Klimaanlagen waren in vielen Teilen Europas lange eine Ausnahme. Rekordtemperaturen verändern nun die Nachfrage. Besonders chinesische Hersteller profitieren mit mobilen Splitgeräten, die sich auch in Mietwohnungen und älteren Gebäuden vergleichsweise einfach einsetzen lassen.
Lange galten Klimaanlagen in weiten Teilen Europas als verzichtbarer Luxus. Einige besonders heiße Tage im Jahr wurden mit Ventilatoren, geschlossenen Rollläden und nächtlichem Lüften überstanden.
Doch die immer häufigeren und intensiveren Hitzewellen verändern die Einstellung vieler Verbraucher. Vor allem Bewohner schlecht gedämmter Dachgeschosswohnungen suchen nach wirksameren Möglichkeiten, ihre Räume zu kühlen.
Im Juni 2026 erreichte die durchschnittliche Temperatur in Westeuropa einen neuen Monatsrekord. Nach Angaben des europäischen Klimadienstes Copernicus lag sie 3,06 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. Deutschland verzeichnete seinen zweitwärmsten Juni seit Beginn der zugrunde liegenden Messreihe; zugleich wurden vielerorts Tageshöchstwerte für den Monat gebrochen.
Von dieser Entwicklung profitieren vor allem asiatische Hersteller von Kühltechnik. Neben Unternehmen aus Japan und Südkorea gewinnen chinesische Marken wie Midea, Gree, Haier und TCL in Europa deutlich an Bedeutung.
Klimaanlage ohne festen Einbau
Ein besonders gefragtes Produkt ist ein mobiles Splitgerät des chinesischen Haushaltsgeräteherstellers Midea.
Klassische Split-Klimaanlagen bestehen aus einem Innen- und einem Außengerät. Beide Einheiten werden über Leitungen verbunden. Für eine dauerhafte Installation muss häufig die Fassade durchbohrt werden. In Mietwohnungen, denkmalgeschützten Gebäuden oder Wohnungseigentumsanlagen ist das oft nur mit Zustimmung des Vermieters, der Gemeinschaft oder zuständiger Behörden möglich.
Mobile Splitgeräte umgehen einen Teil dieser Schwierigkeiten. Das Außenteil kann beispielsweise auf dem Balkon oder vor einem Fenster angebracht werden, während die Verbindungsleitung durch einen Fensterspalt geführt wird. Eine dauerhafte Veränderung der Fassade ist je nach Ausführung nicht erforderlich.
Damit treffen die Hersteller einen Bedarf, der lange unterschätzt wurde: Viele Menschen wünschen sich eine leistungsfähigere Kühlung als bei einem herkömmlichen Monoblockgerät, können oder wollen aber keine fest installierte Anlage einbauen lassen.
Verkäufe steigen deutlich
Die Nachfrage hat während der jüngsten Hitzewellen stark zugenommen. Midea erklärte gegenüber Reuters, der Absatz über deutsche Onlinehändler sei im Mai 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat um rund 37 Prozent gestiegen. Die Lieferungen nach Spanien und Frankreich hätten sich mehr als verdoppelt.
Das Unternehmen berichtete zudem, dass sein mobiles Splitgerät in einigen Vertriebskanälen zeitweise ausverkauft gewesen sei. Auf dem Gebrauchtmarkt seien teilweise Preise verlangt worden, die über dem ursprünglichen Neupreis lagen.
Nach Unternehmensangaben wurden 2026 bereits mehr als 200.000 dieser Geräte in Europa verkauft. Das entspräche einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen wurden allerdings vor allem über chinesische Medien und Unternehmensvertreter verbreitet und lassen sich nicht in allen Einzelheiten unabhängig überprüfen.
Auch andere Hersteller melden eine deutlich stärkere Nachfrage. Gree sprach von vielen europäischen Kunden, die erstmals überhaupt eine Klimaanlage kauften. Südkoreanische Anbieter wie Samsung und LG sowie der japanische Hersteller Mitsubishi Electric verzeichneten ebenfalls steigende Verkäufe in Ländern wie Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien.
Europa war auf Kühlung lange nicht vorbereitet
Der Anteil klimatisierter Haushalte ist in Europa wesentlich niedriger als in den Vereinigten Staaten oder in vielen asiatischen Ländern. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur besitzt nur ungefähr jeder fünfte europäische Haushalt eine Klimaanlage.
Das hat mehrere Gründe. Viele europäische Gebäude entstanden in Zeiten, in denen der Schutz vor winterlicher Kälte wichtiger war als die Kühlung während langer Hitzeperioden. Ältere Wohnungen verfügen häufig über keine vorbereiteten Leitungen, geeignete Außenflächen oder zentrale Kühlsysteme.
Hinzu kommen hohe Installationskosten. Der Einbau einer fest montierten Splitanlage kann zusätzlich zum Kaufpreis mehr als 1.000 Euro kosten. In Mehrfamilienhäusern müssen außerdem Eigentums-, Lärm- und Gestaltungsvorgaben berücksichtigt werden.
In zahlreichen Mietwohnungen bleibt deshalb nur die Wahl zwischen Ventilator, mobilem Monoblockgerät oder einer Splitlösung ohne dauerhaften Fassadeneingriff.
Dachgeschosse werden zum Hitzespeicher
Besonders belastet sind Bewohner von Dachgeschosswohnungen. Dächer und Fassaden nehmen tagsüber große Mengen Wärme auf und geben sie teilweise bis weit in die Nacht an die Innenräume ab.
Schlecht gedämmte Wohnungen können sich dadurch über mehrere Tage hinweg aufheizen. Nachts sinkt die Temperatur dann nicht mehr ausreichend, um Schlafräume durch Lüften abzukühlen.
Das Problem ist nicht nur unangenehm. Hohe Temperaturen können zu Schlafstörungen, Kreislaufproblemen und einer Verschärfung bestehender Erkrankungen führen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, kleine Kinder, Schwangere, chronisch Kranke und Personen, die körperlich arbeiten.
Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet extreme Hitze inzwischen als wiederkehrende Gesundheitskrise. Europa erwärmt sich etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Nach Angaben der WHO wurden allein in fünf europäischen Ländern während der bisherigen Hitzewellen des Sommers 2026 bereits annähernd 10.000 zusätzliche Todesfälle registriert.
Klimaanlagen zwischen Gesundheitsschutz und Energieverbrauch
Der zunehmende Einsatz von Klimaanlagen führt jedoch zu einem Zielkonflikt.
Einerseits können gekühlte Räume Menschen vor gesundheitlich gefährlichen Temperaturen schützen. In Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Schulen und Wohnungen besonders gefährdeter Personen kann Klimatisierung während extremer Hitze notwendig sein.
Andererseits verbrauchen Klimaanlagen erhebliche Mengen Strom. Weltweit entfallen nach Berechnungen auf Basis internationaler Energiedaten rund sieben Prozent des Stromverbrauchs auf Klimatisierung. Die dafür benötigte Energie verursacht einen relevanten Anteil der globalen CO₂-Emissionen, sofern sie aus fossilen Quellen stammt.
Während einer Hitzewelle laufen viele Geräte gleichzeitig. Dadurch entstehen hohe Verbrauchsspitzen, die Stromnetze und Kraftwerke zusätzlich belasten können. Je stärker sich Klimaanlagen in Europa verbreiten, desto wichtiger werden deshalb effiziente Geräte, ausreichend dimensionierte Netze und eine Stromversorgung aus erneuerbaren Energien.
Auch das verwendete Kältemittel spielt eine Rolle. Bei einer unsachgemäßen Installation, Beschädigung oder Entsorgung können Stoffe austreten, die eine starke Treibhauswirkung haben.
Abluftgeräte haben technische Nachteile
Viele europäische Haushalte nutzen bislang mobile Monoblock-Klimageräte. Dabei befinden sich sämtliche technischen Komponenten in einem Gerät innerhalb der Wohnung. Die warme Luft wird über einen Schlauch durch ein geöffnetes oder abgedichtetes Fenster nach draußen geleitet.
Diese Geräte sind einfach aufzustellen, arbeiten aber häufig weniger effizient als Splitanlagen. Weil im Raum ein Unterdruck entstehen kann, strömt warme Außenluft durch Fensterspalten, Türen oder andere Öffnungen nach.
Mobile Splitgeräte trennen dagegen die wärmeerzeugenden Bestandteile vom Innenraum. Dadurch können sie leiser und effizienter arbeiten. Sie sind allerdings teurer, schwerer und benötigen eine geeignete Stelle für die Außeneinheit.
Auch bei mobilen Geräten müssen Nutzer auf Lärmschutz, sichere Befestigung, Kondenswasser und die Tragfähigkeit von Fensterbänken oder Balkonen achten. In Miet- und Eigentumswohnungen können zudem weiterhin rechtliche Fragen entstehen, wenn das Außengerät sichtbar angebracht wird oder Nachbarn durch Geräusche beeinträchtigt werden.
Frankreich investiert in Kühlung öffentlicher Gebäude
Die Diskussion betrifft längst nicht mehr nur private Haushalte.
Während der Hitzewelle mussten in Frankreich zahlreiche Schulen zeitweise schließen. Der französische Energieversorger EDF kündigte anschließend Investitionen in Höhe von 80 Millionen Euro an, um Schulen und kommunale Freizeiteinrichtungen mit Kühlmaßnahmen auszustatten. Dazu gehören neben Ventilatoren auch Klimaanlagen.
Die WHO empfiehlt einen differenzierten Umgang mit Klimatisierung. Sie betrachtet Klimaanlagen nicht als alleinige oder dauerhaft nachhaltige Antwort auf extreme Hitze, erkennt sie aber als wichtiges Schutzmittel für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen an.
Zusätzlich empfiehlt die Organisation klassische Maßnahmen: Fenster und Rollläden tagsüber geschlossen halten, nachts lüften, unnötige Wärmequellen abschalten, ausreichend trinken und mehrere Stunden des Tages an einem kühlen Ort verbringen.
Gebäude müssen langfristig hitzefester werden
Klimaanlagen können akute Entlastung schaffen, lösen aber nicht das grundlegende Problem überhitzender Städte und Gebäude.
Langfristig benötigen europäische Länder eine umfassendere Anpassung an steigende Temperaturen. Dazu gehören außen liegender Sonnenschutz, bessere Dämmung, begrünte Dächer und Fassaden, verschattete Fenster, helle Baumaterialien und eine stärkere nächtliche Belüftung.
Städte können durch zusätzliche Bäume, Parks, Wasserflächen und weniger versiegelten Boden gekühlt werden. Pflegeheime, Krankenhäuser und Schulen benötigen verbindliche Hitzeschutzkonzepte und zugängliche kühle Räume.
Effiziente Wärmepumpen können ebenfalls eine Rolle spielen. Viele Geräte, die im Winter zum Heizen eingesetzt werden, lassen sich im Sommer zur Kühlung verwenden. In gut gedämmten Gebäuden kann dies effizienter sein als der Betrieb mehrerer mobiler Einzelgeräte.
Chinesische Hersteller verändern ihr Image
Der Erfolg der Klimageräte zeigt zugleich, wie sich die Wahrnehmung chinesischer Technik in Europa verändert.
Produkte aus China wurden lange vor allem mit niedrigen Preisen und schwankender Qualität verbunden. Inzwischen gehören chinesische Unternehmen bei Elektroautos, Solartechnik, Drohnen, Batterien und Haushaltsgeräten technologisch zu den führenden Anbietern.
Mehrere Käufer erklärten, sie seien von der Gestaltung und Verarbeitung der Geräte positiv überrascht worden. Die Produkte unterschieden sich deutlich vom früher verbreiteten Bild billiger chinesischer Massenware.
Chinesische Staatsmedien nutzen den Verkaufserfolg entsprechend offensiv. Sie präsentieren ihn als Beleg dafür, dass europäische Verbraucher bei konkretem Bedarf trotz politischer Handelskonflikte auf chinesische Technologie angewiesen seien. Diese Darstellung ist erkennbar interessengeleitet, verweist aber auf einen realen Wettbewerbsvorteil: Chinesische Hersteller können Kühlgeräte in großen Stückzahlen und zu vergleichsweise niedrigen Preisen anbieten.
Aus einer Ausnahme wird ein neuer Markt
Noch sind Klimaanlagen in Europa deutlich weniger verbreitet als in anderen Weltregionen. Die jüngsten Verkaufszahlen deuten jedoch darauf hin, dass sich der Markt dauerhaft verändert.
Für viele Käufer ist die Anschaffung keine Frage des Komforts mehr. Sie betrachten Kühlung zunehmend als Voraussetzung dafür, während längerer Hitzeperioden schlafen, arbeiten oder sich gesundheitlich schützen zu können.
Davon profitieren derzeit besonders chinesische Hersteller, weil sie Geräte anbieten, die auf die baulichen und rechtlichen Bedingungen europäischer Wohnungen zugeschnitten sind.
Die langfristige Herausforderung besteht darin, den wachsenden Kühlbedarf zu decken, ohne Stromnetze und Klima zusätzlich zu belasten. Europa wird deshalb nicht nur mehr Klimageräte benötigen, sondern vor allem effizientere Technik, hitzefestere Gebäude und Städte, die auch bei Temperaturen von 40 Grad bewohnbar bleiben.
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