Als 1860-Fan dachte ich eigentlich, ich hätte schon alles erlebt.
Abstiege. Aufstiege. Fast-Aufstiege. Finanzlöcher. Investorenstreit. Trainerwechsel im Wochenrhythmus. Pressekonferenzen, die spannender waren als manche Spiele.
Aber selbst für Löwen-Verhältnisse ist die aktuelle Situation beeindruckend:
Wir haben 56 Paletten Trikots geliefert bekommen.
Das Problem?
Uns fehlen die Leute, die sie anziehen sollen.
Der Traum jedes Fanshop-Managers
Andere Vereine präsentieren Neuzugänge.
1860 präsentiert Paletten.
Während Schweinfurt Testspiele plant und Buchbach Trainingslager organisiert, stehen bei uns vermutlich irgendwo in Giesing 56 Paletten Meistertrikots von 1966 herum und fragen sich:
„Entschuldigung, wo ist eigentlich die Mannschaft?“
Antwort:
„Gute Frage. Nächste Frage.“
Immerhin haben wir einen Kader
Also fast.
Aktuell besteht die Kaderplanung ungefähr aus:
- ein paar Jugendspieler,
- einigen Gerüchten,
- drei WhatsApp-Gruppen,
- Hoffnung,
- Verzweiflung,
- und einem Taschenrechner.
Vertraglich gesicherte Profis? Eher überschaubar.
Das neue Vereinsmotto
Andere Klubs sagen:
„Wir denken von Spiel zu Spiel.“
Bei Sechzig lautet die Devise momentan:
„Wir denken von Insolvenzverfahren zu Insolvenzverfahren.“
Denn bevor überhaupt ein Spieler verpflichtet wird, muss erst geklärt werden:
- Wer gehört wem?
- Wer besitzt das Logo?
- Wer bezahlt was?
- Wer darf überhaupt unterschreiben?
Kurz gesagt:
Fußball wäre aktuell das kleinste Problem.
Das Trikot als Sammlerstück
Besonders bitter:
Die neuen Trikots sollen angeblich an die Meistermannschaft von 1966 erinnern.
Das ist natürlich wunderschön.
Die Gefahr besteht nur, dass die Trikots am Ende häufiger im Lager als im Grünwalder Stadion zu sehen sind.
Historiker könnten in 20 Jahren sagen:
„Das war das berühmte Meistertrikot ohne Meisterschaft, ohne Saison und fast ohne Mannschaft.“
Aber mal ehrlich
Und trotzdem:
Wir Löwen kennen das alles.
Andere Vereine haben Krisen.
Wir haben Tradition.
Andere Fans bekommen Schnappatmung bei einem Punktabzug.
Wir diskutieren seit Jahren über KGaA, Darlehen, Investoren, Markenrechte und Stadionmieten, als hätten wir nebenbei Jura studiert.
Fazit
56 Paletten Trikots.
Kein fertiger Kader.
Offene Trainerfrage.
Streit ums Wappen.
Unklare Zukunft.
Und trotzdem werden am ersten Spieltag wieder Tausende Löwen-Fans im Grünwalder stehen.
Warum?
Weil man sich Sechzig nicht aussucht.
Man erträgt Sechzig.
Mit Galgenhumor.
Mit Leidensfähigkeit.
Und mit der festen Überzeugung, dass es irgendwann bestimmt wieder normal wird.
Also vermutlich nie.
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