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Netanjahus Kriegsbilanz: Viel Lärm, viele Tote – aber die eigenen Ziele klar verfehlt

jorono (CC0), Pixabay
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Während die vereinbarte Kampfpause im Krieg gegen den Iran international vor allem mit Erleichterung aufgenommen wurde, fällt die Bilanz für Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu im eigenen Land zunehmend vernichtend aus. Führende Kommentatoren, Oppositionspolitiker und selbst regierungsnahe Stimmen kommen zu einem für Netanjahu bitteren Ergebnis: Trotz militärischer Härte und massiver Zerstörung wurden die selbst ausgerufenen Kriegsziele nicht erreicht.

Zu Beginn des Krieges hatte Netanjahu laut israelischen Medien drei zentrale Ziele formuliert:
den Sturz des iranischen Regimes, die Zerschlagung des iranischen Atomprogramms und die Beseitigung der Bedrohung durch ballistische Raketen.

Doch genau an dieser Stelle beginnt das Problem:
Keines dieser Ziele wurde bislang erreicht.

Das Regime in Teheran ist weiterhin an der Macht. Die rund 440 Kilogramm angereichertes Uran sind weiterhin ein ungelöstes Problem. Und auch das iranische Raketenprogramm ist – trotz schwerer Schäden – keineswegs vollständig ausgeschaltet. Die israelische Zeitung Haaretz spricht deshalb von „oberflächlichen und unausgereiften Plänen“ sowie von gefährlichen Wunschvorstellungen, mit denen enorme Risiken eingegangen worden seien.

Besonders brisant: Laut Berichten der New York Times soll Netanjahu im Februar in Washington massiv dafür geworben haben, dass die USA militärisch eingreifen. Er habe Donald Trump demnach einen kurzen Krieg und sogar einen Regimewechsel im Iran in Aussicht gestellt. Zudem habe er argumentiert, die damalige Proteststimmung im Iran werde das Regime zusätzlich destabilisieren. US-Geheimdienste sahen das offenbar deutlich skeptischer, ebenso Marco Rubio und JD Vance. Trump entschied sich dennoch für den Angriff – mit bekannt fragwürdigem Ergebnis.

Für Netanjahu wird das nun zum politischen Bumerang.
Denn in Israel wächst die Einschätzung, dass dies nicht der große strategische Triumph, sondern eher das nächste Kapitel einer immer gleichen Inszenierung war: große Worte, maximale Eskalation – und am Ende ein Ergebnis, das weit hinter den Ankündigungen zurückbleibt.

Haaretz formuliert es drastisch: Es sei bereits das vierte Mal in Folge – in Gaza, einmal im Libanon und nun zweimal im Iran –, dass Netanjahus Versprechen vom „totalen Sieg“ und der Ausschaltung existenzieller Bedrohungen als leere Versprechungen endeten.

Auch auf der Plattform Times of Israel fällt die Analyse ernüchternd aus. Dort wird betont, dass Netanjahu vermutlich seine historische Chance hatte, aber selbst in einem für ihn günstigen Szenario seine Ziele nicht vollständig umsetzen konnte. Die Gründe liegen auf der Hand: Donald Trump steht vor den Midterm Elections, die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts – insbesondere durch die Krise rund um die Straße von Hormus – setzen die USA massiv unter Druck, und die Bereitschaft für eine weitere Eskalation dürfte in Washington sinken.

Die Opposition in Israel spart längst nicht mehr mit scharfer Kritik.
Oppositionsführer Yair Lapid wirft Netanjahu vor, politisch und strategisch komplett versagt zu haben. Wörtlich erklärte er, Netanjahu habe „kein einziges der Ziele erreicht, die er sich selbst gesetzt hatte“. Es handle sich um eine politische Katastrophe historischen Ausmaßes. Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass Israel bei Entscheidungen, die den Kern seiner nationalen Sicherheit betreffen, am Ende nicht einmal mehr wirklich mit am Tisch gesessen habe.

Auch Naftali Bennett, der den Angriff auf den Iran anfangs unterstützt hatte, schloss sich der Kritik an. Seine Warnung: Israel stehe nun einem geschwächten, aber rachsüchtigen Iran gegenüber – also genau jener Konstellation, die strategisch besonders gefährlich werden kann.

Zwar bestreiten auch kritische Stimmen nicht, dass der Iran militärisch erheblich getroffen wurde. Doch selbst dort, wo man Netanjahu noch wohlgesonnen ist, reicht es nur noch zu rhetorischen Rettungsversuchen. So schrieb die Jerusalem Post, Trump und Netanjahu hätten die Islamische Republik zwar nicht gestürzt, aber immerhin „unmöglich gemacht, sie aufrechtzuerhalten“. Das klingt weniger nach Sieg als nach verzweifelter Schönfärberei.

Hinzu kommt ein weiteres Problem:
Die Waffenruhe mit dem Iran steht auf wackeligen Beinen, weil Israel weiterhin Ziele im Libanon angreift. Genau das wird zunehmend zum politischen Minenfeld. Israel und die USA bestreiten zwar, dass die Feuerpause auch für den Libanon gilt, doch Iran und andere Vermittler sehen das anders. Die fortgesetzten Angriffe auf die Hisbollah gefährden damit unmittelbar die ohnehin fragile Lage.

Offenbar wächst selbst in Washington der Unmut. US-Medien berichten, dass Trump und sein Sondergesandter Steve Witkoff Druck auf Netanjahu ausgeübt haben sollen, die Angriffe im Libanon herunterzufahren. Gleichzeitig laufen Vorbereitungen für Gespräche zwischen Israel und dem Libanon in Washington. Ziel soll laut Netanjahus Büro die Entwaffnung der Hisbollah und langfristig sogar eine Art Friedensordnung sein. Doch auch hier gilt: Zwischen Ankündigung und Realität liegt im Nahen Osten oft ein Trümmerfeld.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Lage keineswegs unter Kontrolle ist, zeigt sich an der Straße von Hormus. Zwar hat erstmals seit der Waffenruhe wieder ein nicht-iranischer Tanker die Meerenge passiert, doch die Passage bleibt weiterhin genehmigungspflichtig durch den Iran. Das ist politisch wie wirtschaftlich hochbrisant. Denn selbst wenn erste Schiffe wieder fahren, bleibt die Route faktisch unter iranischer Kontrolle – und damit ein permanenter Hebel gegen die Weltwirtschaft.

Trump hat den Iran bereits gewarnt, keine Gebühren für die Durchfahrt zu verlangen. Doch die Realität ist:
Die Straße von Hormus ist nicht frei, sondern bestenfalls eingeschränkt und politisch kontrolliert passierbar. Für die Märkte, die Reeder und die westlichen Regierungen ist das alles andere als Entwarnung.

Auch innenpolitisch gerät Netanjahu zunehmend unter Druck.
Laut Umfragen ist die Zustimmung zu den Angriffen auf den Iran in Israel von über 80 Prozent zu Kriegsbeginn auf zuletzt 68 Prozent gesunken. Das ist zwar immer noch hoch, aber der Trend ist eindeutig. Noch problematischer: Netanjahus persönliche Werte bleiben schwach, und für die im Oktober erwartete Parlamentswahl sehen mehrere Umfragen die Opposition mittlerweile knapp vor einer möglichen absoluten Mehrheit.

Stärkste Kraft könnte dabei die neue Partei von Naftali Bennett werden. Sollte sich dieser Trend bestätigen, droht Netanjahu nach Jahren permanenter Eskalation, politischer Selbstdarstellung und strategischer Überdehnung genau an dem zu scheitern, was ihn so lange getragen hat: dem Bild des unersetzlichen Sicherheitsgaranten.

Auf iranischer Seite wird der Konflikt derweil – erwartungsgemäß – propagandistisch als Sieg verkauft. Der neue Revolutionsführer Modschtaba Chamenei, der seit seiner Ernennung im März nicht öffentlich aufgetreten ist und laut iranischen Angaben selbst verletzt wurde, ließ über das Staatsfernsehen eine Erklärung verlesen, in der der Iran als Sieger dargestellt wurde. Bild- oder Tonaufnahmen gab es keine. Auch das zeigt, wie sehr in diesem Krieg nicht nur Raketen, sondern vor allem Narrative im Einsatz sind.

Fazit:
Benjamin Netanjahu hat militärisch Härte demonstriert, aber politisch und strategisch steht er zunehmend mit leeren Händen da. Der Iran ist geschwächt, aber nicht besiegt. Das Regime steht. Das Atomproblem ist ungelöst. Die Raketenbedrohung besteht fort. Die Straße von Hormus bleibt ein geopolitischer Hebel Teherans. Und die Waffenruhe wird durch Israels Vorgehen im Libanon selbst wieder untergraben.

Für Netanjahu ist das kein Sieg, sondern eher die nächste Runde eines altbekannten Musters:
Maximale Rhetorik, maximale Eskalation – und am Ende ein „totaler Sieg“, der schon nach wenigen Tagen aussieht wie ein politisch verpacktes Teilversagen.

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