Nach dem größten bekannten Geburtshilfeskandal in der Geschichte des britischen Gesundheitsdienstes NHS wächst der Druck auf ehemalige und aktuelle Klinikverantwortliche. Der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting fordert, dass Führungskräfte, die eine Mitwirkung an der unabhängigen Untersuchung verweigert haben, vor einem Parlamentsausschuss aussagen müssen.
Hintergrund ist der Abschlussbericht der unabhängigen Untersuchung unter Leitung von Donna Ockenden. Die Überprüfung der Geburtshilfe am Nottingham University Hospitals NHS Trust dokumentierte schwerwiegende Versäumnisse. Demnach hätten Hunderte Mütter und Babys vermeidbare Schäden erlitten. In zahlreichen Fällen hätte eine andere medizinische Versorgung nach Einschätzung der Gutachter den Ausgang verändern können.
Für zusätzliche Kritik sorgt die mangelnde Kooperation einzelner Verantwortlicher. Von insgesamt 66 ehemaligen und aktuellen Führungskräften, die um eine Aussage gebeten wurden, beteiligte sich nur gut die Hälfte an der Untersuchung. Streeting spricht von einem inakzeptablen Verhalten und wirft den Betroffenen vor, den Familien eine ehrliche Aufarbeitung verweigert zu haben. Nach seiner Auffassung müsse das Parlament seine Befugnisse nutzen, um die Verantwortlichen zur Aussage zu verpflichten.
Unterstützung erhält die Forderung nach mehr Rechenschaft grundsätzlich auch von Angehörigen betroffener Familien. Gleichzeitig warnen sie davor, laufende strafrechtliche Ermittlungen zu gefährden. Der Arzt und Whistleblower Jack Hawkins, dessen Tochter Harriet 2016 tot zur Welt kam, plädiert stattdessen für eine gesetzlich verankerte öffentliche Untersuchung. Dort könnten Zeugen unter Eid aussagen und umfassend befragt werden.
Auch Gary und Sarah Andrews, deren Tochter Wynter kurz nach ihrer Geburt starb, verlangen eine vollständige Aufklärung. Für sie stehe weniger die politische Debatte als vielmehr die persönliche Verantwortung der damaligen Entscheidungsträger im Mittelpunkt. Die Familien fordern seit Jahren Transparenz und Konsequenzen für diejenigen, die Warnsignale ignoriert oder vertuscht haben sollen.
Die britische Regierung hat bereits angekündigt, die Regeln für künftige Untersuchungen zu verschärfen. Ehemalige und aktive NHS-Beschäftigte sollen künftig verpflichtet werden können, an unabhängigen Untersuchungen mitzuwirken. Wer sich ohne triftigen Grund verweigert, könnte nach den geplanten gesetzlichen Änderungen mit empfindlichen Strafen rechnen.
Der Fall Nottingham gilt inzwischen als Symbol für tiefgreifende strukturelle Probleme im britischen Gesundheitswesen. Für die betroffenen Familien ist die Aufarbeitung noch längst nicht abgeschlossen. Sie hoffen, dass aus den Erkenntnissen der Untersuchung konkrete Reformen entstehen – und sich eine Tragödie dieses Ausmaßes künftig nicht wiederholt.
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