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Orbán ade: Ungarn wählt – und plötzlich merkt selbst die Dauerregierung, dass Wahlen kein Abo-Modell sind

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In Ungarn wird gewählt – und zwar so zahlreich wie selten zuvor.
Die Wahllokale sind voll, die Schlangen lang, die Nervosität spürbar.

Oder anders gesagt:

Nach 16 Jahren Orbán haben offenbar selbst viele Ungarn beschlossen, dass man Demokratie vielleicht doch nicht ausschließlich als Langzeitmiete für denselben Mann verstehen sollte.

Denn während Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Partei Fidesz versuchen, sich zum gefühlt zwölften Mal als natürliche Staatsform zu präsentieren, hofft Herausforderer Péter Magyar auf das, was in Ungarn inzwischen fast revolutionär klingt:

einen echten Machtwechsel.

16 Jahre Orbán – länger als manche Ehen, deutlich anstrengender

Sechzehn Jahre.
Das ist im politischen Betrieb keine Amtszeit mehr, das ist bereits Innenausstattung.

In dieser Zeit hat Orbán:

  • Institutionen umgebaut
  • die Verfassung nach eigenen Bedürfnissen frisiert
  • Brüssel genervt
  • Kiew blockiert
  • Moskau hofiert
  • Trump bewundert
  • und Ungarn so geführt, als wäre der Staat eine Mischung aus Familienbetrieb, Festung und Dauerwahlkampf

Wer heute in Budapest geboren wurde, kennt praktisch nur zwei Konstanten:

  1. Paprika
  2. Viktor Orbán

Und selbst beim Paprika gibt es inzwischen mehr Abwechslung.

Rekordbeteiligung – wenn plötzlich alle merken: Man kann ja wirklich wählen gehen

Die Wahlbeteiligung hat bereits vor Schließung der Wahllokale historische Werte erreicht.
Über 74 Prozent waren schon am späten Nachmittag gemeldet – Rekord.

Das ist in Ungarn ungefähr so, als würde das Land kollektiv sagen:

„So, Viktor, jetzt schauen wir mal, ob das mit der ewigen Regierungsfähigkeit wirklich so alternativlos ist.“

Politische Analysten halten sogar 80 Prozent Beteiligung für möglich.

Was das bedeutet?

Ganz einfach:

Wenn sehr viele Menschen zur Wahl gehen, ist das selten ein Zeichen dafür, dass alle finden: „Läuft super, bitte genauso weiter.“

Fidesz macht wieder Fidesz-Sachen: Feindbilder, Angst, Ukraine, Soros, nächstes Thema bitte

Natürlich lief auch dieser Wahlkampf im bewährten Orbán-Modus:

  • externe Bedrohung
  • innere Feinde
  • Europa will Ungarn was Böses
  • die Ukraine ist gefährlich
  • der Westen sowieso
  • und irgendwo steht immer noch ein Plakat, das schreit:
    „Nur wir retten euch!“

Früher waren es Migranten.
Dann war es Brüssel.
Dann Soros.
Dann die Ukraine.
Vermutlich wäre als Nächstes dran:

ein besonders aggressiver Toaster aus Straßburg.

Kurz gesagt:

Orbáns Wahlkampf funktioniert seit Jahren wie ein schlecht gelauntes Escape Room-Konzept: Irgendwo ist immer eine Bedrohung, und nur Viktor kennt angeblich den Ausgang.

Brüssel schaut zu, Moskau schaut zu, Washington schaut zu – und Orbán schaut vermutlich schon mal nervös auf die Hochrechnungen

Diese Wahl ist nicht nur für Ungarn wichtig.

Sie wird auch beobachtet von:

  • Brüssel, weil dort seit Jahren die Frage im Raum steht, ob Ungarn noch Demokratie spielt oder schon nur noch Dekoration betreibt
  • Washington, weil Orbán einer der zuverlässigsten Trump-Fans Europas ist
  • Kyjiw, weil Ungarn regelmäßig EU-Hilfen und Ukraine-Unterstützung blockiert
  • Moskau, weil der Kreml vermutlich ungern einen seiner bequemsten EU-Störer verlieren würde

Oder kürzer:

Wenn Orbán fällt, verlieren nicht nur Fidesz-Anhänger ihre gute Laune – sondern auch diverse Autokratie-Freunde ihren Lieblingskontakt in der EU.

Péter Magyar: Der Mann, der plötzlich das Unvorstellbare tut – Orbán nervös machen

Péter Magyar verspricht:

  • mehr Europa
  • weniger Vetternwirtschaft
  • Rückbau umstrittener Orbán-Reformen
  • Reformen bei Gesundheit und Bildung
  • und vor allem:
    nicht mehr jeden zweiten Tag so zu tun, als wolle die EU Ungarn in einen veganen Krieg zwingen

Das allein reicht offenbar schon, um große Teile des Landes denken zu lassen:

„Klingt ja fast schon nach normaler Regierung.“

Wahlbeobachter, Freiwillige und Motorräder – weil man in Ungarn lieber nochmal hinschaut

Besonders charmant – oder eher alarmierend – ist, dass freiwillige Netzwerke mit tausenden Helfern und sogar hunderten Motorradfahrern unterwegs sind, um mögliche Einschüchterung und Stimmenkauf zu beobachten.

Das ist in einer funktionierenden Demokratie eher ungewöhnlich.

In Orbáns Ungarn dagegen offenbar so etwas wie:

Wahlsonntag mit Bürgerinitiative und Zweitaktmotor.

Wenn man für freie Wahlen schon Dokumentarfilme, Kontrollnetzwerke und OSZE-Beobachter braucht, ist das jedenfalls kein Qualitätsmerkmal für das Regierungslager.

Und dann gibt es noch die Zwei-Schwänzige-Hunde-Partei, weil Satire in Ungarn inzwischen realistischer wirkt als manches Regierungsplakat

Natürlich stehen auch kleinere Parteien auf dem Stimmzettel.

Darunter: die legendäre Zwei-Schwänzige-Hunde-Partei.

Eine Satirepartei.

Und seien wir ehrlich:

In einem Land, in dem eine Satirepartei seriöser wirkt als manche Regierungskampagne, ist eigentlich schon alles gesagt.

Die eigentliche Pointe

Wenn Orbán verliert, wäre das nicht einfach nur ein Regierungswechsel.

Es wäre das Ende einer politischen Epoche, in der ein Regierungschef so lange im Amt war, dass viele schon dachten, er gehöre zur historischen Altstadt von Budapest.

Man müsste dann wahrscheinlich:

  • einige Porträts abhängen
  • ein paar Feindbild-Plakate recyceln
  • die staatlichen Medien kurz an die Existenz von Opposition erinnern
  • und Brüssel erstmal erklären, dass Ungarn theoretisch auch ohne Dauerprovokation funktionieren könnte

Fazit: Orbán ade? Vielleicht. Und allein das ist schon historisch.

Noch ist nichts entschieden.
Aber die Rekordbeteiligung zeigt:

Viele Ungarn haben offenbar keine Lust mehr auf dieselbe politische Dauerschleife aus Angstkampagne, Machtkonzentration und Ost-West-Drama mit Staatsfernsehen.

Nach 16 Jahren könnte das Land tatsächlich wieder entdecken, dass Wahlen mehr sein können als:

eine formschöne Bestätigung der immer gleichen Regierung.

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