Sensus Pura präsentiert sich als Investmentplattform mit einem durchaus ambitionierten Versprechen: Privatanleger sollen Zugang zu nicht börsennotierten Wachstumsunternehmen erhalten, die Plattform investiere selbst mit eigenem Kapital, prüfe Unternehmen intensiv und begleite Beteiligungen teilweise sogar operativ.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf den inzwischen veröffentlichten Jahresabschluss der deutschen Gesellschaft.
Und der fällt bemerkenswert überschaubar aus.
Die Sensus Pura Germany GmbH weist zum 31. Dezember 2024 eine Bilanzsumme von gerade einmal 57.057,47 Euro aus. Davon entfallen 7.099,06 Euro auf Eigenkapital, 4.000 Euro auf Rückstellungen und 45.958,41 Euro auf Verbindlichkeiten.
Das ist zunächst kein Beweis für ein Problem. Für eine Gesellschaft, die öffentlich mit Investmentkompetenz, eigenen Investments und der Begleitung von Wachstumsunternehmen auftritt, wirft die Größenordnung allerdings einige naheliegende Fragen auf.
Die Bilanz wächst rasant – vor allem durch Schulden
Auf den ersten Blick hat sich 2024 einiges getan.
Die Bilanzsumme stieg von 7.149,42 Euro auf 57.057,47 Euro. Sie hat sich damit gegenüber dem Vorjahr nahezu verachtfacht.
Auch das Eigenkapital entwickelte sich positiv. Ende 2023 standen lediglich 1.225,36 Euro in der Bilanz, Ende 2024 waren es 7.099,06 Euro. Das entspricht einer Verbesserung um 5.873,70 Euro.
Das ist grundsätzlich positiv.
Allerdings fällt beim Blick auf die Finanzierung auf, woher der größte Teil des Bilanzwachstums kommt.
Die Verbindlichkeiten explodierten von 3.924,06 Euro auf 45.958,41 Euro. Sie haben sich damit binnen eines Jahres fast verzwölffacht.
Noch bemerkenswerter: Sämtliche zum Bilanzstichtag ausgewiesenen Verbindlichkeiten hatten eine Restlaufzeit von höchstens einem Jahr.
Damit bestanden Ende 2024 rund 80,5 Prozent der gesamten Bilanzsumme aus Verbindlichkeiten. Das Eigenkapital entsprach dagegen lediglich rund 12,4 Prozent der Bilanzsumme.
Das muss bei einer jungen operativen Gesellschaft keineswegs ungewöhnlich oder automatisch problematisch sein. Entscheidend wäre beispielsweise, wem die Verbindlichkeiten geschuldet werden, wodurch sie entstanden sind und welche liquiden Mittel beziehungsweise kurzfristig realisierbaren Vermögenswerte ihnen gegenüberstehen.
Genau diese entscheidenden Details liefert der verkürzte Abschluss jedoch nicht.
57.000 Euro Vermögen bei einer Investmentplattform
Interessant ist auch die Aktivseite.
Das gesamte ausgewiesene Vermögen von 57.057,47 Euro befindet sich im Umlaufvermögen. Ein gesondert ausgewiesenes Anlagevermögen erscheint in der Bilanz nicht.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil Sensus Pura öffentlich hervorhebt, sich selbst mit eigenem Kapital an ausgewählten Unternehmen zu beteiligen. In einer ausführlichen Darstellung über das Geschäftsmodell heißt es sogar, Sensus Pura investiere eigenes Kapital in jedes Unternehmen, bevor dieses auf der Plattform angeboten werde.
Weiter wird das eigene Investment als wichtiges Unterscheidungsmerkmal hervorgehoben. Geschäftsführer Michael Grund begründet dieses Prinzip sinngemäß damit, dass man Anlegern kein Investment anbieten könne, an das man selbst nicht glaube.
Hier muss allerdings sauber getrennt werden.
Aus dem Jahresabschluss der Sensus Pura Germany GmbH kann nicht geschlossen werden, dass solche Eigeninvestments nicht existieren. Sie könnten beispielsweise über eine andere Gesellschaft oder eine andere Struktur erfolgen. Auch die öffentlich dargestellte Sensus-Pura-Struktur umfasst eine deutsche und eine österreichische Gesellschaft.
Gerade deshalb wäre für Anleger interessant zu wissen: Welche Gesellschaft investiert tatsächlich? In welcher Höhe? Wo werden diese Beteiligungen bilanziert? Und wie groß ist das tatsächliche wirtschaftliche „Skin in the Game“ im Verhältnis zum Kapital der Privatanleger?
Die vorliegende Bilanz der deutschen GmbH beantwortet diese Fragen nicht.
Stammkapital von 25.000 Euro – Eigenkapital nur 7.099 Euro
Ein weiterer Punkt verdient Aufmerksamkeit.
Laut Anhang verfügt die Gesellschaft über ein Stammkapital von 25.000 Euro. Alleinige Gesellschafterin ist demnach die Sensus Pura Industries AG.
Dem gegenüber steht zum 31. Dezember 2024 ein bilanzielles Eigenkapital von lediglich 7.099,06 Euro.
Damit liegt das ausgewiesene Eigenkapital 17.900,94 Euro unter dem nominellen Stammkapital.
Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Summe einfach einem Verlust des Jahres 2024 entspricht. Ohne detaillierte Eigenkapitalentwicklung und vollständige Gewinn- und Verlustrechnung lässt sich die Ursache aus den vorgelegten Angaben nicht eindeutig rekonstruieren.
Die Differenz ist aber erheblich und sollte bei einer kritischen Betrachtung nicht übergangen werden.
Positiv ist immerhin die Entwicklung gegenüber 2023: Damals betrug das Eigenkapital nur 1.225,36 Euro. Die Eigenkapitalposition hat sich 2024 somit deutlich verbessert.
Von einer komfortablen Kapitalausstattung kann bei einer Bilanzsumme von 57.057 Euro und knapp 46.000 Euro kurzfristigen Verbindlichkeiten dennoch kaum gesprochen werden.
Forderung gegen Gesellschafter fällt auf
Im Umlaufvermögen findet sich außerdem eine Forderung gegenüber einem Gesellschafter in Höhe von 1.498,45 Euro.
Auch daraus lässt sich für sich genommen nichts Problematisches ableiten. Forderungen gegenüber Gesellschaftern können aus unterschiedlichsten Geschäftsvorgängen entstehen.
Für eine vollständige Beurteilung wäre aber interessant, wodurch diese Forderung entstanden ist und gegen welchen Gesellschafter sie sich konkret richtet.
Gerade bei sehr kleinen Gesellschaften können bereits Beträge von wenigen Tausend Euro relativ zur Bilanzsumme eine relevante Größenordnung darstellen.
Anspruch und Bilanzdimension passen noch nicht recht zusammen
Besonders interessant wird die Bilanz im Vergleich zur öffentlich dargestellten Dimension des Geschäftsmodells.
Sensus Pura beschreibt einen Ansatz, bei dem drei bis fünf Unternehmen pro Jahr finanziert werden sollen. Die geplanten Ticketgrößen sollen zwischen einer und drei Millionen Euro liegen. Daraus werde ein jährliches Finanzierungsvolumen von ungefähr acht bis 15 Millionen Euro angestrebt.
Dem steht bei der Sensus Pura Germany GmbH zum Jahresende 2024 eine Bilanzsumme von lediglich rund 57.000 Euro gegenüber.
Natürlich ist das kein unmittelbarer Widerspruch. Eine Vermittlungs- oder Plattformgesellschaft muss die von Anlegern vermittelten Millionenbeträge nicht zwangsläufig selbst in ihrer Bilanz führen.
Aber genau deshalb sollte bei der Kommunikation sehr präzise zwischen drei Dingen unterschieden werden: dem über die Plattform vermittelten Kapital, dem Kapital anderer Investoren und dem tatsächlich aus eigenen Mitteln von Sensus Pura investierten Geld.
Wenn „Skin in the Game“ ein zentrales Verkaufsargument ist, ist die konkrete Größenordnung dieses Eigenengagements für Anleger keine Nebensache.
Auch „Regulierung“ sollte genau eingeordnet werden
Sensus Pura verweist zudem auf regulierte Strukturen in Deutschland und Österreich. In der Darstellung des Geschäftsmodells ist von elektronischen Wertpapieren nach dem eWpG und BaFin-bezogenen Anforderungen in Deutschland sowie vom Alternativfinanzierungsgesetz und der FMA in Österreich die Rede.
Für Anleger ist dabei wichtig, Regulierung nicht mit einer wirtschaftlichen Qualitätsgarantie zu verwechseln.
Regulatorische Vorgaben können beispielsweise Informations-, Organisations- oder Vertriebsanforderungen betreffen. Sie bedeuten nicht automatisch, dass ein angebotenes Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein wird oder dass investiertes Kapital geschützt ist.
Das räumt die Darstellung letztlich selbst ein: Bei den angebotenen Substanzgenussrechten besteht ein Totalverlustrisiko. Im Insolvenzfall wird Genussrechtskapital nachrangig behandelt.
Auch der Jahresabschluss selbst enthält eine wichtige Einschränkung
Ein Satz im Anhang sollte ebenfalls nicht überlesen werden.
Der Steuerberater erklärt, dass der Jahresabschluss auf Grundlage der geführten Bücher, vorgelegten Unterlagen und erteilten Auskünfte erstellt wurde.
Eine Beurteilung der Ordnungsmäßigkeit dieser Unterlagen und der Angaben des Unternehmens sei ausdrücklich nicht Gegenstand seines Auftrags gewesen.
Das ist nicht mit einem negativen Prüfungsurteil gleichzusetzen. Vielmehr macht es deutlich, dass es sich bei der Abschlussbestätigung nicht um eine umfassende unabhängige Jahresabschlussprüfung mit entsprechendem Prüfungsurteil handelt.
Wer aus der Nennung eines Steuerberaters eine zusätzliche wirtschaftliche Qualitätsbestätigung ableiten wollte, würde deshalb zu weit gehen.
Die entscheidenden Zahlen im Überblick
Ende 2024 stehen bei der Sensus Pura Germany GmbH 57.057,47 Euro Vermögen insgesamt 49.958,41 Euro Rückstellungen und Verbindlichkeiten gegenüber.
Das Eigenkapital beträgt 7.099,06 Euro.
Die Verbindlichkeiten von 45.958,41 Euro sind vollständig innerhalb eines Jahres fällig beziehungsweise haben eine entsprechende Restlaufzeit.
Die Eigenkapitalquote liegt rechnerisch bei rund 12,4 Prozent.
Die Verbindlichkeiten entsprechen rund 80,5 Prozent der Bilanzsumme.
Gegenüber 2023 stieg das Eigenkapital zwar um 5.873,70 Euro, gleichzeitig erhöhten sich die Verbindlichkeiten aber um mehr als 42.000 Euro.
Das Bild ist deshalb zweigeteilt: Die Gesellschaft ist 2024 deutlich gewachsen und ihre Eigenkapitalposition hat sich verbessert. Das Wachstum der Bilanz wurde jedoch in wesentlich größerem Umfang von einem Anstieg der kurzfristigen Verbindlichkeiten begleitet.
Was Anleger jetzt eigentlich wissen müssten
Die Bilanz beweist weder, dass Sensus Pura wirtschaftlich schlecht aufgestellt ist, noch widerlegt sie das Geschäftsmodell.
Aber sie liefert auch keinen Beleg für die wirtschaftliche Stärke, die man angesichts der ambitionierten Außendarstellung möglicherweise vermuten könnte.
Vor allem fehlen für eine belastbare Beurteilung zentrale Informationen: Wie setzen sich die knapp 46.000 Euro Verbindlichkeiten zusammen? Wie liquide sind die 57.000 Euro Umlaufvermögen tatsächlich? Welche Umsätze wurden erzielt? Wie hoch war das Jahresergebnis? Welche Zahlungsströme bestehen zwischen der Germany GmbH, der Muttergesellschaft und weiteren Sensus-Pura-Gesellschaften? Und vor allem: Wo und in welcher konkreten Höhe befinden sich die Eigeninvestments, mit denen das Unternehmen sein „Skin in the Game“ unterstreicht?
Das sind keine Detailfragen.
Sensus Pura macht gerade die sorgfältige Prüfung anderer Unternehmen zu einem wesentlichen Bestandteil seines eigenen Leistungsversprechens. Die Plattform beschreibt eine Due Diligence, die von Gründungsunterlagen über Verträge und Lizenzen bis zur aktuellen betriebswirtschaftlichen Auswertung reichen soll.
An diesem Anspruch darf man die Plattform auch selbst messen.
Wer von Privatanlegern Transparenz gegenüber den finanzierten Unternehmen verlangt und „Skin in the Game“ als Vertrauensargument verwendet, sollte deshalb auch beim eigenen Unternehmen möglichst klar zeigen, woher das Kapital kommt, wie solide die operative Gesellschaft finanziert ist und wie viel eigenes Geld tatsächlich neben dem Geld der Anleger investiert wird.
Der Jahresabschluss 2024 liefert darauf bislang nur einen kleinen Ausschnitt.
Und dieser Ausschnitt zeigt vor allem eines: Hinter einem Geschäftsmodell, das mit Finanzierungen in Millionenhöhe wirbt, steht zumindest auf Ebene der deutschen GmbH zum Bilanzstichtag noch eine ausgesprochen kleine Gesellschaft mit niedriger Eigenkapitalbasis und stark gestiegenen kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Das muss kein Warnsignal sein.
Aber es ist definitiv ein Grund, genauer hinzusehen.
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