Im viel beachteten Mordprozess gegen Lindsay Clancy steht die Jury vor einer schwierigen Entscheidung. Die Geschworenen in Massachusetts beraten darüber, ob die 36-Jährige für den Tod ihrer drei Kinder strafrechtlich verantwortlich gemacht werden kann – oder ob eine schwere psychische Erkrankung ihre Schuldfähigkeit aufgehoben hat.
Clancy, eine frühere Krankenschwester auf einer Entbindungsstation, hat auf nicht schuldig plädiert. Sie wird beschuldigt, ihre Kinder Cora im Alter von fünf Jahren, Dawson mit drei Jahren und den acht Monate alten Callan am 24. Januar 2023 mit Fitnessbändern stranguliert zu haben.
Über die Tat selbst besteht zwischen Anklage und Verteidigung kein Streit. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, in welchem psychischen Zustand sich Clancy zum Tatzeitpunkt befand.
War sie strafrechtlich verantwortlich?
Nach dem Recht des US-Bundesstaates Massachusetts gilt eine Person dann als nicht strafrechtlich verantwortlich, wenn sie aufgrund einer psychischen Erkrankung oder Störung nicht in der Lage war, das Unrecht ihres Handelns zu erkennen oder ihr Verhalten entsprechend dem Gesetz zu steuern.
Beide Seiten stimmen darin überein, dass Clancy seit dem Herbst 2022 unter psychischen Problemen nach der Geburt ihres jüngsten Kindes litt.
Die Staatsanwaltschaft argumentiert jedoch, dass sie trotz ihrer Erkrankung wusste, was sie tat. Als Beleg verweist sie unter anderem darauf, dass Clancy ihren Ehemann vor der Tat aus dem Haus geschickt habe, um Besorgungen zu erledigen. Außerdem habe sie nach dem Aufwachen im Krankenhaus nach einem Anwalt verlangt.
Für die Anklage deutet dies darauf hin, dass Clancy die Tragweite ihres Handelns verstehen konnte und eine bewusste Entscheidung traf.
Verteidigung spricht von postpartaler Psychose
Die Verteidigung zeichnet dagegen ein völlig anderes Bild.
Nach ihrer Darstellung befand sich Clancy während der Tat in einer schweren postpartalen Psychose. Ihr psychischer Zustand habe sich in den Monaten zuvor zunehmend verschlechtert.
Nach der Tat berichtete Clancy außerdem davon, eine männliche Stimme gehört zu haben, die ihr befohlen habe, ihre Kinder und anschließend sich selbst zu töten.
Ein von der Verteidigung aufgerufener forensischer Psychiater erklärte vor Gericht, Clancy habe sich möglicherweise wie eine Marionette gefühlt, deren Handlungen von einer anderen Macht gesteuert würden.
Der Prozess hat damit auch die Debatte über psychische Erkrankungen nach einer Geburt und insbesondere über postpartale Psychosen neu entfacht.
Diese fünf Urteile sind möglich
Die Jury kann zwischen fünf unterschiedlichen Entscheidungen wählen.
Bei einer Verurteilung wegen Mordes ersten Grades müsste sie zu dem Schluss kommen, dass Clancy die Taten entweder vorsätzlich geplant oder mit besonderer Grausamkeit begangen hat. Darauf steht lebenslange Haft ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.
Bei Mord zweiten Grades droht ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe, allerdings grundsätzlich mit der Möglichkeit einer späteren Bewährung.
Eine weitere Option ist eine Verurteilung wegen Totschlags. Dafür müsste die Jury feststellen, dass Clancy vorsätzlich besonders rücksichtslos oder gefährlich gehandelt und dadurch den Tod ihrer Kinder verursacht hat. In diesem Fall wären bis zu 20 Jahre Gefängnis möglich.
Freispruch wegen fehlender Schuldfähigkeit möglich
Kommt die Jury zu dem Schluss, dass die Staatsanwaltschaft nicht beweisen konnte, dass Clancy strafrechtlich verantwortlich war, könnte sie wegen fehlender Schuldfähigkeit freigesprochen werden.
Das würde allerdings nicht bedeuten, dass sie anschließend automatisch freikommt.
Ein Gericht könnte in diesem Fall eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung anordnen, wenn festgestellt wird, dass sie psychisch krank ist und von ihr eine erhebliche Gefahr für sich selbst oder andere ausgeht.
Solche Unterbringungen können regelmäßig verlängert werden. Eine feste maximale Dauer gibt es nicht. Im Extremfall könnte eine betroffene Person dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung bleiben.
Als fünfte Möglichkeit kommt ein vollständiger Freispruch infrage, wenn die Geschworenen zu dem Ergebnis gelangen, dass die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe nicht zweifelsfrei bewiesen hat.
Jury berät bereits seit Stunden
Die Geschworenen haben inzwischen rund 17 Stunden an drei Tagen über den Fall beraten. Am Montag baten sie darum, ihre Beratungen zunächst zu beenden und am Dienstagmorgen fortzusetzen.
Clancy befindet sich seit 2023 im Tewksbury Hospital. Sie ist teilweise gelähmt und erhält weiterhin mehrere Medikamente zur Behandlung ihrer psychischen Erkrankungen.
Nach Aussage eines Psychologen steht sie zudem weiterhin unter besonders strengen Schutzmaßnahmen wegen Suizidgefahr.
Die zentrale Frage für die Jury bleibt damit unverändert: Hat Lindsay Clancy ihre Kinder in einem Zustand getötet, in dem sie für ihr Handeln strafrechtlich verantwortlich war – oder hatte ihre psychische Erkrankung ihre Fähigkeit aufgehoben, das Unrecht der Tat zu erkennen oder danach zu handeln?
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