Es gibt Sätze aus der Politik, bei denen man kurz innehält, auf den Einkaufszettel schaut und sich fragt:
Habe ich da gerade wirklich richtig gelesen?
Rheinland-Pfalz’ Landwirtschaftsministerin Christine Schneider hält Lebensmittel in Deutschland offenbar für zu günstig.
Zu günstig.
Während viele Menschen beim Wocheneinkauf inzwischen schon mit dem Taschenrechner durch den Supermarkt laufen, kommt aus der Politik also die beruhigende Nachricht:
Da geht preislich noch was nach oben.
Na wunderbar.
„Mehr Wertschätzung“ durch höhere Preise
Die Ministerin argumentiert, dass günstige Lebensmittel zu wenig Wertschätzung erfahren.
Das ist ein interessanter Ansatz.
Nach dieser Logik müsste man vermutlich auch sagen:
Je teurer die Stromrechnung, desto größer die Wertschätzung für Elektrizität.
Je höher die Miete, desto mehr liebt man seine Wohnung.
Und wenn der Liter Benzin drei Euro kostet, fährt man vermutlich mit ganz besonderer emotionaler Verbundenheit zur Tankstelle.
Preissteigerung als pädagogisches Konzept.
Darauf muss man erst einmal kommen.
Die Menschen sagen regional – und kaufen billig
Einen Punkt hat die Ministerin allerdings:
Viele Verbraucher erklären in Umfragen, dass sie regionale, nachhaltige und heimische Produkte bevorzugen.
Im Supermarkt greifen sie dann trotzdem oft zum günstigeren Angebot.
Das ist tatsächlich nicht besonders überraschend.
Denn zwischen:
„Ich würde sehr gerne regionale Bio-Produkte kaufen“
und
„Ich muss mit meinem Geld bis Monatsende auskommen“
liegt leider manchmal ein ziemlich großer Unterschied.
Das nennt sich nicht mangelnde Wertschätzung.
Das nennt sich Haushaltsbudget.
Frau Schneider verdient laut Bericht rund 16.500 Euro im Monat
Und genau hier wird die Diskussion interessant.
Laut Bericht liegt das monatliche Einkommen der Ministerin bei rund 16.500 Euro plus Spesen.
Da möchte man ganz vorsichtig nachfragen:
Frau Ministerin, wenn Lebensmittel Ihrer Meinung nach zu billig sind – bekommen wir dann bitte auch alle Ihr Gehalt?
Nur vorübergehend.
Testweise.
Vielleicht für sechs Monate.
Rein wissenschaftlich natürlich.
Dann könnten wir gemeinsam überprüfen, wie sich das Einkaufsverhalten der Bevölkerung verändert, wenn plötzlich genügend Geld auf dem Konto liegt.
Vielleicht entdecken dann tatsächlich viel mehr Menschen ihre spontane Liebe zu regionalen Kirschen, Bio-Rindfleisch und handgestreichelten Kartoffeln aus dem Nachbardorf.
Wertschätzung ist leichter mit 16.500 Euro
Natürlich soll das kein Neid sein.
Minister tragen Verantwortung und werden entsprechend bezahlt.
Aber politische Aussagen wirken nun einmal anders, wenn sie aus einer Einkommensklasse kommen, in der der Unterschied zwischen 1,49 Euro und 2,99 Euro für ein Produkt vermutlich nicht darüber entscheidet, was am Ende im Einkaufswagen landet.
Für viele Familien tut er das aber.
Wer jeden Monat genau rechnen muss, entscheidet nicht gegen regionale Landwirtschaft.
Er entscheidet für das, was er sich leisten kann.
Das ist ein Unterschied.
Österreich und Frankreich als Vorbild
Schneider verweist darauf, dass in Ländern wie Österreich und Frankreich häufiger heimische Produkte in den Supermärkten zu finden seien.
Das kann man durchaus diskutieren.
Eine stärkere regionale Produktion ist sinnvoll.
Kürzere Transportwege können sinnvoll sein.
Faire Preise für Landwirte sind ebenfalls wichtig.
Nur sollte die Lösung vielleicht nicht darin bestehen, dem Verbraucher zu erklären:
„Euer Essen ist einfach noch nicht teuer genug.“
Vielleicht wäre es interessanter zu fragen:
Warum bekommen Landwirte teilweise so wenig vom Endverkaufspreis?
Wie verteilen sich Margen zwischen Produzenten, Großhandel und Einzelhandel?
Wie können regionale Produkte wettbewerbsfähiger werden?
Und wie verhindert man, dass höhere Preise beim Konsumenten landen, ohne dass beim Bauern wesentlich mehr ankommt?
Das wären möglicherweise die etwas unbequemeren Fragen.
Während Corona war alles besser
Die Ministerin erinnert außerdem daran, dass während der Corona-Zeit mehr regionale und ökologische Produkte gekauft wurden.
Damals verbrachten viele Menschen mehr Zeit zu Hause und gaben offenbar mehr Geld für Lebensmittel aus.
Nach der Pandemie habe sich dieser Trend wieder umgekehrt.
Überraschung.
Sobald Restaurants, Reisen, Freizeitangebote und das normale Leben zurückkehrten, verteilten die Menschen ihr Geld wieder auf andere Dinge.
Auch hier könnte man natürlich einen politischen Lösungsansatz entwickeln:
Freizeitangebote schließen.
Reisen verbieten.
Dann klappt es bestimmt wieder mit dem regionalen Gemüse.
Vielleicht besser nicht.
Faire Preise: ja. Lebensmittel künstlich verteuern: schwierige Botschaft
Dass Landwirte vernünftig bezahlt werden müssen, dürfte kaum jemand bestreiten.
Dass regionale Produktion gestärkt werden sollte, ebenfalls nicht.
Aber zwischen fairen Erzeugerpreisen und höheren Verbraucherpreisen besteht eben nicht automatisch dasselbe.
Wenn Lebensmittel teurer werden, bedeutet das noch lange nicht zwangsläufig, dass beim Landwirt mehr Geld ankommt.
Und genau deshalb klingt die Aussage, Lebensmittel seien „zu billig“, für viele Menschen wahrscheinlich ziemlich weltfremd.
Denn an der Supermarktkasse diskutiert niemand über volkswirtschaftliche Wertschöpfungsketten.
Dort steht einfach:
Zu zahlen: 137,48 Euro.
Vielleicht erst Gehälter angleichen, dann Preise
Deshalb hätte ich einen Kompromissvorschlag.
Wenn Lebensmittelpreise künftig aus Gründen der „Wertschätzung“ steigen sollen, koppeln wir einfach die Einkommen daran.
Steigt der Wocheneinkauf um zehn Prozent?
Dann steigen auch Löhne, Renten und Sozialleistungen um zehn Prozent.
Und wenn das nicht funktioniert, gäbe es noch Plan B:
Alle bekommen für einen Monat das Ministergehalt.
Dann gehen wir gemeinsam einkaufen.
Frau Schneider nimmt den Wagen.
Wir bringen die Taschen.
Und anschließend sprechen wir noch einmal ganz entspannt darüber, ob Lebensmittel in Deutschland wirklich zu billig sind.
Sie müsste mal für ein halbes Jahr unser Geld bekommen. Mal sehen wie bis zu welchem Datum sie kommt 😍