Manchmal fragt man sich, wie viele Warnlampen gleichzeitig blinken müssen, bis jemand merkt, dass etwas nicht stimmt.
Im Fall Jeffrey Epstein lautet die Antwort offenbar: alle.
Die neu veröffentlichten Akten zeichnen das Bild einer Branche, die jahrelang so tat, als sei ein Mann ohne offizielle Funktion im Modegeschäft plötzlich der heimliche Personalchef der internationalen Modelwelt.
Da wurden junge Frauen vorgestellt wie Luxusautos auf einer Messe.
„Nette Französin.“
„Bereit zu reisen.“
„Tolles Mädchen.“
„Ein Geschenk für dich.“
Man wartet beim Lesen fast darauf, dass irgendwo noch steht: „Kaum Kilometer, Erstzulassung 2025, sofort verfügbar.“
Epstein selbst hatte offiziell mit dem Modelgeschäft ungefähr so viel zu tun wie ein Taxifahrer mit der NASA. Trotzdem bewegte er sich offenbar in Kreisen, in denen viele Menschen bereit waren, ihm Türen zu öffnen.
Und das Erstaunlichste daran: Selbst nach seiner Verurteilung im Jahr 2008 schien mancher zu denken: „Gut, das war jetzt vielleicht etwas unglücklich gelaufen, aber deswegen muss man ja nicht gleich die Geschäftsbeziehung beenden.“
Eine bemerkenswerte Form beruflicher Gelassenheit.
Während normale Menschen nach einer Verurteilung als Sexualstraftäter vermutlich Schwierigkeiten hätten, einen Kleingartenverein zu leiten, wurde Epstein weiterhin zu Veranstaltungen eingeladen, bekam Empfehlungen, Kontakte und Unterstützung.
Natürlich betonen heute viele Beteiligte, sie hätten von nichts gewusst.
Das ist durchaus möglich.
Allerdings entsteht beim Lesen der Unterlagen der Eindruck, als hätte sich rund um Epstein eine internationale Meisterschaft im Wegschauen entwickelt.
Goldmedaille: Modebranche.
Silbermedaille: Umfeld.
Bronzemedaille: Gesunder Menschenverstand.
Besonders bitter ist dabei das Schicksal vieler junger Frauen, die lediglich ihren Traum von einer Karriere verwirklichen wollten. Sie kamen mit Hoffnungen, Ambitionen und Vertrauen – und trafen auf ein System, das oft mehr Interesse an Kontakten als an Kontrolle hatte.
Der Fall zeigt vor allem eines:
Man braucht nicht immer eine große Verschwörung.
Manchmal reichen Eitelkeit, Geld, Einfluss und eine erstaunliche Zahl von Menschen, die sich gegenseitig versichern, dass schon alles seine Ordnung haben wird.
Bis irgendwann alle behaupten, sie hätten nie etwas bemerkt.
Und genau das ist vielleicht die unglaublichste Geschichte von allen.
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