Der Konflikt zwischen der Uefa und dem Weltfußballverband Fifa ist eskaliert. Europas Fußball-Dachverband kündigte an, gemeinsam mit seinen Mitgliedsverbänden nicht mehr an Fifa-Wettbewerben teilzunehmen, sollte ein umstrittenes Finanzierungsmodell von Fifa-Präsident Gianni Infantino umgesetzt werden.
Auslöser ist der Plan, einen Anteil von 20 Prozent an einer Tochtergesellschaft zu veräußern, über die künftig die großen Fifa-Wettbewerbe organisiert werden sollen. Dazu zählt auch die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Gesellschaft soll zwar weiterhin unter Kontrolle der Fifa stehen, zugleich aber durch private Investoren mitfinanziert werden.
Zu den möglichen Geldgebern soll auch ein Angehöriger der Familie des US-Investors Joshua Kushner gehören. Genau diese Verflechtung sorgt bei zahlreichen Verbänden für zusätzlichen Unmut. Kritiker werfen Infantino vor, ein Modell voranzutreiben, das weder ausreichend beraten noch transparent abgestimmt worden sei.
Boykottdrohung mit weitreichenden Folgen
Sollte das Finanzierungsmodell angenommen werden, könnte die Uefa ihren Boykott tatsächlich umsetzen. Noch ist jedoch völlig offen, wie ein solcher Schritt praktisch aussehen würde.
Bereits im September beginnt die U20-Weltmeisterschaft der Frauen in Polen. Mehrere europäische Nationen nehmen daran teil. Da die Frist für die Zustimmung zum Fifa-Modell erst am 19. September endet, wäre theoretisch sogar ein Rückzug während des laufenden Turniers denkbar.
Danach stehen im Oktober die Play-offs zur Frauen-Weltmeisterschaft an. Davon betroffen wären unter anderem England, Schottland, Wales und Nordirland. Gerade für Nationen, die vor einer möglichen erstmaligen WM-Qualifikation stehen, wäre ein Rückzug sportlich besonders bitter.
Uefa-Vizepräsidentin Laura McAllister machte deutlich, dass niemand wolle, dass Spielerinnen, Spieler oder Nationalmannschaften unter dem Streit leiden. Zugleich betonte sie, die Ursache des Konflikts liege bei der Fifa. Europas Verbände seien durch das Vorgehen des Weltverbands in diese Lage gedrängt worden.
Auch Concacaf stellt sich gegen Infantino
Der Widerstand beschränkt sich nicht auf Europa. Auch der nord- und mittelamerikanische Verband Concacaf erklärte, seine 41 Mitgliedsverbände lehnten die Vorschläge ab.
Mehrere führende Funktionäre nationaler Verbände stellten sich ebenfalls klar gegen das Projekt. Der englische Fußballverband erklärte, geschlossen an der Seite der europäischen Partner zu stehen. Auch der schottische Verband unterstützte die Uefa-Position ausdrücklich.
Besonders groß ist der Ärger offenbar über die Art und Weise, wie Infantino das Vorhaben vorangetrieben haben soll. Kritisiert werden eine unzureichende Einbindung der Verbände, fehlende Gespräche und mangelnde Transparenz. Selbst innerhalb der Fifa soll es erhebliche Irritationen geben.
Die Fifa weist die Vorwürfe zurück. In einer Stellungnahme erklärte der Weltverband, die Beratungen seien durch fehlerhafte Medienberichte beeinträchtigt worden. Zugleich versicherte die Fifa, man respektiere die geäußerten Bedenken und halte an einem offenen sowie demokratischen Konsultationsprozess fest. Von einem Verkauf des Fußballs könne keine Rede sein.
Kann Infantino im Amt bleiben?
Die Krise wirft zunehmend die Frage auf, ob Gianni Infantino politisch noch zu halten ist. Der Schweizer steht seit 2016 an der Spitze der Fifa und will im kommenden März erneut zur Wahl antreten.
Bislang galt eine weitere Amtszeit als nahezu sicher. Mehrere Verbände hatten bereits angekündigt, den 56-Jährigen erneut zu unterstützen. Doch nach dem jüngsten Konflikt scheint seine Position deutlich geschwächt.
Aus dem Umfeld der Concacaf heißt es, zahlreiche Mitgliedsverbände hätten das Vertrauen in Infantinos Führungsstil verloren oder zweifelten inzwischen grundsätzlich an seiner Fähigkeit, den Weltfußballverband weiterzuführen.
Deshalb wird bereits über mögliche Gegenkandidaten gesprochen. Genannt wurde unter anderem Nasser Al-Khelaifi, Präsident von Paris Saint-Germain und Vorsitzender des europäischen Klubverbands European Football Clubs.
Al-Khelaifi gilt als einer der einflussreichsten Funktionäre im internationalen Fußball. Nach dem Scheitern der Super League übernahm er die Führung der damaligen European Clubs Association und baute den Verband auf mehr als 800 Mitglieder aus. Aus seinem Umfeld wird allerdings betont, dass er kein Interesse am Amt des Fifa-Präsidenten habe.
Historisch ungewöhnliche Situation
Gegen amtierende Fifa-Präsidenten gibt es traditionell nur selten ernsthafte Gegenkandidaturen. Der letzte Amtsinhaber, der bei einer Wahl unterlag, war der Engländer Stanley Rous im Jahr 1974. Damals verlor er gegen den Brasilianer João Havelange.
Ob Infantino tatsächlich gestürzt werden könnte, hängt vor allem davon ab, wie viele der 211 nationalen Mitgliedsverbände weiterhin hinter ihm stehen. In gewöhnlichen Organisationen wäre ein Rückzug nach einer politischen Niederlage dieser Größenordnung wahrscheinlich. Die Fifa folgt jedoch seit jeher eigenen Machtmechanismen.
Ehemalige Spitzenfunktionäre der Uefa halten einen personellen Neuanfang inzwischen für denkbar. Sie werfen Infantino vor, seine Macht überschätzt zu haben. Einige fordern sogar eine grundlegende Reform des Weltverbands, bei der die Präsidentschaft künftig zwischen den Kontinentalverbänden wechseln könnte.
Eine Spaltung wäre für beide Seiten riskant
Sportlich und wirtschaftlich hätte ein Ausschluss Europas massive Folgen. Die Uefa vertritt zwar nur 55 der insgesamt 211 Fifa-Mitgliedsverbände, stellt aber den stärksten Kontinentalverband.
Bei den vergangenen Ausgaben der Männer-Weltmeisterschaft, der Frauen-Weltmeisterschaft und der Klub-Weltmeisterschaft kamen jeweils drei der vier Halbfinalisten aus Europa. Ohne europäische Mannschaften würden die wichtigsten Fifa-Wettbewerbe erheblich an sportlichem Wert, Zuschauerinteresse und Vermarktungskraft verlieren.
Damit wären auch die wirtschaftlichen Prognosen gefährdet, die Infantino den Verbänden vorgestellt hat. Die Fifa hatte den Wert ihrer geplanten Wettbewerbsstruktur mit bis zu 40 Milliarden Dollar beziffert.
Eine dauerhafte Spaltung gilt dennoch als unwahrscheinlich. Die Fifa kann langfristig kaum auf europäische Nationalmannschaften und Klubs verzichten. Umgekehrt hätte auch die Uefa wenig Interesse daran, sich dauerhaft von Weltmeisterschaften und anderen globalen Turnieren zurückzuziehen.
Die wahrscheinlichste Lösung bleibt deshalb ein Kompromiss. Dafür müsste Infantino sein Finanzierungsmodell allerdings deutlich verändern oder vollständig zurückziehen. Sollte er dazu nicht bereit sein, könnte aus dem aktuellen Streit eine der schwersten Führungskrisen in der Geschichte des Weltfußballs werden.
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