Die indonesischen Behörden gehen Hinweisen auf schwere Misshandlungen in einer Kindertagesstätte in Yogyakarta nach. Nach Angaben der Polizei sollen in der Einrichtung Little Aresha mindestens 53 Kinder misshandelt oder vernachlässigt worden sein.
Warnhinweis: Dieser Beitrag enthält Schilderungen mutmaßlicher Kindesmisshandlung.
Schockierende Entdeckung bei Polizeirazzia
Jahrelang hatte der Vater Noorman seine beiden kleinen Kinder der Kita Little Aresha anvertraut. Die Einrichtung in Yogyakarta warb mit moderner Ausstattung, klimatisierten Räumen und vielfältigen Spielangeboten.
Am vergangenen Freitag erhielt der Beamte jedoch einen panischen Anruf von einem Freund: Die Polizei habe die Kita durchsucht, er solle seine Kinder sofort abholen.
„Man zeigte uns dann ein Video der Razzia. Darauf waren Kinder zu sehen, deren Hände und Füße gefesselt waren. Sie waren nackt und trugen nur Windeln“, sagte Noorman gegenüber BBC Indonesian.
Die Razzia brachte ans Licht, was Ermittler als mutmaßliches System von Misshandlung innerhalb der Einrichtung beschreiben – ein Fall, der in Indonesien landesweit Entsetzen ausgelöst hat.
Die Polizei in Yogyakarta beschuldigt inzwischen 13 Personen, darunter die Leiterin der Einrichtung, die Vorsitzende der Little-Aresha-Stiftung sowie Betreuungskräfte, mehrerer Verstöße gegen den Kinderschutz.
Der Fall hat außerdem eine breitere Debatte über die Kontrolle von Kinderbetreuungseinrichtungen in Indonesien ausgelöst, von denen viele nach Angaben der Behörden nicht ordnungsgemäß lizenziert sind.
Wie der Fall bekannt wurde
Auslöser der Ermittlungen war die Anzeige einer ehemaligen Mitarbeiterin, die der Polizei meldete, Kinder seien in der Einrichtung unmenschlich behandelt worden.
Bei der Durchsuchung fanden die Beamten nach eigenen Angaben Beweise für die mutmaßlichen Misshandlungen: Kinder mit gefesselten Händen und Füßen sowie Verletzungen.
Zudem entdeckte die Polizei mehrere sehr kleine Räume von nur etwa drei Metern Breite, in denen jeweils bis zu 20 Kinder untergebracht gewesen sein sollen. Das erklärte Rizki Adrian, Leiter der Kriminalermittlungen in Yogyakarta.
Von den 103 angemeldeten Kindern gelten nach aktuellem Stand mindestens 53 als Opfer körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung. Die Mehrheit der betroffenen Kinder soll jünger als zwei Jahre gewesen sein.
Am Samstag wurden rund 30 Personen aus dem Umfeld der Kita festgesetzt und befragt. 13 von ihnen wurden inzwischen verhaftet und wegen Misshandlung und Vernachlässigung angeklagt.
Die Behörden bestätigten außerdem, dass Little Aresha keine Betriebserlaubnis besaß.
Die Einrichtung, die seit der Razzia geschlossen ist, hat sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Die Stadtverwaltung von Yogyakarta fordert umfassende psychologische und medizinische Untersuchungen für die betroffenen Kinder. Auch für die Eltern sollen Angebote zur Traumabewältigung bereitgestellt werden.
Wut, Schock und Schuldgefühle bei den Eltern
Für Eltern wie Noorman ist die Enthüllung ein Albtraum. Er hatte seine Tochter 2022 im Alter von zwei Jahren in der Kita angemeldet.
„Angeboten wurden klimatisierte Räume, Betten, Mittagessen und verschiedene Spielaktivitäten“, sagte er. „Genau deshalb haben wir uns für Little Aresha entschieden – das Auftreten und die Außendarstellung waren sehr überzeugend.“
Auch die Frau, die hinter der Stiftung stand, sei auf ihn „sanft und kommunikativ“ gewirkt. Als sein Sohn 2024 drei Monate alt war, meldete er auch ihn dort an.
„Wir hätten nie gedacht, dass die Kinder dort so schlecht behandelt werden“, sagte Noorman.
Rückblickend gab es jedoch Warnsignale: Einmal bemerkte er einen Schnitt am Kinn seiner Tochter sowie blaue Flecken an ihren Händen. Auf Nachfrage erklärte das Personal, das Kind habe sich zu Hause verletzt – nicht in der Einrichtung.
Ein anderer Vater, Budiyanto, berichtete ebenfalls von Verletzungen bei seiner anderthalbjährigen Tochter: Schnitte, blaue Flecken und Beulen an Stirn und Wange. Das Personal habe behauptet, andere Kinder hätten sie gebissen. „Wir hielten das für normal, weil kleine Kinder sich eben manchmal streiten“, sagte er.
Anzeichen, die im Nachhinein verdächtig wirken
Nicht nur die unerklärlichen Verletzungen machten Eltern im Rückblick stutzig.
Noorman fiel auf, dass seine Kinder ständig hungrig wirkten. Obwohl er ihnen täglich Essen mitgab, baten sie zu Hause immer wieder um weitere Nahrung. Sein kleiner Sohn nahm außerdem kaum an Gewicht zu.
„Warum kommt er jeden Tag nach Hause und sagt, dass er immer noch Hunger hat? Dass er etwas zu essen, zu trinken oder Milch möchte?“, fragte Noorman. „Wir haben einfach nicht erkannt, dass etwas nicht stimmte.“
Bei einer kürzlichen Untersuchung wurde bei seinem Sohn zudem Lungenentzündung diagnostiziert.
Noorman und seine Frau hoffen nun auf eine lückenlose Aufklärung und die höchstmögliche Strafe für die mutmaßlich Verantwortlichen.
„Das ist unmenschlich. Wir haben unserem Kind dieser Einrichtung vertraut“, sagte er. „Nicht nur mein eigenes Kind – Dutzende Kleinkinder wurden dort offenbar auf grausame Weise behandelt.“
Viele Eltern kämpfen inzwischen auch mit starken Schuldgefühlen, weil sie ihre Kinder dort angemeldet hatten.
Virales Video sorgt für zusätzliche Empörung
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt ein TikTok-Video von Erika Rismay, deren Tochter ebenfalls Little Aresha besucht hatte.
In dem Clip, dessen Gesicht des Kindes mit einem weinenden Emoji verdeckt wurde, erzählt das Mädchen, dass ihre Lehrerinnen in der Schule ihr Hände und Füße zusammengebunden und ihren Mund bedeckt hätten.
„Warum wurde dein Mund zugehalten?“, fragt Erika ihre Tochter im Video.
„Damit ich nicht weine. Damit Mama mich nicht weinen hört“, antwortet das Kind.
In der Bildunterschrift schrieb Erika:
„Oh Allah, mein Kind, vergib mir. Kein Wunder, dass du jeden Tag hysterisch geweint hast, wenn du in die Schule gegangen bist – und wenn du nach Hause kamst, warst du still und wie weggetreten.“
Das Video wurde bereits mehr als 300.000 Mal angesehen.
Forderungen nach strengeren Kontrollen
Der Fall hat in Indonesien eine neue Welle der Empörung ausgelöst. Viele Menschen fordern nun strengere Aufsicht über Kinderbetreuungseinrichtungen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Indonesien von Vorwürfen der Kindesmisshandlung in Betreuungseinrichtungen erschüttert wird.
Bereits 2024 geriet eine andere Kita in Depok, südlich von Jakarta, in die Schlagzeilen, nachdem Überwachungsvideos viral gegangen waren. Darauf soll zu sehen gewesen sein, wie zwei Kleinkinder von einer Frau misshandelt wurden.
Eine anschließende Untersuchung der indonesischen Kinderschutzkommission (KPAI) ergab, dass von mehr als 100 Kitas in Depok weniger als 20 Prozent über eine Lizenz verfügten.
Nach Angaben der KPAI gibt es in Indonesien rund 3.000 Kinderbetreuungseinrichtungen, von denen viele – wie auch Little Aresha – ohne Genehmigung arbeiten.
Der Bürgermeister von Yogyakarta, Hasto Wardoyo, kündigte an, nun auch die übrigen Kitas der Stadt zu kontrollieren und die Bevölkerung stärker darüber aufzuklären, wie man verifizierte Betreuungsangebote erkennt.
Am Sonntag forderte zudem ein Abgeordneter eine umfassende Untersuchung des Falls. Gegenüber lokalen Medien bezeichnete er die Vorwürfe als „wirklich unverzeihlich“.
Öffentliche Reaktionen in sozialen Medien
In den sozialen Medien wird inzwischen laut über Konsequenzen diskutiert.
Ein Facebook-Nutzer schrieb:
„Kitas sollten verpflichtet werden, Überwachungskameras zu installieren, auf die Eltern jederzeit per Handy zugreifen können, damit so etwas nie wieder passiert.“
Ein anderer Kommentar richtete sich direkt an das Personal der Einrichtung:
„Wer mit Kindern arbeitet, weiß, dass Wutanfälle dazugehören. Kinder verstehen nicht immer sofort, was man sagt. Aber genau das ist der Beruf, den ihr gewählt habt. Wenn ihr mit normalem kindlichem Verhalten nicht umgehen könnt, solltet ihr nicht mit Kindern arbeiten.“
Kommentar hinterlassen