Eine satirische Betrachtung des neuesten Kapitels transatlantischer Freundschaftspflege
Manchmal fragt man sich, ob internationale Politik noch von Staatschefs gemacht wird oder inzwischen vollständig von ehemaligen Reality-TV-Autoren übernommen wurde.
Der aktuelle Streit zwischen Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und US-Präsident Donald Trump liefert jedenfalls beste Unterhaltung.
Denn laut Trump soll Meloni ihn beim G7-Gipfel regelrecht um ein gemeinsames Foto angefleht haben.
Seine Version der Geschichte:
„Sie hat mich um ein Foto angebettelt. Ich hatte Mitleid mit ihr.“
Ein Satz, der ungefähr so diplomatisch wirkt wie ein Presslufthammer in einer Porzellanmanufaktur.
Das große Bettel-Foto
Man stelle sich die Szene vor.
Da sitzt Giorgia Meloni, Regierungschefin eines G7-Staates, auf einem Sofa mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Beide unterhalten sich.
Beide lachen.
Kameras filmen.
Fotografen fotografieren.
Und irgendwo im Hintergrund soll Meloni angeblich geflüstert haben:
„Donald, bitte. Nur ein kleines Foto. Nur eins. Meine Instagram-Follower würden sich freuen.“
Die italienische Regierungschefin reagierte auf diese Darstellung ungefähr so begeistert wie ein Sizilianer auf Ananas-Pizza.
„Italien bettelt nicht“
Melonis Antwort fiel entsprechend deutlich aus:
„Weder ich noch Italien betteln jemals.“
Damit war aus einer gewöhnlichen Gipfelnachlese plötzlich ein diplomatischer Kleinkrieg geworden.
Italiens Außenminister sagte kurzerhand eine Reise in die USA ab.
Der italienische Präsident griff zum Telefon.
Die Opposition verteidigte Meloni.
Die Regierung verteidigte Meloni.
Sogar politische Gegner verteidigten Meloni.
Es ist vermutlich das erste Mal seit Jahren, dass sich halb Italien auf etwas einigen konnte.
Das internationale Selfie-Diplomatie-Protokoll
Der eigentliche Skandal ist allerdings ein anderer.
Offenbar befinden wir uns mittlerweile in einer Phase der Weltpolitik, in der Staatsoberhäupter darüber streiten, wer wen um ein Foto gebeten hat.
Früher diskutierte man über Abrüstung.
Heute über Bildrechte.
Früher verhandelten Staatschefs über Friedensverträge.
Heute über Selfies.
Der Wiener Kongress hätte vermutlich nicht stattgefunden, wenn Metternich und Talleyrand zuerst klären mussten, wer wen auf Instagram markiert.
Die Videoaufnahmen sprechen eine andere Sprache
Besonders unerquicklich für Trumps Version:
Die Aufnahmen vom Gipfel zeigen zwei Politiker, die entspannt miteinander reden.
Meloni lacht.
Trump redet.
Beide wirken keineswegs wie Opfer und Täter eines Selfie-Erpressungsversuchs.
Eher wie zwei Menschen, die versuchen, eine Unterhaltung zu führen.
Ein gefährlicher Eindruck für jede gute Verschwörungstheorie.
Wer hat hier wirklich ein Problem?
Viele Beobachter vermuten inzwischen, dass Trump weniger das Foto als vielmehr Melonis zunehmende Eigenständigkeit stört.
Denn die italienische Regierungschefin hat in den vergangenen Monaten mehrfach Positionen vertreten, die in Washington nicht unbedingt auf Begeisterung gestoßen sind.
Insbesondere ihre Kritik am Iran-Krieg und ihre Bereitschaft, gelegentlich „Nein“ zu sagen.
Eine Eigenschaft, die bei Verbündeten oft geschätzt wird.
Außer man sitzt im Weißen Haus.
Die Unterstützung aus Italien
Besonders bemerkenswert ist die Reaktion in Rom.
Von links bis rechts sprang praktisch das gesamte politische Spektrum Meloni zur Seite.
Normalerweise streiten sich Italiens Parteien bereits darüber, ob die Sonne morgens korrekt aufgeht.
Diesmal waren sich plötzlich alle einig:
So spricht man nicht mit einer italienischen Ministerpräsidentin.
Die wahre Tragödie
Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis:
Die Welt steht vor geopolitischen Krisen, Kriegen, wirtschaftlichen Problemen und internationalen Spannungen.
Und trotzdem diskutieren zwei führende Politiker westlicher Demokratien darüber, wer wen um ein gemeinsames Foto gebeten hat.
Vielleicht sollten beide Seiten die Sache pragmatisch lösen.
Einfach noch ein Foto machen.
Diesmal mit einem Schild:
„Niemand hat jemanden angebettelt.“
Und falls doch, wird das selbstverständlich von einer unabhängigen internationalen Selfie-Kommission untersucht.
Man will schließlich die Wahrheit erfahren.
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