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Kunst als Verbrechen: Wie China einen Bildhauer nachträglich zum Staatsfeind erklärt

mayns82 (CC0), Pixabay
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Die Verhaftung des chinesischen Künstlers Gao Zhen zeigt, wie weit Pekings Zensur inzwischen reicht – geografisch, politisch und rückwirkend

Es ist ein Bild, das in China seit Jahren als Provokation gilt – und heute offenbar als Straftat.

Jesus Christus steht mit erhobenen Händen vor einem Erschießungskommando. Die Soldaten, die auf ihn zielen, tragen unverkennbar das Gesicht von Mao Zedong, dem Gründer der Volksrepublik China. Eine andere Skulptur zeigt denselben Mao kniend, in einer Pose der Reue. Jahrzehntelang waren solche Arbeiten Teil des künstlerischen Werks der Brüder Gao Zhen und Gao Qiang – bissige, surrealistische Kommentare zur Gewaltgeschichte des chinesischen Staates.

Nun wird genau diese Kunst für einen der Brüder zur existenziellen Gefahr.

Der 69-jährige Bildhauer Gao Zhen, der 2022 in die USA auswanderte, wurde bereits Mitte 2024 bei einem Familienbesuch in seinem Atelier am Stadtrand von Peking festgenommen. Die Behörden beschlagnahmten seine Werke. Seine Ehefrau und sein siebenjähriger Sohn durften das Land nicht verlassen. Im vergangenen Monat musste sich Gao in einem nicht öffentlichen Verfahren vor Gericht verantworten – wegen des Vorwurfs, „revolutionäre Helden und Märtyrer beleidigt“ zu haben.

Es ist ein Delikt, das in China mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden kann.

Der Fall hat im Land selbst nur begrenzte Aufmerksamkeit erhalten. Chinesische Medien berichteten vor allem über die Umstände der Festnahme – teils mit dem Tonfall offizieller Verachtung. Gao wurde dort als sogenannter „Künstler“ beschrieben, der mit „Pseudo-Kunst“ westliche politische Agenden bediene und verehrte Figuren diffamiere.

Doch genau darin liegt die eigentliche Botschaft des Verfahrens, sagt sein Bruder Gao Qiang: Nicht nur das Werk steht unter Anklage, sondern die Idee, dass Kunst jemals sicher gewesen sein könnte.

„Selbst wenn ein Werk vor 15 Jahren entstanden ist, kann es heute noch kriminalisiert werden, wenn sich das politische Klima ändert“, sagte Qiang der BBC.

Es ist ein Satz, der weit über den Einzelfall hinausweist. Denn der Prozess gegen Gao Zhen markiert nicht nur eine neue Härte im Umgang mit Dissens in China. Er steht für ein System, das seine Kontrolle inzwischen rückwirkend, grenzüberschreitend und mit wachsender ideologischer Schärfe durchsetzt.

Internationale Beobachter sehen darin ein alarmierendes Signal. Das UN-Menschenrechtsbüro forderte inzwischen Gaus sofortige Freilassung. Der Fall werfe ernste Fragen auf – zur rückwirkenden Anwendung von Strafrecht und zur Kriminalisierung künstlerischen Ausdrucks.

Auch Gaus Gesundheitszustand bereitet Sorge. Nach Angaben seines Bruders leidet er an einer chronischen Wirbelsäulenerkrankung, Arthritis, Augenproblemen und einer schweren Hautkrankheit. Mehrfach habe er seinen Anwalt im Rollstuhl getroffen, teilweise habe er das Bett kaum verlassen können. Zudem gebe es Anzeichen von Unterernährung. Anträge auf medizinische Haftverschonung wurden demnach wiederholt abgelehnt.

Die Risiken seien „gravierend“, sagt Qiang. Sein Bruder befinde sich in einem körperlich besorgniserregenden Zustand.

Dass ausgerechnet Mao Zedong im Zentrum des Falls steht, ist kein Zufall.

Die Gao-Brüder wurden in den 1990er- und 2000er-Jahren zu prägenden Figuren der chinesischen Gegenwartskunst. Sie taten das mit Werken, die gleichermaßen grotesk, verspielt und politisch waren. Immer wieder griffen sie Mao auf – nicht als verehrte Staatsikone, sondern als monströse Figur, als Symbol von Gewalt, Personenkult und verdrängter Geschichte.

Das hatte biografische Gründe.

Ihr Vater gehörte zu den Millionen Opfern der maoistischen Verfolgung. Während der politischen Säuberungen wurde er als „Klassenfeind“ gebrandmarkt und an einen Ort verschleppt, den Gao Zhen später als etwas beschrieb, das „weder Gefängnis noch Polizeistation“ gewesen sei.

Mao, der 1949 die Volksrepublik gründete, führte China in die Katastrophen des „Großen Sprungs nach vorn“ und der Kulturrevolution. Millionen Menschen starben an Hunger, Verfolgung und Gewalt. Doch trotz dieser historischen Last bleibt Mao für die Kommunistische Partei ein ideologischer Gründungsmythos – sakralisiert, aber zugleich heikel.

Denn jede ernsthafte Debatte über sein Erbe könnte auch die Legitimität der Partei selbst erschüttern.

Wer Mao demontiert, greift aus Sicht des Staates nicht nur eine historische Figur an – sondern das Fundament der Herrschaft.

Lange war der Spielraum für Künstler in China eng, aber nicht völlig verschwunden. Doch mit dem Machtantritt von Xi Jinping im Jahr 2012 verengte sich dieser Raum spürbar. 2021 wurde das Strafrecht nochmals verschärft: Beleidigungen gegen „Helden und Märtyrer“ werden seither härter verfolgt. Gao Zhen verließ China kurz darauf Richtung New York, wo er eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung besitzt.

Dass er nun Jahre später für ältere Werke belangt wird, zeigt, wie elastisch und politisch aufgeladen diese Gesetze inzwischen ausgelegt werden.

Der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson, der seit Jahren über Chinas Repressionsapparat berichtet, spricht von der wohl dunkelsten Phase für Meinungsfreiheit seit Jahrzehnten. Seit dem Ende der Kulturrevolution habe es keine so lang anhaltende Unterdrückung von Kritik gegeben – selbst die Zeit nach dem Tiananmen-Massaker 1989 werde inzwischen übertroffen.

Besonders bemerkenswert sei dabei: Gao Zhen sei nicht einmal ein klassischer Dissident.

Er habe weder Xi Jinping direkt attackiert noch offen zum Sturz der Partei aufgerufen. Und doch genüge offenbar schon der künstlerische Zugriff auf die historische Wunde Mao, um in den Fokus des Staates zu geraten.

Genau darin zeigt sich die neue Nervosität der Führung: Nicht nur Gegenwartskritik wird verfolgt, sondern auch jede Form von Erinnerung, die sich der offiziellen Erzählung entzieht.

Menschenrechtsorganisationen warnen zudem, dass Pekings Zugriff längst nicht mehr an den Landesgrenzen endet.

Die chinesische Regierung setze nicht nur auf Ausreiseverbote, Druck auf Familienangehörige oder Einschüchterung im Inland. Sie versuche zunehmend auch, Museen, Galerien und Institutionen im Ausland unter politischen Druck zu setzen – mit dem Ziel, Ausstellungen zu verhindern oder eine Sprache zu erzwingen, die mit der Linie der Kommunistischen Partei kompatibel ist.

Ein prominentes Beispiel dafür ist der in Melbourne lebende Künstler Badiucao, einer der bekanntesten chinesischen Regimekritiker im Exil. Auch er berichtet von Einschüchterungsversuchen, Drohungen gegen Angehörige, Online-Schmutzkampagnen und abgesagten Ausstellungen nach Interventionen aus Peking.

Dass nun selbst ein international bekannter Künstler wie Gao Zhen in China verhaftet und in einem geheimen Verfahren angeklagt wird, deutet für ihn auf ein neues Maß an Selbstgewissheit der Führung hin.

Die Partei, sagt Badiucao, sei heute entschlossener denn je, Macht ohne Zögern auszuüben – und sie kümmere sich immer weniger um ihren internationalen Ruf.

Auch der geheime Charakter des Verfahrens ist aufschlussreich.

Der Prozess gegen Gao fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – ein Vorgehen, das in China normalerweise Fällen der nationalen Sicherheit vorbehalten ist. Selbst Familienangehörige und ausländische Diplomaten blieben außen vor.

Für Gao Qiang ist das kein juristisches Detail, sondern ein politisches Eingeständnis.

Die Behörden wüssten sehr wohl, dass sie eine öffentliche Prüfung kaum bestehen würden. Ein offener Prozess würde die juristische Schwäche, die politische Rachsucht und den symbolischen Charakter des Verfahrens sichtbar machen.

Hinzu kommt ein paradoxes Problem für das Regime: Ein öffentlicher Prozess gegen einen Künstler würde ausgerechnet jene Werke ins Rampenlicht rücken, die es unsichtbar machen will.

Oder, wie Badiucao es formuliert: Ein solcher Prozess wäre fast wie eine große internationale Ausstellung – plötzlich wüsste die ganze Welt, welches Werk für welchen Machthaber besonders unerträglich ist.

Der Fall Gao Zhen ist deshalb mehr als ein weiterer Baustein in Chinas langer Geschichte der Zensur.

Er ist ein Testfall dafür, wie weit ein autoritärer Staat inzwischen bereit ist zu gehen: Kunst wird nicht nur überwacht, sondern nachträglich umgedeutet. Satire wird kriminalisiert. Erinnerung wird zur Gefahrenzone.

Und das Signal ist unmissverständlich: Wenn der Staat heute festlegt, dass eine 15 Jahre alte Skulptur plötzlich eine Straftat ist, dann kann morgen auch ein Gedicht, ein Film, ein Song oder ein Essay rückwirkend zur Anklage werden.

Die eigentliche Anklage richtet sich dann nicht mehr gegen ein einzelnes Werk.

Sondern gegen die Vorstellung, dass Kunst überhaupt ein Raum der Freiheit sein könnte.

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