Offiziell ist die große Razzia-Welle längst vorbei. Doch in den Straßen von Minneapolis lebt die Angst weiter – besonders innerhalb der somalischen Community, der größten außerhalb Afrikas.
Menschen wechseln Schlafplätze, vermeiden Restaurants, flüstern am Telefon und schauen sich ständig um. Viele fühlen sich, als lebten sie plötzlich im Untergrund.
„Ich weiß nie, wann sie vor meiner Tür stehen“, sagt der 23-jährige Abdi, dessen Name aus Sicherheitsgründen geändert wurde.
Leben im Schatten
Abdi stammt aus Somalia. Er floh nach eigenen Angaben vor islamistischen Al-Shabaab-Milizen, die ihn rekrutieren wollten. Seine Familie verkaufte nahezu alles, um ihm die Flucht zu finanzieren.
15.000 Dollar habe die Reise gekostet. Über Brasilien, den berüchtigten Darién-Dschungel und Mexiko gelangte er schließlich in die USA.
„Einmal trat ich unterwegs auf eine Leiche“, erzählt er leise.
Heute besitzt Abdi einen temporären Schutzstatus (TPS), der ihm eigentlich erlaubt, legal in den USA zu leben und zu arbeiten. Trotzdem lebt er in Angst.
Denn unter Donald Trump wurde genau dieser Schutzstatus für viele Somalier infrage gestellt.
Trump erklärte Somalis zum Problem
Die zweite Trump-Regierung verschärfte ihre Abschiebepolitik massiv. Tausende ICE-Beamte wurden nach Minnesota geschickt. Die Aktion „Operation Metro Surge“ sollte offiziell kriminelle illegale Migranten festnehmen.
Doch in den betroffenen Vierteln blieb etwas anderes hängen: das Gefühl, pauschal unter Verdacht zu stehen.
Trump selbst bezeichnete Somalis öffentlich als „Müll“ und erklärte, ihr Herkunftsland sei „aus gutem Grund kaputt“.
Sätze, die in Minneapolis bis heute nachhallen.
Maskierte Beamte und Angst wie im Kriegsgebiet
Kritiker sprechen von Einschüchterungstaktiken. Augenzeugen berichten von schwer bewaffneten Einsatzkräften mit Masken und militärischer Ausrüstung.
Die demokratische Kongressabgeordnete Ilhan Omar, selbst somalischer Herkunft, sagt: „Was wir hier gesehen haben, wirkte wie ein Kriegsgebiet.“
Selbst Kinder hätten inzwischen Angst, dass ihre Eltern plötzlich verschwinden könnten.
Geschlossene Restaurants und leere Straßen
Die Folgen sind bis heute sichtbar. Einige Geschäfte und Restaurants bleiben geschlossen, weil Mitarbeiter festgenommen wurden oder sich nicht mehr zur Arbeit trauen.
Freiwillige Helfer organisieren inzwischen Warnsysteme: Pfeifsignale, Telefonketten, WhatsApp-Gruppen. Sobald ICE-Fahrzeuge auftauchen, verbreitet sich die Nachricht innerhalb von Minuten.
Eine bizarre Parallelwelt mitten in den USA.
Die Widersprüche der amerikanischen Politik
Besonders absurd wirkt für viele die offizielle Argumentation Washingtons: Einerseits erklärt die Regierung, Somalia sei inzwischen sicher genug, um Schutzstatus aufzuheben. Gleichzeitig warnt dieselbe Regierung Amerikaner weiterhin ausdrücklich vor Reisen nach Somalia.
Minneapolis-Bürgermeister Jacob Frey bringt es auf den Punkt: „Was denn nun? Ist Somalia sicher oder nicht?“
Selbst Trump-Wähler wenden sich ab
Interessant ist auch die politische Stimmung innerhalb der Community. Einige Somalier hatten Trump wegen seiner konservativen Positionen ursprünglich unterstützt.
Heute bereuen manche ihre Entscheidung.
„Ich habe Trump gewählt – und bereue es“, sagt eine Bewohnerin offen. „Wenn ich ihn nicht gewählt hätte, hätte er uns vielleicht nie öffentlich als Müll bezeichnet.“
Angst bleibt – trotz offizieller Entwarnung
Die US-Regierung betont weiterhin, legal lebende Menschen hätten nichts zu befürchten. Doch für viele in Minneapolis klingt das inzwischen wie eine leere Floskel.
Abdi jedenfalls glaubt nicht mehr daran.
„Ich würde lieber mein ganzes Leben versteckt in Amerika leben“, sagt er, „als nach Somalia zurückzugehen.“
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