Eine Glosse über Hass, Hochrechnungen und die erstaunliche Fähigkeit, für Millionen Menschen gleichzeitig zu sprechen
Paula Piechotta hat offenbar ein neues politisches Amt übernommen. Heimlich, still und vermutlich ohne Bundestagsbeschluss: Stimmungssprecherin der gesamten Bundesrepublik Deutschland.
Denn die Leipziger Grünen-Bundestagsabgeordnete weiß offenbar etwas, das viele von uns bislang nicht wussten:
„Ganz Deutschland hasst Jens Spahn.“
Ganz Deutschland?
Donnerwetter.
Da möchte ich mich zunächst einmal entschuldigen. Offenbar habe ich eine wichtige Rundmail verpasst.
Denn ich gehöre zu Deutschland – und ich hasse Jens Spahn nicht.
Ich habe nachgeschaut: Leipzig liegt noch in Deutschland, mein Personalausweis wurde bislang nicht eingezogen und auch eine Ausbürgerungsurkunde wegen mangelnden Spahn-Hasses hat mich noch nicht erreicht.
Also, Frau Piechotta: Bitte sprechen Sie nicht für mich.
Aus 87 Prozent werden plötzlich 100 Prozent Hass
Besonders unterhaltsam wird es bei der nachgereichten Begründung.
Laut Bericht verweist Piechotta darauf, dass 87 Prozent der Befragten Spahns Rücktritt für richtig gehalten hätten.
Und daraus wird dann offenbar:
„Ganz Deutschland hasst Jens Spahn.“
Das ist politische Prozentrechnung für Fortgeschrittene.
Wer einen Rücktritt befürwortet, hasst also automatisch denjenigen, der zurücktreten soll?
Nach dieser Logik müsste jeder Fußballfan, der die Entlassung eines erfolglosen Trainers fordert, diesen Trainer hassen. Jeder Aktionär, der einen Vorstandschef austauschen möchte, müsste ihn persönlich verabscheuen. Und wer findet, dass ein Minister schlechte Arbeit geleistet hat, müsste morgens mit einem Jens-Spahn-Voodoo-Püppchen am Frühstückstisch sitzen.
Natürlich ist das Unsinn.
Man kann Jens Spahn für einen schlechten Politiker halten, ohne ihn zu hassen.
Man kann seine Entscheidungen kritisieren.
Man kann ihm Doppelmoral vorwerfen.
Man kann seine politische Karriere für beendet halten.
Man kann sogar begeistert seinen Rücktritt begrüßen.
Das nennt man politische Meinung.
Hass ist etwas anderes.
Wenn selbst die eigene Fraktion die Augenbraue hebt
Besonders pikant: Dem Bericht zufolge soll Piechottas Wortwahl sogar innerhalb ihrer eigenen Fraktion auf Kritik gestoßen sein.
Hass sei keine Kategorie, in der Grüne über demokratische Mitbewerber sprächen.
Ein erstaunlich vernünftiger Satz.
Vielleicht sollte man ihn ausdrucken, laminieren und neben das Smartphone legen, bevor der nächste Instagram-Post veröffentlicht wird.
Denn wer regelmäßig vor Hass und Hetze im politischen Diskurs warnt, sollte beim eigenen Vokabular nicht plötzlich feststellen, dass „Hass“ eigentlich ganz praktisch ist – solange er den Richtigen trifft.
Demokratische Kultur funktioniert nicht nach dem Prinzip:
Hass ist schlimm. Außer wir mögen den Betroffenen nicht.
30 Instagram-Posts? Da scheint jemand einen Lieblingsgegner zu haben
Laut den vorliegenden Informationen soll Piechotta allein innerhalb eines Jahres mehr als 30 Instagram-Beiträge zu Jens Spahn und seinen vermeintlichen oder tatsächlichen Verfehlungen veröffentlicht haben.
30 Beiträge.
Das ist schon bemerkenswert.
Andere sammeln Briefmarken, manche beobachten Vögel, wieder andere beschäftigen sich intensiv mit Modelleisenbahnen.
Paula Piechotta hat offenbar Jens Spahn.
Natürlich darf eine Bundestagsabgeordnete einen politischen Gegner intensiv kontrollieren und kritisieren. Das gehört zur Demokratie.
Aber irgendwann darf man auch fragen, ob die politische Fixierung auf einen einzelnen Gegner nicht selbst zum Geschäftsmodell der eigenen Aufmerksamkeit geworden ist.
Ich erteile hiermit keine Vollmacht
Frau Piechotta darf Jens Spahn politisch fürchterlich finden.
Sie darf seinen Rücktritt feiern.
Sie darf jeden Tag einen neuen Instagram-Beitrag über ihn veröffentlichen, wenn ihr danach ist.
Sie darf auch glauben, dass Millionen Menschen ihre Einschätzung teilen.
Nur eine kleine Bitte:
Lassen Sie „ganz Deutschland“ aus dem Spiel.
Ich habe Frau Piechotta keine Vollmacht erteilt, in meinem Namen jemanden zu hassen.
Und vermutlich existieren noch ein paar andere Menschen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, die ebenfalls gern selbst entscheiden möchten, wen sie mögen, wen sie nicht mögen und wen sie politisch einfach nur für ungeeignet halten.
Das Schöne an einer Demokratie ist schließlich:
Eine Bundestagsabgeordnete vertritt Bürger politisch.
Sie verwaltet nicht deren Gefühle.
Vielleicht reicht beim nächsten Mal deshalb ein schlichter Satz:
„Ich halte Jens Spahn für einen schlechten Politiker.“
Das wäre eine klare Meinung.
Es wäre hart.
Es wäre legitim.
Und vor allem wäre es eine Aussage, für die Frau Piechotta tatsächlich sprechen kann:
für ihre eigene.
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