Nun ist es also wirklich passiert: Der FC Erzgebirge Aue spielt Regionalliga.
Nicht dritte Liga, nicht Übergangsjahr, nicht „wir greifen nächste Saison wieder oben an“. Nein, vierte Liga. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Das muss man als Aue-Fan erst einmal sacken lassen – am besten mit einem starken Kaffee und ohne einen Blick auf die Tabelle.
Am Samstag beginnt gegen die VSG Altglienicke der Kampf um die Rückkehr. Natürlich wollen wir sofort wieder hoch. Was denn sonst? Sollen wir uns gemütlich einrichten, die schönsten Auswärtsfahrten nach Meuselwitz vergleichen und irgendwann behaupten, Regionalliga habe auch ihren Reiz?
Nein. Dieser Abstieg muss ein Betriebsunfall bleiben. Allerdings kennt man es aus dem echten Leben: Manche Betriebsunfälle ziehen überraschend lange Reparaturarbeiten nach sich.
12.500 Fans und ein 2:4, das Mut macht
Zur Generalprobe gegen Bundesliga-Aufsteiger Schalke kamen knapp 12.500 Zuschauer ins Erzgebirgsstadion. Das zeigt einmal mehr: Die Mannschaft kann absteigen, die Liga kann kleiner werden – die Leute kommen trotzdem.
Und tatsächlich war das 2:4 gar nicht so schlecht, wie ein 2:4 zunächst klingt. Aue hielt ordentlich dagegen, erzielte durch Marcel Bär und Neuzugang Chadi Ramadan zwei Tore und hatte sogar weitere Chancen.
Trainer Kvicha Shubitidze war zufrieden. Bis auf 15 Minuten in der zweiten Halbzeit sei das Spiel ordentlich gewesen.
Diese 15 Minuten sind allerdings ein klassisches Aue-Problem. Wir spielen 75 Minuten vernünftig und wundern uns anschließend, warum die anderen vier Tore geschossen haben.
Trotzdem: Gegen einen Bundesligisten zweimal zu treffen, ist nicht selbstverständlich. Vor allem für eine Mannschaft, die sich gerade daran gewöhnen muss, dass die nächste Auswärtsfahrt nicht nach Dresden oder Saarbrücken, sondern möglicherweise auf einen Sportplatz mit Vereinsheim und Bratwurststand führt.
Marcel Bär läuft – hoffentlich bald auch ins Tor
Marcel Bär traf gegen Schalke und lief nach Angaben des Trainers noch zweimal allein auf den Torwart zu.
Das ist positiv. Noch positiver wäre gewesen, wenn der Ball danach ebenfalls im Tor gelandet wäre. Aber wir wollen kurz vor Saisonbeginn nicht kleinlich werden.
Immerhin zeigt es, dass Chancen vorhanden sind. In der Regionalliga werden wir sie allerdings brauchen. Dort wartet niemand ehrfürchtig auf den großen Traditionsverein aus dem Erzgebirge. Ganz im Gegenteil: Für viele Gegner wird das Heimspiel gegen Aue das Spiel des Jahres.
Da wird gerannt, gegrätscht und gekämpft, als gäbe es anschließend Freibier für jeden gewonnenen Zweikampf.
Aue muss deshalb von Beginn an zeigen, dass man nicht nur wegen der schönen Vergangenheit angereist ist.
Die erste Elf steht fast – der Rest macht Sorgen
Shubitidze sagt, den Großteil der Startelf hätten die Fans gegen Schalke bereits gesehen. Der Rest des Kaders bereite ihm jedoch Kopfschmerzen.
Das klingt nicht ideal, wenn eine lange Regionalliga-Saison bevorsteht. Eine gute Startelf ist schön. Eine Saison nur mit elf Spielern zu bestreiten, dürfte allerdings selbst in der vierten Liga schwierig werden.
Vor allem auf den Außenbahnen gibt es viele Möglichkeiten. Geschwindigkeit ist vorhanden, die endgültige Besetzung aber noch offen. Der Trainer rechnet damit, dass sich eine Stammelf erst nach vier oder fünf Spielen finden wird.
Als Fan hört man das natürlich gern. Die anderen sammeln schon Punkte, während wir noch prüfen, wer eigentlich rechts außen spielt.
Vielleicht überrascht uns die Mannschaft. Vielleicht gewinnt sie die ersten Partien und die Formation steht plötzlich von selbst. Vielleicht diskutieren wir nach drei Spieltagen aber auch darüber, ob der sofortige Wiederaufstieg wirklich zwingend sofort sein muss.
Hertha, Schalke oder der HSV haben schließlich gezeigt, wie schnell aus einem geplanten kurzen Aufenthalt ein langfristiges Wohnverhältnis werden kann.
Altglienicke kommt nicht zum Gratulieren
Zum Auftakt wartet ausgerechnet die VSG Altglienicke. Der Gegner hat mit John Anthony Brooks und Tolgay Cigerci erfahrene Spieler verpflichtet und will selbst aufsteigen.
Sehr freundlich. Kaum ist Aue in der Regionalliga angekommen, steht bereits jemand vor der Tür, der denselben Platz im Aufstiegszug beansprucht.
Shubitidze will sich mit Videoanalysen vorbereiten. Das ist sinnvoll. Hoffentlich sieht er dabei nicht nur Brooks und Cigerci, sondern auch eine Möglichkeit, wie wir drei Punkte holen.
Denn der Saisonstart wird gleich zeigen, ob Aue wirklich bereit ist, die Rolle des Favoriten anzunehmen. Tradition, Zuschauerzahlen und Stadion gewinnen keine Spiele. Das haben wir in der vergangenen Saison leider ausführlich bewiesen.
Hoffnung, Sorge und erzgebirgischer Trotz
Trotz allem gibt es Gründe für Optimismus. Die Mannschaft hat gegen Schalke Moral gezeigt, die Offensive kam zu Chancen und die Spieler blieben verletzungsfrei.
Vor allem aber stehen die Fans hinter dem Verein. 12.500 Zuschauer bei einem Testspiel in der vierten Liga sind kein Zeichen von Resignation. Das ist eine klare Ansage: Wir sind noch da.
Jetzt muss die Mannschaft zeigen, dass sie ebenfalls noch da ist.
Der sofortige Wiederaufstieg wird kein Selbstläufer. Die Regionalliga Nordost ist unangenehm, ausgeglichen und voller Mannschaften, die Aue unbedingt schlagen wollen. Wer glaubt, der Name Erzgebirge reiche für drei Punkte, wird sehr schnell auf einem holprigen Platz eines Besseren belehrt.
Mein Fazit als Aue-Fan: Der Abstieg darf nur ein Betriebsunfall gewesen sein. Aber ob er das wirklich war, entscheidet sich nicht in Interviews, Testspielen oder Erinnerungen an bessere Zeiten.
Es entscheidet sich ab Samstag auf dem Platz.
Und bitte, liebe Mannschaft: Macht es diesmal nicht wieder unnötig spannend. Unsere Nerven spielen schließlich schon seit Jahren über ihrem eigentlichen Niveau.
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