Vor der Küste Somalias wächst die Gefahr durch Piraten wieder deutlich. Innerhalb weniger Tage wurden zuletzt zwei Frachtschiffe im Golf von Aden gekapert. Seit Jahresbeginn wurden damit mindestens 13 Schiffe angegriffen – so viele wie seit Jahren nicht mehr.
Die Entwicklung sorgt für neue Sorgen um eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Denn gleichzeitig stehen internationale Schifffahrtswege durch den Krieg zwischen den USA und Iran sowie Blockaden in der Region ohnehin unter erheblichem Druck.
Experten sprechen von der größten Eskalation somalischer Piraterie seit mehr als einem Jahrzehnt.
Piraten nutzen das entstandene Sicherheitsvakuum
Ein wichtiger Grund für das Comeback der Piraten liegt offenbar weiter nördlich.
Die USA und Iran ringen um die Kontrolle der strategisch wichtigen Straße von Hormus. Gleichzeitig haben die mit Teheran verbündeten Huthi im Jemen eine gezielte Blockade in der Meerenge Bab al-Mandab verhängt, die den Zugang zum Roten Meer kontrolliert.
Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten gehen die Piraten davon aus, dass sich internationale Marineverbände stärker auf diese Krisen konzentrieren – und vor Somalia entsprechend weniger Kräfte zur Verfügung stehen.
Zwei Schiffe innerhalb weniger Tage gekapert
Zu den jüngsten Opfern gehört das unter kamerunischer Flagge fahrende Frachtschiff „MV Lutuf“. Es wurde am 17. August vor der Küste der halbautonomen somalischen Region Puntland angegriffen.
Nur wenige Tage später gelang es Piraten, den unter eritreischer Flagge fahrenden Tanker „MT Sibu 1“ nahe der jemenitischen Küste zu entern.
Die „Lutuf“ wurde inzwischen wieder freigegeben. Die Umstände sind allerdings umstritten.
Nach der Entführung kamen bei zwei Drohnenangriffen insgesamt 13 Männer ums Leben, die nach Angaben lokaler Stellen zu einem Unterstützernetzwerk der Piraten gehört haben sollen.
Wer für die Angriffe verantwortlich war, ist nicht abschließend geklärt. Vertreter aus Puntland machten die Türkei verantwortlich. Die BBC konnte diese Vorwürfe jedoch nicht unabhängig bestätigen.
Erinnerungen an die große Piratenkrise
Noch ist die Lage weit von den dramatischen Zuständen des Jahres 2011 entfernt.
Damals verübten somalische Piraten mehr als 200 Angriffe und hielten Hunderte Seeleute als Geiseln. Die Folgen kosteten die Weltwirtschaft Milliarden.
Eine koordinierte internationale Marinepräsenz sowie private Sicherheitskräfte auf Handelsschiffen konnten die Piraterie anschließend deutlich eindämmen.
Verschwunden waren die kriminellen Netzwerke allerdings nie. Experten weisen darauf hin, dass viele der wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Ursachen in Somalia bis heute bestehen.
Wut über ausländische Fischereiflotten
Auch lokale Probleme tragen zur neuen Pirateriewelle bei.
In Puntland wächst seit Jahren der Ärger über ausländische Fischereischiffe, denen vorgeworfen wird, die Gewässer vor Somalia zu überfischen. Für viele Küstengemeinden stellt der Fischfang eine der wichtigsten Lebensgrundlagen dar.
Gleichzeitig gibt es derzeit für Piraten mehr lohnende Ziele.
Wegen der Unsicherheit weiter nördlich verändern zahlreiche Handelsschiffe ihre Routen und fahren näher an der somalischen Küste entlang. Vor allem Tanker sind aufgrund der hohen Ölpreise besonders attraktive Ziele.
Weniger Marinepatrouillen und gleichzeitig mehr Schiffsverkehr ergeben aus Sicht der Piraten eine günstige Gelegenheit. Erfolgreiche Entführungen könnten außerdem Nachahmer auf den Plan rufen.
Millionenforderungen für gekaperte Schiffe
Nach Informationen der BBC wurden zeitweise sechs Schiffe gegen Lösegeldforderungen in Millionenhöhe festgehalten. Vier davon lagen nahe der Fischerstadt Bander Beyla, die seit Langem als Hochburg somalischer Piraten gilt.
Sicherheitsforscher vermuten außerdem Kontakte zwischen somalischen Piraten und kriminellen Gruppen im Jemen.
Für eine direkte Verbindung zu den vom Iran unterstützten Huthi gibt es bislang jedoch keine eindeutigen Hinweise. Ein zuletzt gekaperter Tanker soll sogar zu einer iranischen „Schattenflotte“ gehört haben, die Erdölprodukte unter Umgehung amerikanischer Sanktionen transportiert.
Rätsel um türkische Drohnenangriffe
Besonders brisant ist die Rolle der Türkei.
Somalische Sicherheitsvertreter behaupten, dass die „MV Lutuf“ Waffen und militärisches Material für eine türkische Ausbildungseinrichtung in Mogadischu geladen hatte.
Auch Satellitentechnik für eine von Ankara geplante Anlage nördlich der somalischen Hauptstadt soll sich an Bord befunden haben.
Vertreter Puntlands werfen der Türkei vor, mindestens einen der tödlichen Drohnenangriffe gegen mutmaßliche Piraten durchgeführt zu haben.
Das türkische Verteidigungsministerium erklärte lediglich, man unterstütze die somalischen Behörden im Rahmen der bestehenden Sicherheitsvereinbarungen. Zu den konkreten Vorwürfen über Drohnenangriffe äußerte sich Ankara nicht.
Streit über die Befreiung der „Lutuf“
Auch darüber, wie die „MV Lutuf“ schließlich freikam, gibt es widersprüchliche Darstellungen.
Die Regierung in Mogadischu erklärte, somalische Truppen hätten gemeinsam mit der Türkei eine Operation durchgeführt, bei der das Schiff befreit und 14 Piraten getötet worden seien.
Die Behörden in Puntland widersprechen. Ihrer Darstellung zufolge wurde stattdessen ein hohes Lösegeld gezahlt.
Sollte tatsächlich Lösegeld geflossen sein, könnte dies nach Ansicht der Regionalregierung weitere Piratenangriffe geradezu fördern.
Gefahr für Welthandel könnte weiter steigen
Von einer Rückkehr zu den schlimmsten Zeiten somalischer Piraterie kann bislang noch nicht gesprochen werden.
Doch die Voraussetzungen für eine weitere Eskalation sind vorhanden.
Solange der Krieg zwischen den USA und Iran anhält, internationale Marinekräfte an anderen Krisenherden gebunden sind und vor Somalia keine stärkere Abschreckung aufgebaut wird, dürften Piraten weiterhin Chancen wittern.
Damit gerät eine ohnehin stark belastete maritime Schlüsselregion zusätzlich unter Druck.
Für die internationale Handelsschifffahrt könnte der Golf von Aden damit erneut zu einem der gefährlichsten Seegebiete der Welt werden.
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