11. September 2001
Ursachen, Ereignisse und Folgen eines Tages, der die Welt veränderte
Mein Dossier über Terrorismus, al-Qaida, Sicherheitsversagen, Krieg und die politischen Folgen von 9/11
Der Tag, nach dem vieles nicht mehr so war wie zuvor
Am Morgen des 11. September 2001 starteten in den Vereinigten Staaten vier Linienflugzeuge zu gewöhnlichen Inlandsflügen. Wenige Stunden später waren das World Trade Center in New York zerstört, das Pentagon schwer beschädigt und ein viertes Flugzeug auf einem Feld in Pennsylvania abgestürzt.
Fast 3.000 Menschen wurden bei den Anschlägen getötet.
Doch die Bedeutung des 11. September lässt sich nicht allein an der Zahl seiner unmittelbaren Opfer messen.
Die Anschläge veränderten die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik, führten zum Krieg in Afghanistan, prägten die Begründungen und das politische Umfeld des Irakkriegs, erweiterten staatliche Überwachungsbefugnisse, veränderten die Sicherheitskontrollen an Flughäfen und machten den internationalen islamistischen Terrorismus zu einem bestimmenden Thema der Weltpolitik.
Aus vier entführten Verkehrsflugzeugen entwickelte sich eine politische Kettenreaktion, deren Folgen ein Vierteljahrhundert später noch immer sichtbar sind.
Um den 11. September zu verstehen, muss deshalb zwischen drei Ebenen unterschieden werden:
Was führte zu den Anschlägen?
Was geschah am 11. September 2001 tatsächlich?
Und welche Entscheidungen wurden danach getroffen – mit welchen Folgen?
1. Die Täter: al-Qaida und Osama bin Laden
Die Anschläge wurden von dem Terrornetzwerk al-Qaida geplant und ausgeführt.
Zentrale Figur war Osama bin Laden.
Al-Qaida war Ende der 1980er Jahre aus dem Umfeld arabischer Kämpfer hervorgegangen, die am Krieg gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans beteiligt gewesen waren.
Nach dem sowjetischen Rückzug entwickelte sich aus Teilen dieses Milieus eine transnationale jihadistische Bewegung.
Bin Laden und seine Mitstreiter interpretierten internationale Politik zunehmend als grundlegenden Kampf zwischen ihrer radikal-islamistischen Weltanschauung und dem Westen, insbesondere den Vereinigten Staaten.
Al-Qaida richtete sich dabei nicht nur gegen westliche Staaten, sondern ebenso gegen Regierungen in mehrheitlich muslimischen Ländern, die von der Organisation als illegitim betrachtet wurden.
Die Ideologie rechtfertigte Terror gegen Zivilisten.
Damit unterschied sich al-Qaida grundlegend von einer klassischen militärischen Organisation: Zivilisten waren nicht lediglich mögliche Opfer eines Angriffs. Die Erzeugung möglichst großer Angst in der Zivilbevölkerung war Bestandteil der Strategie.
Warum die Vereinigten Staaten?
Bin Laden und al-Qaida begründeten ihre Feindschaft gegenüber den USA mit mehreren politischen Konflikten.
Dazu gehörten insbesondere die amerikanische Militärpräsenz in Saudi-Arabien nach dem Golfkrieg von 1990/91, die amerikanische Unterstützung Israels, die amerikanische Politik gegenüber dem Irak und die Unterstützung verschiedener Regierungen in der arabischen Welt.
Diese politischen Streitpunkte erklären jedoch nicht die Anschläge im Sinne einer Rechtfertigung.
Sie erklären vielmehr, welche Ereignisse al-Qaida für ihre eigene radikale Ideologie instrumentalisierte.
Zwischen einer politischen Ursache, einem propagandistischen Motiv und einer moralischen Rechtfertigung muss klar unterschieden werden.
Nichts an den damaligen politischen Konflikten rechtfertigte die gezielte Ermordung von Zivilisten.
2. 9/11 begann nicht am 11. September
Die Anschläge kamen nicht aus einem völligen historischen Vakuum.
Bereits in den Jahren zuvor hatte es schwere terroristische Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen gegeben.
1993 war das World Trade Center bereits Ziel eines Bombenanschlags.
1998 wurden die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania angegriffen.
Im Oktober 2000 wurde der amerikanische Zerstörer USS Cole im Hafen von Aden im Jemen Ziel eines Selbstmordanschlags.
17 amerikanische Seeleute wurden dabei getötet.
Die Bedrohung durch al-Qaida war den amerikanischen Sicherheitsbehörden deshalb grundsätzlich bekannt.
Die entscheidende Frage, die nach dem 11. September gestellt wurde, lautete nicht:
Warum wusste niemand etwas von al-Qaida?
Sondern:
Warum gelang es trotz zahlreicher Warnsignale nicht, den konkreten Anschlag zu verhindern?
3. Die Idee, Flugzeuge als Waffen einzusetzen
Die besondere Dimension von 9/11 lag darin, Verkehrsflugzeuge nicht lediglich zu entführen, sondern sie selbst in Waffen zu verwandeln.
Das veränderte die Logik einer Flugzeugentführung vollständig.
Bis dahin beruhte ein großer Teil der Sicherheitsannahmen darauf, dass Entführer Forderungen stellen, Geiseln nehmen oder politische Zugeständnisse erzwingen wollten.
Die Passagiere sollten deshalb im klassischen Entführungsszenario zunächst möglichst ruhig bleiben.
Am 11. September galt diese Logik nicht mehr.
Die Entführer wollten nicht verhandeln.
Die Flugzeuge waren die Bomben.
Diese Erkenntnis erklärt später auch die Ereignisse an Bord von United Airlines Flug 93.
Als Passagiere über Telefongespräche erfuhren, was mit anderen entführten Maschinen geschehen war, wussten sie, dass passives Verhalten sie nicht retten würde.
Sie entschieden sich zum Widerstand.
4. Der Plan
Nach den Erkenntnissen der offiziellen amerikanischen 9/11-Kommission wurde die Operation über längere Zeit vorbereitet.
19 Entführer beteiligten sich an den vier Flugzeugentführungen.
Mehrere der späteren Piloten hielten sich zuvor in den Vereinigten Staaten auf und absolvierten Flugausbildungen.
Eine entscheidende operative Rolle spielte Khalid Sheikh Mohammed, der als zentraler Planer des Anschlags gilt.
Osama bin Laden unterstützte und genehmigte das Vorhaben.
Das Ziel war außergewöhnlich ambitioniert:
Mehrere Flugzeuge sollten nahezu gleichzeitig entführt und gegen symbolisch bedeutende Ziele der Vereinigten Staaten eingesetzt werden.
Das World Trade Center stand für die wirtschaftliche Macht Amerikas.
Das Pentagon repräsentierte seine militärische Macht.
Für das vierte Flugzeug wird davon ausgegangen, dass ein politisches Ziel in Washington vorgesehen war; als wahrscheinliche Ziele werden das Kapitol oder das Weiße Haus diskutiert.
5. Der Morgen des 11. September
Der Dienstag begann an der amerikanischen Ostküste zunächst vollkommen gewöhnlich.
Vier Maschinen standen im Zentrum des späteren Anschlags:
American Airlines Flug 11,
United Airlines Flug 175,
American Airlines Flug 77,
United Airlines Flug 93.
Alle waren für längere Inlandsflüge vorgesehen und verfügten deshalb über erhebliche Mengen Treibstoff.
Nach dem Start übernahmen die Terroristen nacheinander die Kontrolle über die Maschinen.
6. 8:46 Uhr – der erste Einschlag
Um 8:46 Uhr Ortszeit raste American Airlines Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers.
Zunächst war vielen Menschen nicht klar, was geschehen war.
War es ein Unfall?
Ein Navigationsfehler?
Ein technisches Versagen?
Fernsehkameras richteten sich auf den brennenden Turm.
Millionen Menschen sahen die Bilder live.
Damit begann eines der am stärksten medial dokumentierten historischen Ereignisse der modernen Geschichte.
7. 9:03 Uhr – die Welt erkennt den Angriff
Um 9:03 Uhr traf United Airlines Flug 175 den Südturm.
Der Einschlag wurde live im Fernsehen übertragen.
Spätestens jetzt war die Unfallhypothese praktisch ausgeschlossen.
Zwei Verkehrsflugzeuge waren innerhalb von weniger als zwanzig Minuten in die beiden Türme des World Trade Centers geflogen.
Amerika wurde angegriffen.
Die psychologische Wirkung dieses zweiten Einschlags kann kaum überschätzt werden.
Menschen auf der ganzen Welt verstanden innerhalb weniger Sekunden, dass sie Zeugen eines koordinierten Terroranschlags waren.
8. Das World Trade Center wird zur Todesfalle
In den Türmen befanden sich Tausende Menschen.
Feuerwehrleute, Polizisten und Rettungskräfte strömten in die Gebäude, während Büroangestellte versuchten, sie zu verlassen.
Diese entgegengesetzten Bewegungen gehören zu den eindringlichsten Bildern des Tages:
Während Menschen nach unten flohen, gingen Feuerwehrleute nach oben.
Viele wussten nicht, wie instabil die Gebäude bereits waren.
Besonders dramatisch war die Situation oberhalb der Einschlagzonen.
Fluchtwege waren teilweise zerstört oder blockiert.
Menschen waren von Feuer und Rauch eingeschlossen.
Einige stürzten oder sprangen aus den oberen Stockwerken.
Diese Bilder gehören zu den erschütterndsten Dokumenten des 11. September.
9. 9:37 Uhr – Angriff auf das Pentagon
American Airlines Flug 77 wurde ebenfalls entführt.
Um 9:37 Uhr schlug die Maschine in das Pentagon bei Washington ein.
Damit wurde deutlich, dass sich der Angriff nicht nur gegen New York richtete.
Das militärische Zentrum der Vereinigten Staaten war getroffen worden.
Washington wurde in Alarmzustand versetzt.
Regierungsgebäude wurden evakuiert.
Die amerikanische Luftfahrtbehörde reagierte schließlich mit einer bis dahin beispiellosen Maßnahme: Der zivile Flugverkehr über den Vereinigten Staaten wurde weitgehend zum Stillstand gebracht.
10. 9:59 Uhr – der Südturm stürzt ein
Nur 56 Minuten nach dem Einschlag von Flug 175 kollabierte der Südturm des World Trade Centers.
Das scheinbar unvorstellbare Gebäude verschwand innerhalb weniger Sekunden.
Eine riesige Staub- und Trümmerwolke breitete sich durch Lower Manhattan aus.
Menschen rannten durch die Straßen.
Rettungskräfte wurden unter den Trümmern begraben.
Der Einsturz veränderte die Dimension der Katastrophe.
Aus einem schweren Terroranschlag wurde ein Ereignis mit Tausenden möglichen Todesopfern.
11. Flug 93 – die Passagiere kämpfen zurück
United Airlines Flug 93 unterscheidet sich von den drei anderen entführten Maschinen.
Passagiere und Besatzungsmitglieder erfuhren über Telefongespräche von den Angriffen auf das World Trade Center.
Damit verstanden sie wahrscheinlich, dass ihre Maschine ebenfalls als Waffe eingesetzt werden sollte.
Eine Gruppe entschied sich zum Widerstand.
Die Passagiere versuchten, das Cockpit zurückzuerobern.
Um 10:03 Uhr stürzte Flug 93 bei Shanksville in Pennsylvania ab.
Alle Menschen an Bord kamen ums Leben.
Doch das vorgesehene Ziel wurde nicht erreicht.
Die amerikanische Nationalparkverwaltung dokumentiert den Ablauf von Flug 93 heute detailliert am Flight 93 National Memorial.
Die Passagiere konnten ihr eigenes Leben nicht retten.
Sehr wahrscheinlich verhinderten sie jedoch weitere Opfer am vorgesehenen Ziel.
12. 10:28 Uhr – der Nordturm fällt
Um 10:28 Uhr stürzte auch der Nordturm ein.
Damit existierten die beiden charakteristischen Türme der Skyline von Manhattan nicht mehr.
Innerhalb von weniger als zwei Stunden hatte sich die Welt verändert.
Wo am Morgen Zehntausende Menschen gearbeitet hatten, befand sich ein gigantisches Trümmerfeld.
Ground Zero wurde zum Symbol des Anschlags.
13. Die Opfer
Bei den Anschlägen wurden fast 3.000 Menschen getötet.
Unter ihnen waren Menschen aus zahlreichen Ländern.
Büroangestellte.
Flugpassagiere.
Besatzungsmitglieder.
Polizisten.
Feuerwehrleute.
Rettungskräfte.
Menschen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Der 11. September war damit nicht nur ein Angriff auf Institutionen der Vereinigten Staaten.
Er war ein Massenmord an Zivilisten.
Und die Zahl der gesundheitlichen Opfer wuchs später weiter.
Rettungskräfte, Anwohner und Beschäftigte waren am Ground Zero Staub, Rauch und Schadstoffen ausgesetzt. Noch Jahrzehnte später werden Erkrankungen und Todesfälle mit diesen Belastungen in Verbindung gebracht.
14. Warum konnte der Anschlag nicht verhindert werden?
Diese Frage beschäftigte die Vereinigten Staaten jahrelang.
Ende 2002 wurde eine unabhängige, parteiübergreifende Untersuchungskommission eingesetzt: die National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States, besser bekannt als 9/11 Commission.
Ihr Abschlussbericht gehört zu den wichtigsten Quellen zur Rekonstruktion der Anschläge. Die Kommission untersuchte ausdrücklich sowohl die Vorgeschichte als auch die Vorbereitung und unmittelbare Reaktion der amerikanischen Behörden.
Das zentrale Problem war nicht das völlige Fehlen von Informationen.
Es gab Warnungen.
Es gab Erkenntnisse über al-Qaida.
Es gab Informationen über einzelne spätere Attentäter.
Es gab Hinweise auf das Interesse islamistischer Extremisten an Flugzeugen.
Aber die Informationen waren über unterschiedliche Behörden verteilt.
CIA, FBI, Einwanderungsbehörden, Luftfahrtsicherheit und andere Institutionen arbeiteten nicht ausreichend miteinander.
Informationen wurden nicht rechtzeitig verbunden.
Ein Versagen der Vorstellungskraft
Eine der bekanntesten Schlussfolgerungen der 9/11-Kommission lässt sich sinngemäß als Versagen von Vorstellungskraft, Politik, Fähigkeiten und Management zusammenfassen.
Die Behörden waren auf bekannte Bedrohungsmuster eingestellt.
Der tatsächliche Anschlagsplan lag außerhalb dessen, worauf das System praktisch vorbereitet war.
Das ist eine der wichtigsten Lehren von 9/11:
Eine Sicherheitsbehörde kann sehr viele Informationen besitzen und trotzdem scheitern, wenn sie deren Zusammenhang nicht erkennt.
15. Waren die Anschläge vermeidbar?
Im Nachhinein lassen sich zahlreiche verpasste Möglichkeiten identifizieren.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine einzelne Information den gesamten Anschlag sicher verhindert hätte.
Historische Rückschau erzeugt einen Wissensvorteil.
Heute wissen wir, welche Personen relevant waren.
Damals befanden sie sich zwischen Tausenden anderen Hinweisen und Verdachtsmomenten.
Trotzdem zeigt der offizielle Untersuchungsbericht erhebliche institutionelle Defizite.
Deshalb wäre es ebenso falsch zu sagen, niemand habe etwas wissen können, wie zu behaupten, die Behörden hätten den vollständigen Anschlagsplan gekannt und bewusst nicht gehandelt.
Die Realität ist komplizierter:
Es existierten Warnsignale, aber sie wurden nicht rechtzeitig zu einem Gesamtbild zusammengesetzt.
16. Die unmittelbare Reaktion: Amerika erklärt den „War on Terror“
Die Anschläge erzeugten in den Vereinigten Staaten eine außergewöhnliche politische Geschlossenheit.
Präsident George W. Bush erklärte den Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu einer zentralen Aufgabe seiner Präsidentschaft.
Am 18. September 2001 trat die sogenannte Authorization for Use of Military Force in Kraft.
Sie ermächtigte den Präsidenten zum militärischen Vorgehen gegen diejenigen, die die Anschläge geplant, autorisiert, unterstützt oder beherbergt hatten.
Aus der Reaktion auf einen konkreten Terroranschlag entwickelte sich damit ein sehr viel größerer und langfristiger Konflikt.
Der Begriff „War on Terror“ – Krieg gegen den Terror – wurde zum Leitmotiv amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik.
17. Afghanistan
Al-Qaida verfügte in Afghanistan über Rückzugsräume und Ausbildungslager.
Das Taliban-Regime hatte Osama bin Laden und seinem Netzwerk Schutz beziehungsweise Operationsmöglichkeiten gewährt.
Im Oktober 2001 begannen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten den Krieg in Afghanistan.
Das unmittelbare Ziel war nachvollziehbar:
al-Qaida sollte seine Basis verlieren.
Die Taliban-Regierung wurde schnell gestürzt.
Doch aus einer zunächst begrenzten Anti-Terror-Operation entwickelte sich ein zwanzigjähriger Krieg.
Der Westen versuchte zunehmend, einen neuen afghanischen Staat aufzubauen, Sicherheitskräfte auszubilden und demokratische Institutionen zu etablieren.
2021 zogen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten schließlich ab.
Die Taliban übernahmen innerhalb kurzer Zeit erneut die Macht.
Damit stellte sich zwanzig Jahre nach 9/11 eine bittere Frage:
Was hatte dieser Krieg langfristig erreicht?
Al-Qaidas damalige Infrastruktur war massiv getroffen worden.
Osama bin Laden war später getötet worden.
Doch das politische Projekt eines dauerhaft stabilen, westlich orientierten Afghanistan scheiterte.
18. Osama bin Laden wird getötet
Fast zehn Jahre nach den Anschlägen wurde Osama bin Laden gefunden.
Er hielt sich nicht in Afghanistan, sondern in Abbottabad in Pakistan auf.
In der Nacht zum 2. Mai 2011 drangen amerikanische Spezialkräfte in das Anwesen ein.
Bin Laden wurde getötet.
Für die Vereinigten Staaten war dies ein symbolischer Erfolg.
Der wichtigste Verantwortliche für 9/11 war tot.
Doch zu diesem Zeitpunkt war aus dem ursprünglichen Konflikt längst ein weltweiter Kampf gegen unterschiedliche jihadistische Organisationen geworden.
Al-Qaida hatte Ableger hervorgebracht.
Später entwickelte sich mit dem sogenannten Islamischen Staat eine weitere Terrororganisation, die teilweise aus dem Umfeld des nach 2003 entstandenen al-Qaida-Ablegers im Irak hervorging.
25 Jahre nach den Anschlägen existiert al-Qaida weiterhin in dezentraler Form und über regionale Netzwerke und Verbündete.
19. Der Irakkrieg – eine der folgenreichsten Konsequenzen der Zeit nach 9/11
Eine der wichtigsten historischen Differenzierungen betrifft den Irak.
Der Irak und Saddam Hussein waren nicht für die Anschläge vom 11. September verantwortlich.
Trotzdem wäre der Irakkrieg von 2003 politisch kaum ohne das Sicherheitsklima nach 9/11 zu verstehen.
Die Regierung George W. Bush argumentierte unter anderem mit angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen.
Diese wurden nach der Invasion nicht gefunden.
Der Krieg führte zum Sturz Saddam Husseins, aber auch zu einem langjährigen Konflikt, massiver Gewalt und politischer Destabilisierung.
Die Folgen reichten weit über den Irak hinaus.
Konfessionelle Konflikte verschärften sich.
Jihadistische Gruppen gewannen neue Räume.
Al-Qaida im Irak entwickelte sich zu einer bedeutenden Terrororganisation.
Aus diesem Umfeld entstand später der sogenannte Islamische Staat.
Damit gehört zu den bittersten Paradoxien der Nachgeschichte von 9/11:
Der Kampf gegen Terrorismus schuf unter bestimmten Bedingungen neue Räume, in denen sich Terrororganisationen entwickeln konnten.
20. Der Preis des „War on Terror“
Die Folgen der Kriege nach 9/11 sind enorm.
Das Costs of War Project der Brown University schätzt die amerikanischen Ausgaben beziehungsweise Verpflichtungen für die Kriege nach 9/11 bis 2021 auf mehr als acht Billionen US-Dollar.
Noch dramatischer sind die menschlichen Kosten.
Brown University beziffert die direkten Todesfälle durch Gewalt in den Kriegsgebieten nach 9/11 bis 2023 auf ungefähr 905.000 bis 940.000 Menschen; mehrere Hunderttausend davon waren Zivilisten.
Noch schwieriger zu bestimmen sind indirekte Todesfälle durch zerstörte Gesundheitssysteme, Hunger, Krankheiten, beschädigte Infrastruktur und wirtschaftlichen Zusammenbruch.
Das Forschungsprojekt schätzt diese indirekten Todesfälle auf etwa 3,6 bis 3,8 Millionen und die gesamten direkten und indirekten Todesfälle in den untersuchten Kriegsgebieten auf mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen. Diese Zahlen sind Schätzungen und dürfen nicht mit unmittelbar im Kampf dokumentierten Todesfällen gleichgesetzt werden.
Die Dimension zeigt jedoch:
Die Folgen des 11. September reichen weit über die fast 3.000 Menschen hinaus, die an diesem Tag ermordet wurden.
21. Die Sicherheitsrevolution
Der 11. September veränderte das alltägliche Leben.
Besonders sichtbar wurde dies im Flugverkehr.
Vor 9/11 waren Sicherheitskontrollen erheblich weniger streng.
Cockpittüren waren weniger geschützt.
Passagiere konnten teilweise wesentlich weiter in Flughäfen begleitet werden.
Die Anschläge führten zu einer grundlegenden Neuorganisation.
In den Vereinigten Staaten entstand die Transportation Security Administration, die TSA.
Cockpittüren wurden verstärkt.
Gepäckkontrollen wurden ausgeweitet.
Passagierdaten wurden intensiver geprüft.
Verbotslisten für Gegenstände im Handgepäck wurden erweitert.
Spätere Anschlagsversuche führten zu zusätzlichen Kontrollen von Schuhen, Flüssigkeiten und schließlich zum Einsatz von Körperscannern.
Viele Regeln, die Flugreisende heute für selbstverständlich halten, sind direkte oder indirekte Folgen des 11. September.
22. Überwachung und der Patriot Act
Eine weitere Folge war die massive Ausweitung staatlicher Sicherheitsbefugnisse.
Der USA PATRIOT Act wurde nur wenige Wochen nach den Anschlägen verabschiedet.
Er erleichterte unter anderem bestimmte Formen von Überwachung, Informationsaustausch und Ermittlungen in Terrorismusfällen.
Befürworter argumentierten:
Ein Staat, der die Kommunikations- und Finanzstrukturen moderner Terrornetzwerke nicht überwachen könne, sei nicht in der Lage, seine Bürger zu schützen.
Kritiker warnten:
Im Namen der Sicherheit könnten Grundrechte dauerhaft eingeschränkt werden.
Dieser Konflikt begleitet westliche Demokratien bis heute.
Wie viel Freiheit darf ein Staat einschränken, um Freiheit zu schützen?
9/11 machte diese abstrakte philosophische Frage zu einem praktischen politischen Problem.
23. Guantánamo und die dunkle Seite des Anti-Terror-Kampfes
Zu den umstrittensten Folgen gehörte das Gefangenenlager Guantánamo Bay.
Terrorverdächtige wurden dort außerhalb des normalen amerikanischen Strafvollzugssystems festgehalten.
Hinzu kamen geheime CIA-Gefängnisse und sogenannte „enhanced interrogation techniques“.
Methoden wie Waterboarding wurden international als Folter beziehungsweise schwere Misshandlung kritisiert.
Damit entstand ein fundamentaler Widerspruch:
Die Vereinigten Staaten erklärten, Freiheit und Rechtsstaat gegen Terrorismus zu verteidigen.
Gleichzeitig wurden im Kampf gegen den Terror Praktiken eingesetzt, die genau diese rechtsstaatlichen Prinzipien infrage stellten.
Diese moralische und rechtliche Hypothek gehört ebenfalls zur Geschichte von 9/11.
24. Deutschland und der 11. September
Auch Deutschland war unmittelbar betroffen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte den Vereinigten Staaten die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands.
Die Bundeswehr beteiligte sich später am Einsatz in Afghanistan.
Damit begann eine neue Phase deutscher Sicherheitspolitik.
Deutschland, dessen militärische Rolle nach 1945 bewusst begrenzt worden war, beteiligte sich über viele Jahre an einem großen internationalen Militäreinsatz.
Doch Deutschland besitzt noch eine andere Verbindung zu 9/11.
Mehrere der späteren Attentäter hatten zuvor in Hamburg gelebt.
Die sogenannte Hamburger Zelle spielte bei der Vorbereitung der Anschläge eine bedeutende Rolle.
Mohammed Atta, einer der zentralen Täter und Pilot des ersten in das World Trade Center gesteuerten Flugzeugs, hatte in Hamburg studiert.
Damit wurde deutlich:
Internationaler Terrorismus konnte sich auch mitten in einer offenen europäischen Gesellschaft organisieren.
25. Die gesellschaftliche Folge: Misstrauen gegenüber Muslimen
9/11 hatte eine weitere, problematische Konsequenz.
Islamistischer Terrorismus und Islam wurden in Teilen der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend miteinander vermischt.
Muslime in den Vereinigten Staaten und Europa wurden teilweise pauschal unter Verdacht gestellt.
Es kam zu Diskriminierung und Übergriffen.
Diese Entwicklung war genau deshalb problematisch, weil al-Qaidas Ideologie selbst von einer Konfrontation zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“ ausging.
Wer sämtliche Muslime mit jihadistischen Terroristen gleichsetzte, übernahm unbeabsichtigt einen Teil dieser Weltsicht.
Die entscheidende Differenzierung lautet deshalb:
Islam ist eine Weltreligion mit Milliarden beziehungsweise sehr vielen unterschiedlichen Gläubigen und Strömungen.
Islamismus ist eine politische Ideologie.
Jihadistischer Terrorismus ist eine extremistische und gewalttätige Ausprägung.
Diese Begriffe gleichzusetzen verhindert Analyse, statt sie zu ermöglichen.
26. Verschwörungstheorien über 9/11
Kaum ein Ereignis der jüngeren Geschichte brachte so viele Verschwörungstheorien hervor.
Behauptet wurde beispielsweise, die amerikanische Regierung habe die Anschläge selbst organisiert oder bewusst zugelassen, die Gebäude seien kontrolliert gesprengt worden oder ein Flugzeug habe das Pentagon nicht getroffen.
Solche Behauptungen müssen von legitimer Kritik unterschieden werden.
Es ist legitim zu fragen:
Welche Warnungen wurden übersehen?
Welche Geheimdienstfehler gab es?
Welche politischen Interessen beeinflussten die Reaktion?
Wurde 9/11 später benutzt, um den Irakkrieg politisch zu rechtfertigen?
Wurden Bürgerrechte unverhältnismäßig eingeschränkt?
Das sind historische und politische Fragen.
Etwas anderes ist die Behauptung, die Anschläge selbst seien von amerikanischen Behörden inszeniert worden.
Für eine solche Behauptung liefern die umfangreichen offiziellen Untersuchungen und die verfügbare Beweislage keinen belastbaren Nachweis.
Die unabhängige 9/11-Kommission rekonstruierte Planung, Täter, Behördeninformationen und Reaktionen umfassend.
Kritik an staatlichem Versagen ist deshalb nicht dasselbe wie eine Verschwörungstheorie.
Gerade bei 9/11 ist diese Unterscheidung wichtig.
27. Hat al-Qaida sein Ziel erreicht?
Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten.
Militärisch betrachtet erlitt al-Qaida erhebliche Verluste.
Seine afghanische Basis wurde zerstört.
Viele Führungspersonen wurden getötet.
Osama bin Laden wurde 2011 gefunden und getötet.
Die Vereinigten Staaten selbst wurden nicht politisch oder wirtschaftlich zerstört.
In diesem Sinne scheiterte al-Qaida.
Doch Terrorismus verfolgt nicht nur militärische Ziele.
Er will Reaktionen provozieren.
Angst.
Überreaktion.
Polarisierung.
Kriege.
Gesellschaftliche Spaltung.
Hohe wirtschaftliche Kosten.
Unter diesem Gesichtspunkt fällt die Bilanz komplizierter aus.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten führten jahrzehntelange Kriege.
Bürgerrechte wurden eingeschränkt.
Die politische Landschaft des Nahen Ostens veränderte sich.
Millionen Menschen wurden vertrieben.
Hunderttausende starben unmittelbar in den Konflikten.
Die Brown University schätzt, dass etwa 38 Millionen Menschen durch die untersuchten Kriege nach 9/11 vertrieben wurden.
Damit erreichten die Terroristen nicht ihre maximalen politischen Ziele.
Aber sie lösten eine historische Kettenreaktion aus, deren Kosten weit über die unmittelbare Zerstörung des 11. September hinausgingen.
28. Die vielleicht wichtigste Lehre: Terrorismus will die Reaktion kontrollieren
Ein Terroranschlag besteht aus zwei Teilen.
Der erste ist die Tat.
Der zweite ist die Reaktion darauf.
Den ersten Teil kontrolliert der Terrorist.
Beim zweiten entscheidet die angegriffene Gesellschaft selbst.
Genau hier liegt eine der wichtigsten Lehren aus 9/11.
Ein demokratischer Staat muss Terrorismus bekämpfen.
Er muss seine Bürger schützen.
Er muss Terrornetzwerke verfolgen.
Aber er muss gleichzeitig verhindern, dass Angst seine eigenen politischen Maßstäbe zerstört.
Denn wenn Terrorismus dazu führt, dass Gesellschaften ihre Rechtsstaatlichkeit aufgeben, Minderheiten pauschal verdächtigen, unbegrenzte Kriege führen oder politische Entscheidungen aus permanenter Angst treffen, erzielt der Terrorist eine Wirkung, die weit über die eigentliche Tat hinausgeht.
29. Was der 11. September tatsächlich verändert hat
25 Jahre später lassen sich die Folgen auf mehreren Ebenen erkennen.
Sicherheit: Flughäfen, Geheimdienste, Grenzkontrollen und Terrorabwehr wurden grundlegend verändert.
Militär: Afghanistan und der globale „War on Terror“ prägten zwei Jahrzehnte amerikanischer Außenpolitik.
Geopolitik: Der Irakkrieg und seine Folgen veränderten den Nahen Osten erheblich.
Recht: Überwachung und Anti-Terror-Gesetze erweiterten staatliche Befugnisse.
Gesellschaft: Die Anschläge beeinflussten Debatten über Islam, Migration, Integration und Sicherheit.
Wirtschaft: Die Kriege nach 9/11 verursachten Kosten in Billionenhöhe.
Psychologie: Für eine ganze Generation wurde 9/11 zum Symbol einer neuen Verletzlichkeit des Westens.
Politik: Sicherheit wurde zu einem zentralen Argument für Entscheidungen, die vor dem 11. September kaum denkbar gewesen wären.
30. 25 Jahre danach: Was bleibt?
Am 11. September 2026 liegt der Anschlag genau ein Vierteljahrhundert zurück.
Für Menschen, die damals Erwachsene waren, sind die Bilder häufig noch immer unmittelbar präsent.
Für jüngere Generationen ist 9/11 dagegen Geschichte.
Genau deshalb verändert sich auch die Erinnerung.
Das World Trade Center wurde durch eine neue Skyline ersetzt.
Am früheren Standort der Twin Towers befinden sich heute die beiden großen Memorial-Becken mit den Namen der Opfer.
Doch politisch ist Ground Zero weit größer als dieser Ort.
9/11 lebt in Flughafenkontrollen weiter.
In Geheimdienststrukturen.
In Überwachungsgesetzen.
In Veteranenbiografien.
In Afghanistan.
Im Irak.
In der amerikanischen Staatsverschuldung.
In Debatten über Islamismus.
In der Terrorismusbekämpfung.
Und in der Frage, wie Demokratien reagieren sollen, wenn sie angegriffen werden.
Schlussbetrachtung: Ein Anschlag – und Millionen Lebenswege
Der 11. September 2001 dauerte nur wenige Stunden.
Seine Vorgeschichte reicht Jahre zurück.
Seine Folgen reichen über Jahrzehnte.
19 Terroristen gelang es, mit vier entführten Verkehrsflugzeugen die mächtigste Nation der Welt in eine Sicherheits- und Identitätskrise zu stürzen.
Fast 3.000 Menschen wurden unmittelbar ermordet.
Danach begann eine Reaktion, deren Dimension die ursprüngliche Tat um ein Vielfaches überstieg.
Afghanistan.
Irak.
Guantánamo.
Geheimdienstoperationen.
Überwachung.
Terrorabwehr.
Neue Kriege.
Neue Terrororganisationen.
Millionen Vertriebene.
Ausgaben in Billionenhöhe.
Und eine politische Kultur, in der Sicherheit und Angst einen neuen Stellenwert erhielten.
Deshalb wäre es zu einfach, den 11. September lediglich als Geschichte eines Terroranschlags zu erzählen.
Es ist ebenso die Geschichte dessen, was Staaten nach einem Terroranschlag tun.
Die Anschläge selbst waren das Werk von al-Qaida.
Die Entscheidungen danach waren Entscheidungen von Regierungen.
Beides muss historisch voneinander getrennt werden.
Nur dann lässt sich die entscheidende Frage beantworten:
Welche Folgen waren unvermeidbare Konsequenzen des 11. September – und welche entstanden erst durch die politischen Entscheidungen, die nach dem 11. September getroffen wurden?
Vielleicht liegt darin die wichtigste historische Lehre dieses Tages.
Terroristen können einen Staat angreifen.
Sie können Menschen ermorden.
Sie können Angst erzeugen.
Aber darüber, wie eine freie Gesellschaft auf diese Angst reagiert, entscheiden am Ende nicht die Terroristen.
Darüber entscheidet die Gesellschaft selbst.
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