Trump und der Iran unterschreiben ein Abkommen – die schwierigen Fragen werden auf später verschoben
Von außen betrachtet wirkt es wie ein diplomatisches Meisterwerk. Von innen betrachtet wie ein Mietvertrag, bei dem die wichtigsten Seiten noch fehlen.
US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Massud Peseschkian haben ein 14-Punkte-Abkommen unterzeichnet, das den Krieg beenden, die Straße von Hormus öffnen, Sanktionen aufheben, Milliarden freisetzen und den Nahen Osten stabilisieren soll.
Die Details? Werden später geklärt.
Kapitel 1: Krieg beendet – zumindest auf dem Papier
Der erste Punkt des Memorandums sieht ein sofortiges und dauerhaftes Ende der militärischen Auseinandersetzungen vor.
Das klingt zunächst beeindruckend.
Allerdings ist völlig unklar, wie das funktionieren soll. Insbesondere Israel dürfte überrascht feststellen, dass es offenbar Bestandteil eines Abkommens geworden ist, das andere für es ausgehandelt haben.
Diplomaten nennen das „vertrauensbildende Maßnahmen“.
Andere nennen es „mal schauen, was passiert“.
Kapitel 2: Wir mischen uns nicht mehr ein. Wirklich.
Die USA und der Iran versprechen sich gegenseitig, künftig die inneren Angelegenheiten des jeweils anderen zu respektieren.
Das ist bemerkenswert.
Denn noch vor wenigen Monaten hatte Trump iranischen Demonstranten öffentlich Unterstützung zugesagt. Nun lautet die neue Botschaft offenbar:
„Viel Erfolg weiterhin, aber bitte ohne uns.“
Für Oppositionsgruppen im Iran dürfte diese Passage ungefähr so motivierend wirken wie ein Regenschirm mit eingebautem Loch.
Kapitel 3: 60 Tage Zeit, um alles zu klären
Das Abkommen gibt beiden Seiten 60 Tage Zeit, um die eigentlichen Probleme zu lösen.
Falls das nicht reicht, kann die Frist verlängert werden.
Damit folgt die Weltpolitik künftig denselben Regeln wie Hausarbeiten an Universitäten und Flughafenprojekte in Deutschland.
Kapitel 4: Die Straße von Hormus wird zur kostenlosen Testphase
Besonders wichtig ist die Wiedereröffnung der Straße von Hormus.
Schiffe dürfen künftig wieder passieren.
Und zwar kostenlos.
Die US-Regierung betonte mehrfach, dass keine Gebühren erhoben werden.
So oft sogar, dass man fast den Eindruck bekommt, irgendjemand habe genau das ursprünglich vorgeschlagen.
Die Weltwirtschaft atmet auf.
Tankstellenbesitzer vermutlich weniger.
Kapitel 5: 300 Milliarden Dollar – aber bitte nicht aus Amerika
Besonders kreativ wirkt der Wiederaufbaufonds für den Iran.
300 Milliarden Dollar sollen für wirtschaftliche Entwicklung bereitgestellt werden.
Wer bezahlt?
Nun ja.
Jemand.
Die USA jedenfalls nicht.
Washington stellte mehrfach klar, dass amerikanische Steuerzahler keinen Cent überweisen werden.
Das erinnert an die Einladung eines Freundes zum Abendessen mit dem Hinweis:
„Bestell ruhig alles, ich zahle aber nichts.“
Kapitel 6: Sanktionen verschwinden. Irgendwann.
Die Sanktionen gegen den Iran sollen aufgehoben werden.
Wann genau?
Das wird später geklärt.
Wie genau?
Das wird ebenfalls später geklärt.
Man erkennt ein gewisses Muster.
Kapitel 7: Atomwaffen nein, Uran vielleicht
Der Iran verspricht erneut, keine Atomwaffen zu besitzen oder zu entwickeln.
Das angereicherte Uran bleibt allerdings vorerst dort, wo es ist.
Was genau damit geschieht, soll ebenfalls in den kommenden Verhandlungen besprochen werden.
Mit anderen Worten:
Der wichtigste Streitpunkt des gesamten Konflikts befindet sich weiterhin auf der To-do-Liste.
Kapitel 8: Eingefrorene Milliarden tauen auf
Ein weiterer Durchbruch betrifft die eingefrorenen iranischen Vermögenswerte.
Die USA wollen diese schrittweise freigeben.
Allerdings nur dann, wenn Teheran die Vereinbarung einhält.
In Washington nennt man das einen leistungsorientierten Ansatz.
Im Fußball würde man sagen:
Prämie nur bei Sieg.
Kapitel 9: Die Kontrollinstanz wird später erfunden
Besonders charmant sind die letzten Punkte des Abkommens.
Dort steht, dass ein Kontrollmechanismus geschaffen werden soll.
Wie dieser aussieht?
Niemand weiß es.
Wer ihn betreibt?
Noch offen.
Wie Verstöße festgestellt werden?
Ebenfalls offen.
Aber immerhin ist man sich einig, dass es irgendwann eine Lösung geben soll.
Versailles als Kulisse für die große Weltpolitik
Unterzeichnet wurde das Dokument ausgerechnet in Versailles.
Jenem Schloss, in dem einst die großen europäischen Mächte Geschichte schrieben.
Diesmal führte Emmanuel Macron Donald Trump durch den Spiegelsaal, während irgendwo zwischen Dessert und Espresso offenbar beschlossen wurde, einen Nahostkonflikt neu zu ordnen.
Französische Historiker sollen noch prüfen, ob Ludwig XIV. sich das genauso vorgestellt hatte.
Fazit: Das größte Friedensabkommen der Welt – mit eingebautem Platzhalter
Das neue Memorandum ist ein bemerkenswertes Dokument.
Es beendet einen Krieg.
Es hebt Sanktionen auf.
Es öffnet Handelswege.
Es verspricht Frieden.
Es verspricht Wohlstand.
Es verspricht Stabilität.
Und bei nahezu jedem komplizierten Punkt steht sinngemäß:
„Wird später geklärt.“
Man könnte sagen, die Diplomatie des Jahres 2026 hat eine neue Kunstform entwickelt:
Historische Durchbrüche durch konsequentes Verschieben der Details.
Kommentar hinterlassen