Eine satirische Glosse aus Leuna
Es gibt Menschen, die schaffen es, innerhalb von zweieinhalb Monaten eine Ehe zu ruinieren, einen Kleinwagen zu schrotten und einen Bausparvertrag zu kündigen.
In Leuna hat man in derselben Zeit gleich eine ganze Unternehmensrettung versenkt.
Herzlichen Glückwunsch.
Noch im April wurde die Übernahme der Vermögenswerte der insolventen Domo Caproleuna als große Erfolgsgeschichte verkauft. Frischer Start. Neue Gesellschaft. Neue Perspektiven. Neue Hoffnung für mehr als 400 Beschäftigte.
Zweieinhalb Monate später lautet die Überschrift:
„Leuna-Polyamid GmbH beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung.“
Da fragt man sich unwillkürlich:
Herr Schulze, was genau haben Sie den Mitarbeitern eigentlich beim Neustart erzählt?
„Diesmal wird alles besser?“
„Jetzt geht’s richtig los?“
„Vertrauen Sie uns?“
Oder vorsichtshalber:
„Bitte heben Sie die Umzugskartons nicht zu weit weg, man weiß ja nie.“
Die kürzeste Erfolgsgeschichte der Chemiebranche
Normalerweise braucht eine Sanierung Zeit.
Monate.
Jahre.
Manchmal Jahrzehnte.
In Leuna wurde das Verfahren offenbar auf Expressbetrieb umgestellt.
Anfang April Übernahme.
Mitte Juni Insolvenz.
Das schafft nicht einmal die durchschnittliche Reality-TV-Ehe.
Der Schuldige heißt Geopolitik
Natürlich gibt es eine Erklärung.
Es gibt immer eine Erklärung.
Diesmal lautet sie:
„Weltpolitische Entwicklungen in der Golfregion.“
Eine Formulierung, die in Deutschland inzwischen ungefähr so oft verwendet wird wie früher „Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen“.
Die Rohstoffpreise seien um 40 bis 100 Prozent gestiegen.
Die Lieferanten hätten Vorkasse verlangt.
Die Rücklagen hätten noch gefehlt.
Alles nachvollziehbar.
Doch eine Frage bleibt:
War die Golfregion im April eigentlich noch geheim?
Oder kam die Nachricht über steigende Rohstoffpreise völlig überraschend wie ein Schneesturm in der Sahara?
Die Mitarbeiter spielen Insolvenz-Bingo
Besonders bitter ist die Situation für die Belegschaft.
Viele der über 400 Beschäftigten hatten gerade erst gehofft, das Kapitel Insolvenz endlich hinter sich zu haben.
Jetzt dürfen sie erneut dieselben Gespräche führen.
Mit ihren Ehepartnern.
Mit ihren Kindern.
Mit der Bank.
Mit dem Vermieter.
Mit dem Nachbarn.
Und wahrscheinlich bald wieder mit Insolvenzverwaltern.
Man könnte fast meinen, in Leuna wird Insolvenz inzwischen als wiederkehrendes Fortbildungsprogramm angeboten.
Der Investor – das seltenste Tier Deutschlands
Natürlich gibt es einen Plan.
Es gibt immer einen Plan.
Diesmal heißt er:
„Wir suchen einen Investor.“
Der Investor ist in Deutschland mittlerweile eine Art Fabelwesen.
Jeder spricht von ihm.
Niemand hat ihn gesehen.
Alle hoffen auf ihn.
Und wenn er doch auftaucht, verlangt er meistens mehr Sicherheiten als eine Schweizer Privatbank.
Moderne Anlagen, engagierte Mannschaft
Besonders schön klingt die aktuelle Unternehmenskommunikation.
Man verfüge über moderne Anlagen und eine engagierte Mannschaft.
Das ist zweifellos richtig.
Nur leider bezahlen moderne Anlagen keine Rohstoffe.
Und engagierte Mitarbeiter ersetzen keine Liquidität.
Sonst wäre Leuna vermutlich Weltmarktführer.
Was sagen Sie den Familien?
Die eigentliche Frage bleibt.
Was sagt man den Familien?
Den Menschen, die nach der ersten Insolvenz auf einen echten Neustart gehofft hatten?
Den Mitarbeitern, die wieder einmal morgens durch die Werkstore gehen und nicht wissen, ob sie dort in einigen Monaten noch beschäftigt sein werden?
Vielleicht könnte die Botschaft so lauten:
„Liebe Mitarbeiter,
wir haben leider festgestellt, dass Insolvenz doch komplizierter ist als gedacht.
Unsere Planung war hervorragend.
Die Realität leider nicht.
Deshalb suchen wir jetzt erneut einen Investor.
Bis dahin bitten wir um Geduld, Vertrauen und möglichst gute Laune.“
Hoffnung stirbt in Leuna zuletzt
Ganz aussichtslos ist die Lage nicht.
Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann hält eine erneute Rettung für möglich.
Möglich.
Das ist in solchen Situationen das Lieblingswort aller Beteiligten.
Möglich ist vieles.
Möglich ist auch ein neuer Investor.
Möglich ist eine erfolgreiche Sanierung.
Möglich ist sogar, dass die Geschichte diesmal länger als zweieinhalb Monate dauert.
Für die Beschäftigten wäre das bereits ein Fortschritt.
Denn nach zwei Insolvenzen in kurzer Zeit dürfte in Leuna inzwischen jeder wissen:
Eine Rettung ist erst dann wirklich gelungen, wenn man sie nicht wenige Wochen später erneut retten muss.
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