Mit der Karte mehr Unnötiges kaufen

Mit der Kreditkarte kann bequem eingekauft werden. Da wir beim Shoppen schnell die Kontrolle verlieren, bleibt die Finanzplanung im Grauen und am Monatsende das Grauen. 

Die Ruhe der schwäbischen Hausfrau hat viele Jahre Sparsamkeit und Gewissenhaftigkeit als Ideal repräsentiert – im Ländle, in ganz Deutschland bewundert. Als Deutsche sind wir von dem Rollenmodell nicht losgekommen, obwohl die Bundeskanzlerin in der Euro-Krise uns  beschworen hat daran festzuhalten. Plötzlich leben wir dennoch über unsere Verhältnisse. Die Konsumfreude ist so groß wie vor fast 20 Jahren (s. Marktforschungsinstituts GfK). Haushaltspläne aufstellen und Einkaufslisten führen, um jede Anschaffung durchzurechnen ist durch die Neigung ersetzt worden mehr Geld auszugeben.

Das empfundene Grau der schwäbischen Hausfrau ist in den Hintergrund gerückt:

Die Deutschen betrachten die Stimmung der Konjunktur, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und die eigene Finanzlage mit Zufriedenheit. Niedrige Zinsen machen das Sparen wenig attraktiv und tragen die Kauflust. Höhere Zinsen werden erhofft, erwartet und befürchtet – für den zitierten Kreis deutscher Bürger des Mittelstands ist Sparen Argument, um bei niedrigen Zinsen davon abzusehen (bringt nichts) und bei hohen Zinsen es zu vermeiden, da die Inflation „hart Erspartes“ vernichtet. Obwohl genannte Deutsche das Bargeld lieben und angeblich sparen, außer wenn es nichts bringt oder durch Entwertung vernichtet wird, werden in Geschäften weniger Scheine und Münzen als Plastik präsentiert – EC-Karte oder  Kreditkarte sind Trumpfkarten.

Auch trotzdem Sparende meinen, dass die Art zu zahlen belanglos sei. Von dieser Gruppe wird Geld gespart, obwohl es nichts bringt, die „riskante“ Aktie missachtet und weniger riskante Anlageformen (z. B. ETFs) im Bereich des Unbekannten belassen. Mündige Bürger treffen qualifiziert Kaufentscheidungen und bewahren die Kontrolle über ihre Ausgaben.

Stimmt aber nicht!  Ökonomen lehren, dass die Zahlung mit Karte in Geschäften zu mehr Ausgaben verführt als sich beim Betreten des Geschäfts vorgenommen worden war. Das Einkaufsverhalten verändert sich: Wer mit Karte zahlt, greift in Lebensmittelläden häufiger zu Produkten, die er wegen seiner Gesundheit im Regal liegen lassen sollte. Chips, Speiseeis und Schokoriegel, die spontan im Einkaufswagen landen, sind  Impulskäufe.

Deutsche geben an den Supermarktkassen und bei Discountern am meisten aus. Der durchschnittliche Einkaufsbetrag ist in den vergangenen Jahren gestiegen – in fünf Jahren um 50 Prozent! Die Teuerungsrate liegt bei weniger als 2 Prozent – bei Produkten des täglichen Bedarfs sind es 2,4 Prozent: Wir gönnen uns mehr “Leben“. Kunden können heute neben der Kreditkarte mit dem Smartphone oder kontaktlos mit der herkömmlichen Girocard bezahlen, also ohne eine Geheimzahl einzutippen oder eine Lastschrift zu unterschreiben. Einfach die Karte vors Lesegerät halten und fertig!

Einzelhändler müssen technische Gerätschaften anschaffen, die fürs schnelle Bezahlen nötig sind. Sie sparen bei der Haltung und Entsorgung von Bargeld. Supermärkte, Tankstellen und andere Händler bieten ihren Kunden an zusätzlich kostenlos Geld abzuheben. Effekt der modernen Bezahlmöglichkeiten ist es, dass die Kunden mehr ausgeben.
Regional ist das keineswegs einheitlich. Zahlungen mit Plastikkarte haben in Süddeutschland – der Leser möge versuchen auf Nordseeinseln mit Karte zu bezahlen – und allen Metropolen zugenommen. Deutsche geben in Städten mehr Geld aus und verzichten auf Bargeldzahlungen.

Im Portemonnaie ist zu erkennen, wie viele Scheine oder Münzen noch vorhanden sind – laut Wissenschaftlern „Erinnerungsfunktion des Bargeldes“. Wer seine Ausgaben kontrollieren will, zahlt bar. Wer öfter mit Karte zahlt, dem drohen am Ende eines Monats mit der Kreditkarten-abrechnung oder bei „überzogener“ Karte Überraschungen. Wirtschaftswissenschaftler warnen: „Always leave home without it“. Amerikanische Forscher haben festgestellt, dass die Kreditkarte zu Hause eher den kontrollierten Einsatz von Bargeld für geplante Ausgaben bewirkt.

Psychologisch orientierte  Zahlungsbereitschaft hat das Massachusetts Institute of Technology getestet. Eintrittskarten für ein „ausverkauftes“ Spitzenspiel der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA sollten bar 28 Dollar kosten; bei Kartenzahlung waren die Interessenten bereit bis zu 60 Dollar je Ticket zu zahlen.

Fahrgäste in Taxis geben mehr aus, sobald sie mit Kreditkarte bezahlen können. Als in den New Yorker Taxis nur Barzahlung möglich war, erhielten die Fahrer etwa zehn Prozent Trinkgeld. Mit Einführung der Kartenzahlung stieg das durchschnittliche Trinkgeld auf 22 Prozent – begleitet von einem Trick: Wer mit Karte zahlt, kann auf dem Lesegerät eigenständig einen Betrag eingeben oder einen vorgeschlagenen Betrag von 20 – 30 Prozent per Knopfdruck bestätigen. Die meisten Kartenzahler entscheiden sich für die einfache und schnelle Variante.

In der deutschen Gastronomie fällt das Trinkgeld höher aus, wenn mehr Gäste mit Karte bezahlen. Die Gehirnforschung hat das Schmerzzentrum im Gehirn als Auslöser ermittelt, das aktiviert wird, wenn ein Preis ersichtlich wird und es ans Bezahlen geht. Der Verlustschmerz ist geringer, wenn die Zahlung abstrakt mit Karte, Smartphone oder über Online-Bezahldienste wie Paypal oder Paydirekt erfolgt.

„Schmerzfreies“ Bezahlen kann Verbraucher die Kontrolle über ihre Ernährung entziehen. Single-Haushalte „lassen“ Süßigkeiten und Kuchen öfter in den Einkaufswagen fallen, wenn die Verbraucher nicht bar bezahlen, sondern mit der Plastikkarte. Vergnügen ohne „handfestes Geld“ haben Folgen für den Haushaltsetat und die Volksgesundheit. Wenn mehr ungesunde Waren gekauft werden, steigt das Risiko von Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – analog liegen die Gesundheitskosten höher. Konsequenz: Barzahler leben gesünder.

Sind bequemes Bezahlen und Selbstbestimmung vereinbar? Beim mobilen Bezahlen mit dem Smartphone kann nach jedem Einkauf nicht nur der Bon, sondern gleichzeitig auch der neue Kontostand angezeigt werden. Zahlen auf dem Display weisen jedes Mal darauf hin, wie bisher verfügbares Geld schwindet. Auch nach Wegfall des Smartphones werden dem Nutzer seine Verfügbarkeiten virtuell – ohne Einsicht für den Kassennachbarn – angezeigt. Vielleicht gibt der Verbraucher dann besser auf sein Geld acht!

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