In Thüringen wird es politisch offenbar romantisch. Björn Höcke reicht Sahra Wagenknecht öffentlich die Hand und bietet ihr gleich den wichtigsten Job im Freistaat an: Ministerpräsidentin.
Andere beginnen vorsichtig mit einem Kaffee. Höcke startet direkt mit Regierungsverantwortung.
Der AfD-Fraktionschef fordert Wagenknecht in einem Video dazu auf, „ein neues Kapitel“ aufzuschlagen. Gemeint ist natürlich nicht irgendein Kapitel, sondern eines, bei dem AfD und BSW gemeinsam eine Mehrheit im Landtag organisieren könnten.
Rechnerisch wäre das möglich: Die AfD verfügt über 32 Sitze, das BSW über 15. Zusammen sind das 47 Stimmen, benötigt würden 45.
Politik kann manchmal so einfach sein wie Mathematik. Nur die Folgen sind komplizierter.
Hintergrund ist der Druck auf Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt. Nachdem die TU Chemnitz seinen Widerspruch gegen die Aberkennung des Doktortitels zurückgewiesen hat, kündigte die AfD erneut ein konstruktives Misstrauensvotum an.
Das bedeutet: Voigt kann nur abgewählt werden, wenn gleichzeitig ein Nachfolger gewählt wird.
Und genau hier kommt Wagenknecht ins Spiel.
Höcke sagt sinngemäß: Wenn die Brandmauer wirklich gescheitert ist, dann bitte einmal praktisch vorführen.
Für das BSW ist das eine ausgesprochen unangenehme Einladung. Denn die Partei regiert in Thüringen derzeit gemeinsam mit CDU und SPD. Gleichzeitig versucht sie sich als Kraft zu präsentieren, die mit den bisherigen politischen Regeln brechen möchte.
Höcke testet nun, wie viel Rebellion tatsächlich im BSW steckt.
Die Situation erinnert ein wenig an eine Familienfeier, bei der jemand plötzlich fragt: „Wenn ihr euch alle nicht leiden könnt – warum zieht ihr dann nicht einfach zusammen?“
Ob Wagenknecht auf das Angebot eingeht, ist völlig offen.
Fest steht nur: Thüringens Politik hat derzeit alles, was eine gute Vorabendserie braucht – verletzte Eitelkeiten, alte Bündnisse, neue Versuchungen und einen Ministerpräsidenten, der sich vermutlich fragt, wann eigentlich wieder ganz normal über Schulen und Straßen gesprochen wird.
Bis dahin gilt: In Erfurt wird nicht regiert, dort wird gecastet.
Kommentar hinterlassen