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Krebs, Konzerne, Kasse: Wie Merck mit Keytruda ein Milliardengeschäft verteidigt

OpenClipart-Vectors (CC0), Pixabay
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Ein Krebsmedikament rettet Leben – und kostet in den USA Summen, die selbst Versicherte sprachlos machen. Eine Recherche zeigt, wie Merck den Preis seines Blockbusters Keytruda hoch hält. Und warum am Ende nicht nur Patienten zahlen, sondern ein ganzes System.

Als Patricia Brown im Dezember zur Infusion in eine Klinik in Kalifornien geht, dürfte sie vor allem an eines gedacht haben: an ihre Krankheit. Nicht an die Rechnung. Nicht an ein Medikament, das in den USA längst mehr ist als eine Therapie – nämlich ein Symbol für die Schieflage eines Gesundheitssystems, das medizinischen Fortschritt mit maximaler Rendite verrechnet.

Brown leidet an Lungenkrebs. Die Krankheit hat bereits Gehirn und Wirbelsäule erreicht. Sie erhält Keytruda, eines der erfolgreichsten Krebsmedikamente der Welt. Wenige Wochen später liegt die Rechnung vor: 162.567,74 Dollar für eine 400-Milligramm-Dosis.

Brown selbst muss „nur“ rund 2000 Dollar zahlen. Den Rest übernimmt die Versicherung. Doch genau darin liegt das Problem: Irgendjemand zahlt immer. Arbeitgeber. Versicherer. Steuerzahler. Und am Ende ein Land, in dem Gesundheitskosten längst eine eigene Inflationskategorie bilden.

Keytruda ist kein Nischenpräparat. Das Mittel des US-Pharmakonzerns Merck & Co. gilt als Durchbruch in der Krebsmedizin. Es wird bei zahlreichen Tumorarten eingesetzt, etwa bei Lungen-, Haut- oder Blasenkrebs. Für viele Patienten ist es Hoffnung in Ampullenform. Für Merck ist es vor allem eines: ein Goldesel.

Im Jahr 2025 setzte der Konzern mit Keytruda 31,7 Milliarden Dollar um – fast die Hälfte des gesamten Unternehmensumsatzes. Ein einziges Medikament trägt einen multinationalen Pharmariesen. Entsprechend groß ist das Interesse, dieses Geschäft so lange wie möglich abzusichern.

Der Listenpreis ist erst der Anfang

Schon der offizielle Preis ist enorm. Für 200 Milligramm Keytruda verlangt Merck laut Liste 12.031 Dollar. Für 400 Milligramm also etwa 24.000 Dollar. Doch in den USA ist der Listenpreis nur der Einstieg in ein Abrechnungslabyrinth, das selbst Experten kaum vollständig durchdringen.

Denn zwischen Hersteller und Patient stehen ein ganzes Heer von Akteuren: Großhändler, Versicherer, Pharmacy Benefit Manager, Klinikverbünde, Abrechnungsabteilungen. Jeder nimmt sich ein Stück. Jeder verweist auf die anderen.

Merck argumentiert, die eigentlichen Kostentreiber seien nicht die Hersteller, sondern die Zwischenhändler. Eine Unternehmenssprecherin erklärte, Amerika sei das einzige Land der Welt, in dem Akteure, „die keine Medikamente herstellen“, die Hälfte jedes Dollars abschöpften, der für Markenmedikamente ausgegeben werde.

Das ist nicht falsch. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.

Denn die Preisexplosion beginnt bei Merck selbst.

Die Patentmauer um den Kassenschlager

Nach Recherchen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) und USA TODAY hat Merck in den USA rund 50 aktive Patente rund um Keytruda aufgebaut. Weltweit wurden demnach mehr als 1200 Patentanmeldungen im Zusammenhang mit dem Medikament registriert.

Solche Patentgeflechte sind in der Branche üblich. Kritiker sprechen von „Patent Thickets“, also Dickichten aus Schutzrechten, die Konkurrenten abschrecken sollen. Denn je mehr Patente ein Unternehmen anmeldet – auf Wirkstoffe, Anwendungen, Dosierungen, Herstellungsverfahren oder Darreichungsformen –, desto riskanter und teurer wird es für Nachahmer, ein günstigeres Konkurrenzprodukt auf den Markt zu bringen.

Der ursprüngliche Patentschutz für Keytruda läuft 2028 aus. Doch laut Experten könnten die zusätzlichen Schutzrechte den Wettbewerb um viele Jahre verzögern – möglicherweise bis in die 2030er-Jahre.

Merck weist diesen Vorwurf zurück. Die bloße Zahl von Patenten sage nichts darüber aus, wann Konkurrenzprodukte tatsächlich auf den Markt kämen. Das ist juristisch korrekt. Ökonomisch bleibt der Effekt dennoch derselbe: Wer ein Medikament mit Milliardenumsatz verkauft, baut keine Patentmauer aus ästhetischen Gründen.

Die nächste Verlängerung heißt: neue Spritze, neues Geschäft

Besonders brisant ist eine Strategie, die in der Pharmabranche als fast schon klassisch gilt: Kurz bevor der ursprüngliche Patentschutz endet, wird eine neue Version des Medikaments auf den Markt gebracht.

Bei Keytruda heißt diese neue Variante Keytruda Qlex – eine injizierbare Form, die die bisherige Infusion teilweise ersetzen soll. Merck rechnet nach eigenen Angaben damit, dass bis 2028 30 bis 40 Prozent der Patienten auf die neue Version umsteigen könnten.

Das klingt nach medizinischem Fortschritt. Es kann aber auch eine geschäftliche Absicherung sein.

Denn wenn genug Patienten, Ärzte und Kliniken rechtzeitig auf die neue Form umgestellt werden, verliert der Ablauf des ursprünglichen Patents an Bedeutung. Selbst wenn für die alte Version günstigere Konkurrenzprodukte erscheinen, läuft das lukrative Geschäft mit der neuen Darreichungsform weiter.

Das Prinzip ist alt: Das Medikament bleibt, die Verpackung ändert sich, der Preisschutz lebt weiter.

Zu viel Wirkstoff, zu hohe Rechnung?

Hinzu kommt ein weiterer Vorwurf: Einige Krebsforscher halten die zugelassene Dosierung von Keytruda für höher als medizinisch notwendig.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat zwei Schemata genehmigt: 200 Milligramm alle drei Wochen oder 400 Milligramm alle sechs Wochen. Kritiker verweisen jedoch auf Studien, nach denen niedrigere, am Körpergewicht orientierte Dosierungen ähnlich wirksam sein könnten.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass sich dadurch pro Patient bis zu 75.000 Dollar einsparen ließen. Allein bei Lungenkrebspatienten könnten die Einsparungen bis 2040 in die Milliarden gehen.

Merck hat die zugelassene Standarddosierung bislang nicht geändert.

Aus Konzernsicht ist das nachvollziehbar. Aus Sicht der Kostenträger wirkt es wie ein teures Schweigen.

Die Rechnung hängt vom Gebäude ab

Wer glaubt, mit dem Herstellerpreis sei das Ende der Fahnenstange erreicht, unterschätzt die Kreativität des US-Abrechnungssystems.

Denn wie viel Keytruda am Ende kostet, hängt nicht nur vom Medikament ab – sondern auch davon, wo es verabreicht wird.

Laut Analysen des Health Care Cost Institute lag der mediane Preis einer Keytruda-Behandlung in einem Krankenhausambulanzzentrum im Jahr 2022 bei rund 21.600 Dollar. In einer Arztpraxis kostete dieselbe Behandlung im Median nur 11.500 Dollar.

Die medizinische Leistung ist oft nahezu identisch. Der Preis ist es nicht.

Ein Beispiel aus Ohio: Die 64-jährige Barbara Thornton, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte und inzwischen in Remission ist, berichtet von Rechnungen über 42.000 Dollar pro Behandlungstag – alle drei Wochen. Sie hatte Glück: Ihre Versicherung zahlte den Großteil.

Das Glück der einen ist allerdings die Prämienerhöhung der anderen.

11.000 Preise für dasselbe Medikament

Besonders absurd wird es bei den sogenannten ausgehandelten Preisen zwischen Krankenhäusern und Versicherern. Laut einer Analyse von 3 Axis Advisors und Patient Rights Advocate verlangen 372 Krankenhäuser in 49 Bundesstaaten für Keytruda mehr als 11.000 verschiedene Preise.

Nicht für unterschiedliche Medikamente. Nicht für unterschiedliche Hersteller. Sondern für dasselbe Präparat.

In einem Krankenhaus in Sullivan, Missouri, kann eine Keytruda-Behandlung je nach Versicherung 11.747 Dollar oder 42.498 Dollar kosten. Derselbe Ort. Dasselbe Medikament. Ein anderer Versicherungsvertrag – und plötzlich ein Preisunterschied von über 30.000 Dollar.

Marktwirtschaft? Vielleicht. Transparenz? Sicher nicht.

Das 340B-Programm: Hilfe für Arme, Gewinne für Kliniken

Ein weiterer Hebel ist das US-Bundesprogramm 340B. Es wurde ursprünglich geschaffen, um Krankenhäuser und Kliniken zu unterstützen, die viele einkommensschwache oder ländliche Patienten versorgen. Pharmaunternehmen müssen diesen Einrichtungen Medikamente zu Rabatten verkaufen.

Das Problem: Die Krankenhäuser dürfen die Medikamente anschließend zu deutlich höheren Marktpreisen an Versicherer und Patienten weiterberechnen.

In North Carolina ließ der damalige Staatskassenchef Dale Folwell untersuchen, warum die Kosten für Krebs- und Spezialmedikamente so stark gestiegen waren. Das Ergebnis: Krankenhäuser, die Medikamente über das 340B-Programm günstiger einkauften, rechneten sie oft mit massiven Aufschlägen ab.

Bei Keytruda lag der durchschnittliche Einkaufspreis laut Studie bei rund 8000 Dollar, die durchschnittliche Erstattung jedoch bei etwa 21.000 Dollar. Gewinn pro Behandlung: mehr als 13.000 Dollar.

Krankenhäuser verteidigen das Modell. Die Erlöse seien nötig, um Notaufnahmen, Personal und Versorgung für wirtschaftlich schwache Patienten querzufinanzieren. Kritiker halten dagegen: Ohne klare Offenlegung bleibt unklar, ob das Geld tatsächlich dort landet, wo es soll.

Alle verdienen – außer denen, die krank sind

Die zynische Pointe dieser Geschichte ist, dass die meisten Betroffenen den vollen Preis nie direkt sehen. Oder ihn nicht zahlen müssen. Jedenfalls nicht sofort.

Viele Versicherte erreichen relativ schnell ihre jährliche Belastungsgrenze. Manche erhalten Hilfen von Stiftungen, Kliniken oder sogar vom Hersteller selbst. Das wirkt auf den ersten Blick wie soziale Abfederung.

Tatsächlich verschiebt es die Kosten nur.

Wenn ein Medikament regelmäßig fünfstellige oder gar sechsstellige Rechnungen produziert, landet das Geld nicht im Nichts. Es taucht wieder auf – in höheren Versicherungsbeiträgen, steigenden Arbeitgeberkosten, höheren Staatsausgaben, wachsendem Druck auf öffentliche Programme wie Medicare.

Die Rechnung wird kollektivisiert.

Ein Medikament, das Leben rettet – und ein System, das daran verdient

Merck verteidigt seine Preisstrategie. Das Unternehmen betont, Keytruda spiegele seinen Wert für Patienten und Gesundheitssysteme wider. Das ist die Standardformel der Branche: Innovation kostet, Forschung ist teuer, Durchbrüche müssen sich rechnen.

All das stimmt bis zu einem gewissen Grad.

Aber die Frage ist nicht, ob ein wirksames Krebsmedikament wertvoll ist. Die Frage ist, ob ein System noch vertretbar ist, in dem ein lebensrettendes Präparat erst durch Patente abgeschirmt, dann durch neue Produktformen verlängert, anschließend von Kliniken mit Aufschlägen versehen und schließlich durch ein undurchsichtiges Vertragsgeflecht in Preisregionen katapultiert wird, die mit rationaler Gesundheitsversorgung kaum noch etwas zu tun haben.

Keytruda ist medizinisch ein Erfolg. Ökonomisch ist es ein Lehrstück.

Ein Lehrstück darüber, wie die Vereinigten Staaten aus einem Medikament gegen Krebs ein Geschäftsmodell machen konnten, an dem nahezu alle verdienen – Hersteller, Krankenhäuser, Zwischenhändler, Versicherer.

Nur die Patienten nicht. Die kämpfen weiter. Gegen die Krankheit. Und gegen ein System, das aus ihrer Hoffnung eine Bilanzposition gemacht hat.

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