dachten, Politiker würden sachlich argumentieren und Probleme logisch lösen.
Heute weiß man: Auch Politiker sind Menschen. Zumindest meistens. Und Menschen treffen Entscheidungen nicht nur mit dem Kopf, sondern häufig auch mit dem Bauch, dem Herzen oder der nächsten Umfrage.
Politologinnen und Soziologen erklären nun, dass Emotionen und Fakten gar keine Gegensätze seien. Für viele Bürger dürfte diese Erkenntnis wenig überraschend sein. Schließlich werden seit Jahren Wahlkämpfe geführt, bei denen Fakten oft nur als Gastdarsteller auftreten.
Wut als politischer Treibstoff
Besonders gut erforscht ist laut Wissenschaft die Wut. Wütende Menschen gehen häufiger wählen, demonstrieren öfter und boykottieren Produkte.
Mit anderen Worten: Wer sich über irgendetwas aufregt, ist politisch aktiver.
Das erklärt auch, warum manche Parteien offenbar jeden Morgen mit der Frage beginnen: „Worüber können wir die Leute heute empören?“
Die Antwort lautet meistens: über alles.
Die Gesellschaft im Dauerstress
Seit den 1970er Jahren, so die Experten, werde immer mehr über Gefühle gesprochen. Gleichzeitig habe sich die Gesellschaft individualisiert. Jeder soll sein eigenes Leben gestalten, seinen eigenen Weg gehen und seine eigene Wahrheit finden.
Das klingt zunächst wunderbar.
Bis man feststellt, dass man gleichzeitig Klimawandel, Inflation, Kriege, Migration, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Wohnungsnot und die Bedienungsanleitung der neuen Waschmaschine verstehen soll.
Kein Wunder also, dass viele Menschen irgendwann resigniert feststellen: „Früher war auch nicht alles besser – aber zumindest etwas übersichtlicher.“
Politik als globales Escape Room-Spiel
Die moderne Politik gleicht inzwischen einem gigantischen Escape Room.
Die Bürger bekommen täglich neue Rätsel präsentiert:
- Wie löst man den Klimawandel?
- Wie beendet man Kriege?
- Wie finanziert man den Sozialstaat?
- Warum kostet ein Kaffee mittlerweile fast so viel wie früher ein Kleinwagen?
Die Lösungen bleiben oft unklar, aber immerhin gibt es täglich neue Pressekonferenzen.
Die Pandemie und die Entdeckung des Sofas
Besonders interessant finden Forscher die Folgen der Corona-Pandemie.
Millionen Menschen entdeckten plötzlich die Vorteile des Homeoffice, der Onlinebestellung und des sozialen Kontakts per Bildschirm.
Viele merkten dabei: Andere Menschen können anstrengend sein.
Seitdem gibt es Bürger, die ihre gesamte Lebensplanung zwischen Couch, Lieferdienst und WLAN organisieren. Das macht politische Debatten nicht unbedingt einfacher.
Wer nur noch mit Menschen spricht, die exakt dieselbe Meinung haben, empfindet jede Gegenmeinung schnell als persönlichen Angriff oder als schweren Verstoß gegen die Menschenrechte.
Die große Kunst des Nicht-aushalten-Könnens
Laut Wissenschaft besteht eines der größten Probleme heute darin, dass viele Menschen unterschiedliche Meinungen kaum noch ertragen.
Früher stritt man sich am Stammtisch und trank danach gemeinsam ein Bier.
Heute reicht oft schon ein falscher Kommentar im Internet, um drei Freundschaften, zwei Familienfeiern und einen halben Bekanntenkreis dauerhaft zu zerstören.
Die Lösung: Mehr Zusammenhalt, weniger Drama
Die Forscher empfehlen der Politik deshalb, das Gefühl der Überforderung ernst zu nehmen und stärker auf gesellschaftlichen Zusammenhalt zu setzen.
Das klingt vernünftig.
Ob die Politik dafür allerdings das richtige Personal hat, bleibt offen.
Denn während Wissenschaftler über Rationalität und Emotion diskutieren, liefern viele Politiker täglich den Beweis, dass man beides gleichzeitig verlieren kann.
So bleibt am Ende die Erkenntnis: Die Menschen fühlen sich nicht von der Politik überwältigt, weil Politik so kompliziert geworden ist. Sondern weil sie manchmal wirkt wie eine Mischung aus Reality-Show, Therapiesitzung und Krisengipfel – nur ohne Werbepausen.
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