Frage: Herr Rechtsanwalt Högel, viele Menschen wollen ihr Geld sinnvoll anlegen, wissen aber gar nicht, wo sie anfangen sollen. Was ist der erste Schritt?
Maurice Högel: Der erste Schritt ist immer der Blick auf die eigene finanzielle Lage. Bevor man über Aktien, Fonds oder Immobilien nachdenkt, sollte man ehrlich prüfen: Was besitze ich eigentlich, welche laufenden Einnahmen habe ich und welche festen Ausgaben? Dazu gehören auch Schulden. Wer seine Finanzen nicht überblickt, kann keine vernünftige Anlageentscheidung treffen.
Frage: Was gehört zu so einer Bestandsaufnahme konkret dazu?
Maurice Högel: Man sollte sich ansehen, wie viel Geld auf Konten liegt, ob es Wertpapiere gibt, ob Immobilien vorhanden sind und ob noch Kredite laufen. Genauso wichtig ist die Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben. Also etwa Gehalt, Mieteinnahmen oder Rente auf der einen Seite und Miete, Versicherungen, Lebensmittel, Kreditraten oder Unterhalt auf der anderen Seite. Erst dann weiß man, wie viel Geld überhaupt zum Anlegen übrig bleibt.
Frage: Viele wollen möglichst schnell investieren. Ist das ein Fehler?
Maurice Högel: Das kann ein Fehler sein. Vor jeder Geldanlage sollte man zunächst einen Notgroschen aufbauen. Unerwartete Ausgaben kommen fast immer irgendwann – eine kaputte Waschmaschine, eine Autoreparatur oder eine hohe Nachzahlung. Wer dann kein frei verfügbares Geld hat, muss vielleicht eine Geldanlage zu einem ungünstigen Zeitpunkt auflösen. Das sollte vermieden werden.
Frage: Wie hoch sollte so ein Notgroschen sein?
Maurice Högel: Als grobe Faustregel werden oft drei Monatsnettoeinkommen empfohlen. Das Geld sollte jederzeit verfügbar sein, etwa auf einem Tagesgeldkonto oder einem Sparbuch. Für den Notgroschen sind Aktien oder Fonds keine gute Lösung, weil deren Wert schwanken kann.
Frage: Was ist wichtiger: Schulden abzahlen oder Geld anlegen?
Maurice Högel: In vielen Fällen ist es sinnvoller, zuerst Schulden zu tilgen. Gerade bei Dispokrediten oder Konsumentenkrediten sind die Zinsen oft höher als die Rendite, die man mit einer sicheren Geldanlage überhaupt erzielen kann. Wer also gleichzeitig Schulden hat und Geld anlegt, zahlt unter Umständen mehr an Zinsen, als er mit der Anlage verdient.
Frage: Und wie sieht es bei Immobilienkrediten aus?
Maurice Högel: Auch da lohnt sich ein genauer Blick in den Vertrag. Manche Darlehen erlauben Sondertilgungen oder flexible Tilgungssätze. Eine schnellere Rückzahlung kann wirtschaftlich sinnvoller sein als eine Geldanlage. Man muss aber aufpassen, ob bei einer vorzeitigen Rückzahlung zusätzliche Kosten entstehen.
Frage: Wenn die finanziellen Grundlagen geklärt sind – was kommt dann?
Maurice Högel: Dann sollte man sein Anlageziel festlegen. Das ist ganz entscheidend. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand für die Altersvorsorge spart, in fünf Jahren ein Haus kaufen möchte oder das Geld nur kurzfristig parken will. Ohne klares Ziel greift man schnell zum falschen Produkt.
Frage: Viele wünschen sich hohe Rendite, viel Sicherheit und jederzeit Zugriff. Geht das?
Maurice Högel: Nein, genau das geht in dieser Form nicht. Das ist das berühmte „magische Dreieck der Geldanlage“: Sicherheit, Verfügbarkeit und Rendite. In aller Regel kann man nicht alle drei Ziele gleichzeitig optimal erreichen. Wer hohe Rendite will, muss meist mehr Risiko eingehen. Wer maximale Sicherheit will, muss oft bei der Rendite Abstriche machen.
Frage: Was bedeutet das für Anleger ganz praktisch?
Maurice Högel: Jeder sollte sich fragen: Was ist mir am wichtigsten? Will ich vor allem mein Geld erhalten? Muss ich jederzeit darauf zugreifen können? Oder bin ich bereit, Kursschwankungen und Verlustrisiken auszuhalten, um langfristig mehr zu verdienen? Die Antwort darauf entscheidet, welche Anlageformen überhaupt passen.
Frage: Ist es sinnvoll, alles in ein Produkt zu stecken, wenn man davon überzeugt ist?
Maurice Högel: Ganz klar nein. Man sollte nie alles auf eine Karte setzen. Wer sein Geld streut, senkt das Risiko. Das heißt nicht, dass dann keine Verluste mehr möglich sind, aber man hängt eben nicht komplett von einer einzigen Anlage ab. Eine vernünftige Mischung aus verschiedenen Produkten, Laufzeiten und Risikostufen ist meist sinnvoller als ein Klumpenrisiko.
Frage: Welche einfachen Anlageformen eignen sich für eher vorsichtige Menschen?
Maurice Högel: Für sicherheitsorientierte Anleger kommen oft Tagesgeld, Sparprodukte oder Festgeld in Betracht. Wer bereit ist, mehr Risiko zu tragen und langfristig denkt, kann sich auch mit Wertpapieren beschäftigen, also etwa mit Aktien, Anleihen oder Fonds. Wichtig ist aber: Man sollte nur in Produkte investieren, die man versteht.
Frage: Warum ist dieser Punkt so wichtig?
Maurice Högel: Weil viele Menschen sich von schönen Versprechen oder hohen Renditeaussichten blenden lassen. Wenn ich ein Produkt nicht verstehe, kann ich die Risiken nicht richtig einschätzen. Dann ist die Gefahr groß, dass ich eine Fehlentscheidung treffe. Gerade bei komplizierten, spekulativen Produkten kann das bis zum Totalverlust gehen.
Frage: Was sollten Anleger in einem Beratungsgespräch besonders beachten?
Maurice Högel: Sie sollten sich Zeit nehmen und sich alles verständlich erklären lassen. Wichtig ist, dass das empfohlene Produkt zu den persönlichen Zielen, zur Risikobereitschaft und zur finanziellen Situation passt. Im Wertpapierbereich muss es zudem eine sogenannte Geeignetheitserklärung geben. Daraus sollte hervorgehen, warum genau dieses Produkt empfohlen wurde.
Frage: Welche Rolle spielen Kosten bei der Geldanlage?
Maurice Högel: Eine sehr große Rolle. Gebühren, Ausgabeaufschläge, Provisionen oder laufende Verwaltungskosten können die Rendite deutlich schmälern. Deshalb sollte man immer genau fragen: Welche Kosten fallen einmalig an? Welche jährlich? Und wie wirken sich diese Kosten auf meinen Ertrag aus? Viele Anleger unterschätzen diesen Punkt.
Frage: Worauf sollte man beim Anbieter achten?
Maurice Högel: Man sollte sich nicht nur das Produkt ansehen, sondern auch den Anbieter. Ist das Unternehmen zugelassen? Gibt es Warnhinweise? Ist das Geschäftsmodell nachvollziehbar? Aber auch hier gilt: Selbst wenn ein Unternehmen beaufsichtigt wird, heißt das noch nicht automatisch, dass die Anlage sicher oder empfehlenswert ist.
Frage: Viele denken, wenn die BaFin etwas zugelassen hat, sei alles geprüft und sicher. Stimmt das?
Maurice Högel: Nein, das ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Eine Genehmigung oder Billigung von Unterlagen bedeutet nicht, dass die Behörde das Produkt empfiehlt oder dessen wirtschaftliche Tragfähigkeit garantiert. Anleger müssen also trotzdem selbst prüfen und kritisch bleiben.
Frage: Wie erkennt man unseriöse Angebote?
Maurice Högel: Ein Warnsignal ist immer Zeitdruck. Wenn jemand sagt: „Sie müssen sofort unterschreiben, sonst ist die Chance weg“, sollte man sehr vorsichtig sein. Auch unrealistisch hohe Renditeversprechen ohne nennenswertes Risiko sind verdächtig. Und wenn Zweifel bleiben, sollte man nicht investieren.
Frage: Ihr wichtigster Rat an Verbraucher in einem Satz?
Maurice Högel: Kaufen Sie nichts, was Sie nicht verstehen, was nicht zu Ihren Zielen passt oder was Sie finanziell nicht tragen können.
Frage: Und was sollten Anleger nach dem Kauf beachten?
Maurice Högel: Das Portfolio sollte regelmäßig überprüft werden. Lebensumstände ändern sich, Ziele ändern sich, Märkte ändern sich. Aber man sollte auch nicht ständig hektisch umschichten. Ein Wechsel kann Kosten verursachen und am Ende mehr schaden als nützen.
Frage: Was ist Ihr Fazit zum kleinen Einmaleins der Geldanlage?
Maurice Högel: Gute Geldanlage beginnt nicht mit einem Produkt, sondern mit Klarheit über die eigene Situation. Wer seine Finanzen kennt, Rücklagen bildet, Schulden im Blick hat, klare Ziele setzt, Risiken versteht und auf Streuung achtet, macht schon sehr vieles richtig. Geldanlage muss nicht kompliziert sein – aber sie sollte immer durchdacht sein.
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