Der Lake Powell, einer der wichtigsten Stauseen der Vereinigten Staaten, ist so leer wie nie zuvor zu Beginn des Sommers. Nach aktuellen Prognosen der US-Bundesbehörden könnte der Wasserstand bereits im kommenden Frühjahr ein kritisches Niveau erreichen – mit erheblichen Folgen für die Stromversorgung, die Wasserversorgung und den gesamten Südwesten der USA.
Nach Angaben des Bureau of Reclamation ist der Stausee derzeit nur noch zu 23,3 Prozent gefüllt. Zwar wurden in früheren Jahren zeitweise niedrigere Wasserstände gemessen, doch diese traten jeweils vor der Schneeschmelze auf, welche den See anschließend wieder auffüllte. Im Winter 2025/2026 blieb dieser Effekt jedoch weitgehend aus, da die Schneefälle außergewöhnlich gering ausfielen.
Stromerzeugung in Gefahr
Sollte der Wasserstand weiter sinken, könnte der Lake Powell bereits im kommenden Frühjahr den sogenannten „Minimum Power Pool“ erreichen. Ab diesem Punkt wäre der Betrieb des Glen-Canyon-Staudamms zur Stromerzeugung nicht mehr möglich.
Das Wasserkraftwerk versorgt Millionen Haushalte und Unternehmen im Westen der USA mit elektrischer Energie. Ein weiterer Rückgang des Pegels hätte daher erhebliche Auswirkungen auf die Energieversorgung.
Noch dramatischer wäre das Erreichen des sogenannten „Dead Pool“. In diesem Fall könnte kein Wasser mehr kontrolliert durch den Damm in Richtung Grand Canyon fließen. Experten halten dieses Szenario derzeit zwar für unwahrscheinlich, schließen es langfristig jedoch nicht aus.
Klimawandel verschärft die Situation
Als Hauptursache nennen Klimaforscher den langfristigen Klimawandel. Die Winter werden kürzer, wärmer und trockener. Gleichzeitig nehmen die Schneemengen in den Rocky Mountains kontinuierlich ab – genau jene Schneereserven, die den Colorado River normalerweise jedes Frühjahr speisen.
Der Colorado River versorgt sieben Bundesstaaten mit Wasser:
- Arizona
- Kalifornien
- Colorado
- Nevada
- New Mexico
- Utah
- Wyoming
Darüber hinaus besitzen auch indigene Gemeinschaften sowie Mexiko vertraglich gesicherte Wasserrechte.
Tourismus leidet bereits
Auch wirtschaftlich zeigen sich die Folgen.
Die Stadt Page (Arizona), deren Tourismus eng mit dem Lake Powell verbunden ist, verzeichnet bereits sinkende Besucherzahlen. Nach Angaben der Stadtverwaltung gingen die Hotelumsätze im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent zurück.
Parallel bereiten sich Behörden auf dauerhaft niedrige Wasserstände vor. Bootsanleger werden verlängert oder in tiefere Bereiche des Sees verlegt. Auch die Trinkwasserversorgung der Stadt wird technisch angepasst.
Streit um die Wasserverteilung
Die Wasserknappheit verschärft gleichzeitig den Konflikt zwischen den sieben Bundesstaaten des Colorado-River-Systems.
Die Oberliegerstaaten Colorado, Utah, Wyoming und New Mexico fordern seit Jahren, dass insbesondere Kalifornien und Arizona ihren Wasserverbrauch deutlich reduzieren. Dort werden große Wassermengen unter anderem für die Bewässerung wasserintensiver Agrarprodukte wie Luzerne eingesetzt.
Die Bundesregierung versucht seit Jahren, eine neue Vereinbarung über die Wasserverteilung zu erreichen. Bislang konnten sich die Bundesstaaten jedoch nicht auf einen gemeinsamen Kompromiss verständigen.
Suche nach langfristigen Lösungen
Neben kurzfristigen Einsparmaßnahmen werden inzwischen auch weitreichende Konzepte diskutiert. Dazu gehören:
- der Bau großer Meerwasserentsalzungsanlagen,
- Wassertransporte aus dem Mississippi,
- strengere Bewässerungsvorgaben für die Landwirtschaft,
- umfangreichere Wassersparprogramme,
- sowie grundlegende Veränderungen beim Management des Colorado River.
Einige Umweltverbände schlagen sogar vor, den Glen-Canyon-Staudamm langfristig zurückzubauen und das verbleibende Wasser direkt in den Lake Mead abzuleiten.
Experten schlagen Alarm
Fachleute warnen seit Jahren vor einer Entwicklung, die sich nun zunehmend bewahrheitet.
Nach Einschätzung von Wasserexperten reicht es nicht mehr aus, lediglich auf schneereiche Winter zu hoffen. Selbst wenn ein angekündigtes El-Niño-Wetterphänomen kurzfristig für mehr Niederschläge sorgen sollte, werde dies den langfristigen Trend sinkender Wasserreserven nicht umkehren.
Der Lake Powell gilt deshalb inzwischen als Symbol für die wachsenden Folgen des Klimawandels im Westen der Vereinigten Staaten – und für den zunehmenden Druck auf eine der wichtigsten Wasserquellen Nordamerikas.
Kommentar hinterlassen