Deutschland diskutiert wieder über die berühmte „Brandmauer“. Dieses politische Bauwerk ist inzwischen ungefähr so stabil wie ein Ikea-Regal nach drei Umzügen, aber trotzdem reden alle darüber, als würde dort gerade die Berliner Mauer persönlich wieder aufgebaut.
Auslöser diesmal: Ein ehemaliger SPD-Ministerpräsident wagte den Satz, den in Deutschland mittlerweile ungefähr nur noch Menschen nach Mitternacht oder kurz vor der Rente aussprechen:
„Vielleicht müsste man in Sachfragen auch mal mit der AfD reden.“
Seitdem herrscht in Teilen der SPD ungefähr dieselbe Stimmung wie in einer veganen Berliner WG, in der plötzlich jemand fragt, ob man nicht doch mal grillen könnte.
Die Politik entdeckt plötzlich die Mathematik
Besonders faszinierend ist die Erkenntnis vieler Parteien, dass Wahlergebnisse manchmal komplizierte Folgen haben.
Wenn Millionen Menschen eine Partei wählen, sitzt diese Partei am Ende tatsächlich im Parlament. Ein absolut schockierender Vorgang für Teile des politischen Betriebs.
Nun beginnt jedes Mal dasselbe Schauspiel:
Man erklärt zuerst sehr energisch, mit wem man niemals reden wird.
Danach stellt man fest, dass Mehrheiten mathematisch trotzdem existieren.
Und anschließend beginnt eine Talkshow-Tour mit dem Titel:
„Wie konnte das nur passieren?“
Die SPD und das Prinzip kontrollierter Panik
Die SPD reagierte erwartungsgemäß empört auf den Vorstoß des ehemaligen Parteifreundes.
Innerhalb weniger Stunden erklärten Funktionäre, warum eine Zusammenarbeit natürlich völlig ausgeschlossen sei. Man kennt diese Formulierungen inzwischen:
„klare Haltung“,
„demokratische Verantwortung“,
„unmissverständliche Abgrenzung“.
Politisch übersetzt bedeutet das meistens:
„Bitte fragt uns nicht, wie wir ohne Mehrheiten regieren wollen.“
Die BILD-Leser lösen nebenbei die Demokratiefrage
Währenddessen durfte das deutsche Volk natürlich ebenfalls mitdiskutieren.
Das Ergebnis war ungefähr so überraschend wie Regen im November:
Ein großer Teil der Leser findet, man solle einfach miteinander reden und arbeiten.
Manche nannten die aktuelle Situation „politischen Kindergarten“. Ein bemerkenswert präziser Begriff, wenn man bedenkt, dass deutsche Politikdebatten inzwischen tatsächlich oft klingen wie ein Streit im Sandkasten:
„Mit dir spiele ich nicht!“
„Dann bist du aber undemokratisch!“
„Dann lade ich dich nicht zu meiner Koalition ein!“
Die Brandmauer – Deutschlands teuerstes Fantasieprojekt
Die Brandmauer selbst hat inzwischen fast mythischen Charakter erreicht.
Niemand weiß genau, wie sie aussieht, wo sie steht oder wer sie eigentlich gebaut hat. Aber ständig warnt jemand davor, dass sie „fallen“ könnte.
Man stellt sich die politische Lage inzwischen vor wie eine mittelalterliche Burg:
Auf der einen Seite stehen Politiker mit ernsten Gesichtern und erklären:
„Die Mauer muss halten!“
Während dahinter bereits hektisch Taschenrechner ausgepackt werden, weil die Mehrheiten wieder nicht funktionieren.
Willkommen im Koalitions-Zirkus
Das eigentliche Problem lautet nämlich:
Demokratie ist mathematisch leider ziemlich unromantisch.
Irgendwann braucht man Mehrheiten. Und wenn niemand mehr mit niemandem reden möchte, endet Politik irgendwann wie ein Kindergeburtstag mit beleidigten Erwachsenen.
Die Parteien wirken dabei zunehmend wie ehemalige Bandmitglieder, die sich seit Jahren hassen, aber trotzdem gemeinsam auf Tour gehen müssen, weil sonst niemand die Halle bezahlt.
Deutschland diskutiert – die Realität wartet nicht
Während die Politik also weiter moralische Hochreckübungen vollführt, stellen viele Bürger inzwischen eine unangenehme Frage:
Wie soll dieses Land eigentlich regiert werden?
Denn draußen warten reale Probleme:
Wohnungsmangel,
Wirtschaftsflaute,
Migration,
Inflation,
Energiepreise,
Infrastruktur,
Renten.
Aber in Berlin diskutiert man stattdessen oft stundenlang darüber, wer mit wem reden darf, ohne dass dabei symbolisch die Demokratie explodiert.
Die große deutsche Spezialität: moralisch korrekt handlungsunfähig
Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte politische Disziplin angeeignet:
Man schafft es gleichzeitig, moralisch maximal überlegen und praktisch vollkommen blockiert zu wirken.
Jede Debatte beginnt inzwischen mit Abgrenzungserklärungen, Empörungswellen und historischen Vergleichen. Irgendwann fragt dann vorsichtig jemand:
„Und wie lösen wir jetzt eigentlich das Problem?“
An diesem Punkt endet die Diskussion meistens abrupt.
Das Land der politischen Therapiesitzungen
Talkshows wirken inzwischen oft wie Gruppentherapien für traumatisierte Koalitionspartner.
Menschen sitzen sich mit betretenen Gesichtern gegenüber und erklären:
„Es ist kompliziert.“
Das stimmt vermutlich sogar.
Denn Deutschland erlebt gerade eine paradoxe Situation:
Immer mehr Wähler verändern ihr Wahlverhalten.
Aber große Teile der Politik tun so, als müsse man diese Realität nur lange genug ignorieren, damit sie wieder verschwindet.
Die eigentliche Satire
Vielleicht liegt genau darin die größte Komik der gesamten Debatte.
Millionen Menschen wählen Parteien.
Parteien ziehen ins Parlament ein.
Und anschließend tun andere Parteien überrascht, empört und emotional verletzt darüber, dass Demokratie mathematische Konsequenzen hat.
Deutschland diskutiert deshalb inzwischen weniger über Politik – sondern mehr über die Frage, wer neben wem sitzen darf, ohne dass jemand einen moralischen Ausschlag bekommt.
Währenddessen warten die Bürger draußen weiter auf etwas völlig Verrücktes:
Dass irgendwann vielleicht tatsächlich regiert wird.
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