Es gibt Fußballspiele, nach denen man zufrieden nach Hause geht. Es gibt Spiele, nach denen man sich ärgert. Und dann gibt es Spiele des 1. FC Lok Leipzig, nach denen man prüft, ob die Krankenkasse eigentlich nervenschonende Beruhigungsmittel bezuschusst.
Dieses 3:3 gegen die zweite Mannschaft des 1. FC Magdeburg gehörte eindeutig zur dritten Kategorie.
Dabei fing alles so verheißungsvoll an. Lok startete wie die Feuerwehr, war wach, griffig und offensiv. Bornschein, Öztürk, Adetula – alle machten ordentlich Betrieb. Nach drei Minuten dachte man als Lok-Fan noch: Heute wird das ein entspannter Nachmittag.
Ein Satz, den man als Lok-Anhänger niemals laut aussprechen sollte.
Erst Pfosten, dann Rückstand – natürlich in dieser Reihenfolge
In der zehnten Minute geschah das, was immer geschieht, wenn Lok eigentlich besser ist: Magdeburg traf.
Die Ecke war im Grunde schon geklärt, doch Baars holte sich den Ball zurück, flankte butterweich und der erst 17-jährige Rick Lemke köpfte zum 0:1 ein. Kaltschnäuzig, sauber gespielt – und aus Lok-Sicht natürlich vollkommen unnötig.
Besonders schön: Sekunden vorher hatte Adetula noch den Pfosten getroffen. Statt 1:0 also 0:1. Fußball kann sehr unterhaltsam sein, wenn man nicht gerade Fan der betroffenen Mannschaft ist.
Lok ließ sich aber nicht beeindrucken. Adetula vernaschte mehrere Gegenspieler, Bornschein köpfte vorbei, Kampa segelte an einer Ecke vorbei und Magdeburg wackelte. Nur das Tor wollte zunächst nicht fallen.
Dann gab es nach einem Foul an Rühlemann Elfmeter. Klare Sache. Farid Abderrahmane trat an und verwandelte eiskalt in die Mitte. Endlich das verdiente 1:1.
Kurz vor der Pause setzte Simon Schierack noch einen drauf und lupfte Lok zum 2:1. Da saß man auf der Tribüne, nickte zufrieden und dachte: Jetzt haben sie es verstanden.
Auch dieser Gedanke erwies sich als gefährlich.
Beim 3:1 war die Welt noch in Ordnung
Nach der Pause spielte Lok zunächst weiter richtig guten Fußball. Bornschein war plötzlich überall, tunnelte Gegenspieler, zwang Kampa zu einer Glanztat und vollendete schließlich einen wunderschönen Angriff zum 3:1.
Öztürk mit einem Außenristpass, Adetula mit Übersicht, Bornschein mit dem Abschluss – ein Angriff wie aus dem Lehrbuch.
3:1 nach 52 Minuten. Der Meister führte verdient. Magdeburg wirkte angeschlagen. Auf den Rängen begann man vorsichtig zu überlegen, ob heute vielleicht sogar ein ruhiger Sieg möglich wäre.
Als langjähriger Lok-Fan hätte ich in diesem Moment eigentlich wissen müssen, dass noch irgendetwas passieren wird.
Und es passierte.
Wechsel rein, Faden raus
Lok wechselte, Magdeburg wechselte, und plötzlich war unser schöner Spielfluss offenbar mit ausgewechselt worden.
In der 70. Minute kam der gerade eingewechselte Patrick Vuc nicht richtig in den Zweikampf. Mergner legte auf Manthey ab, und der traf aus acht Metern zum 3:2.
Jener Manthey, der zuvor kaum eine Aktion hatte. Natürlich trifft genau der. So steht es vermutlich in irgendeinem geheimen Regionalliga-Drehbuch.
Nur drei Minuten später war der Vorsprung komplett dahin. Lok wurde ausgekontert, Magnus Baars bekam den Ball und hämmerte ihn ins kurze Eck.
3:3.
Innerhalb von drei Minuten hatte Lok aus einem scheinbar komfortablen 3:1 ein völlig offenes Spiel gemacht. Mein Nachbar suchte bereits nach seinem Blutdruckmessgerät, ich hielt zu diesem Zeitpunkt das erste Haarbüschel in der Hand.
Ziane fast mit dem Traumtor
Danach wurde es endgültig wild. Beide Mannschaften suchten die Entscheidung. Das Eintrittsgeld hatte sich zweifellos gelohnt – jedenfalls für neutrale Zuschauer und Menschen mit einem ungewöhnlichen Interesse an emotionalen Extremsituationen.
Djamal Ziane nahm eine Flanke technisch großartig an und versuchte es per Seitfallzieher. Wäre der Ball reingegangen, hätte man vermutlich noch in zehn Jahren davon gesprochen. Leider scheiterte er.
Auf der anderen Seite setzte sich Bräunling durch und spielte den Ball gefährlich in die Mitte. Lok klärte mit einer Mischung aus Glück, Geschick und vermutlich göttlicher Unterstützung.
Dann hatte Magdeburgs Torhüter Kampa plötzlich Probleme bei einem hohen Ball. Lok machte nichts daraus. Auch das passte zu diesem Nachmittag: Chancen lagen herum, aber niemand wollte sie zuverlässig einsammeln.
Und dann kam die 84. Minute
In der Schlussphase geschah schließlich jene Szene, bei der selbst der treueste Lok-Fan kurz sehr still wurde.
Ein Magdeburger ging im Strafraum zu Boden. Schiedsrichter Wartmann ließ weiterspielen.
Auf den ersten Blick sah es durchaus nach Elfmeter aus.
Man kann es auch deutlicher sagen: Da hatten wir möglicherweise ziemlich großes Glück.
Ich habe in diesem Moment nicht protestiert, nicht diskutiert und auch keine Zeitlupe verlangt. Als Fan erkennt man manchmal instinktiv, wann Schweigen die beste Form der Dankbarkeit ist.
Der Schiedsrichter zeigte nicht auf den Punkt, Magdeburg bekam keinen Strafstoß und Lok rettete das 3:3 über die Zeit.
Ein Punkt, drei Tore und zehn Jahre weniger Lebenserwartung
Was bleibt?
Lok spielte phasenweise richtig stark. Die Mannschaft reagierte gut auf den frühen Rückstand, drehte das Spiel und führte verdient mit 3:1. Bornschein war brandgefährlich, Öztürk überzeugte mit feinen Pässen und Adetula sorgte immer wieder für Unruhe.
Aber dann verlor Lok nach den Wechseln völlig den Faden, kassierte innerhalb weniger Minuten zwei Gegentore und konnte am Ende sogar froh sein, dass der Schiedsrichter Magdeburg nicht noch einen Elfmeter zusprach.
Ein 3:3, das sich irgendwie wie zwei verschenkte Punkte und gleichzeitig wie ein geretteter Punkt anfühlt. Das muss man auch erst einmal schaffen.
Das Eintrittsgeld hat sich gelohnt. Die Zuschauer bekamen sechs Tore, Pfostentreffer, einen Elfmeter, einen beinahe gelungenen Seitfallzieher, technische Probleme beim Ergebnisdienst und eine Schlussphase, die kardiologisch vermutlich nicht ganz unbedenklich war.
Ich gehe jedenfalls mit gemischten Gefühlen nach Hause.
Der Punkt ist noch da.
Meine Nerven eher nicht.
Und das Haarbüschel in meiner Hand erinnert mich daran, dass die Saison gerade erst begonnen hat.
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