Es gibt Nachrichten, die für die deutsche Energiedebatte ein gewisses Ironiepotenzial besitzen. China hat nach Angaben seiner Energieagentur erstmals so viel Solarkapazität aufgebaut, dass Solarenergie Kohle als größte Stromquelle überholt hat.
Ja, China.
Das Land, das weiterhin als größter Treibhausgasproduzent der Welt gilt und dessen Energieversorgung jahrzehntelang geradezu synonym mit Kohlekraft war.
Während anderswo noch ausführlich darüber diskutiert wird, ob eine Solaranlage möglicherweise das Landschaftsbild beeinträchtigt, hat China offenbar eine etwas andere Methode gewählt:
bauen.
Sehr viel bauen.
China entdeckt eine revolutionäre Technologie: das Solarmodul
Die chinesische Energieagentur beschreibt den Ausbau als schnell und nachhaltig. Solarenergie spiele inzwischen eine immer größere Rolle für die Stromversorgung und die Energiewende.
Das Konzept dahinter ist erstaunlich unkompliziert:
Man benötigt mehr Solarstrom.
Also baut man mehr Solaranlagen.
Dann baut man noch mehr.
Und irgendwann stellt man überrascht fest, dass aus der angeblichen „Ergänzungstechnologie“ eine der wichtigsten Säulen des Stromsystems geworden ist.
Man könnte beinahe auf die Idee kommen, dass Infrastruktur schneller wächst, wenn man sie tatsächlich errichtet.
Kohle ist allerdings noch nicht in Rente
Bevor jetzt allerdings die ersten Solar-Sektkorken knallen: China ist keineswegs plötzlich zum klimaneutralen Musterstaat geworden.
Das Land bleibt stark von fossilen Energieträgern abhängig und ist weiterhin der größte Treibhausgasemittent der Welt.
Und beim Begriff „größte Stromquelle“ ist Vorsicht angebracht. Aus der vorliegenden Meldung geht nicht eindeutig hervor, ob Solarenergie die Kohle bei der installierten Leistung oder tatsächlich bei der erzeugten Strommenge überholt hat.
Das ist ungefähr der Unterschied zwischen:
„Ich besitze ein Auto mit 500 PS“
und
„Ich fahre damit ständig 500 PS.“
Solaranlagen produzieren schließlich nachts erstaunlich wenig Strom. Selbst die chinesische Regierung hat dieses technische Detail bislang nicht per Fünfjahresplan abschaffen können.
China baut Solar – und Kohle gleich mit
Hier beginnt der eigentliche chinesische Energiewende-Widerspruch.
China kann gleichzeitig gewaltige Mengen Solarenergie ausbauen und trotzdem große Mengen Kohle verbrauchen.
Denn der chinesische Strombedarf ist gigantisch. Industrie, Millionenstädte, Elektromobilität, Klimaanlagen, Fabriken, Rechenzentren und Haushalte benötigen enorme Mengen Energie.
Neue Solarleistung bedeutet deshalb nicht automatisch:
Ein Solarmodul kommt, ein Kohlekraftwerk geht.
So komfortabel funktioniert Energiewende leider nicht.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Solarmodule China besitzt, sondern wie stark diese Anlagen künftig tatsächlich fossile Stromerzeugung verdrängen.
Immerhin hat die Sonne einen entscheidenden Vorteil
Kohle muss gefördert, transportiert und verbrannt werden.
Die Sonne liefert ihre Energie dagegen kostenlos.
Noch hat jedenfalls niemand eine Rechnung ausgestellt.
Sollte eines Tages eine „Solarstrahlennutzungsabgabe“ erfunden werden, dürfte Deutschland allerdings gute Chancen haben, bei der Verwaltungsumsetzung international eine Spitzenposition einzunehmen.
Jetzt kommt das langweilige Zeug: Netze und Speicher
Millionen Solarmodule allein lösen nämlich nicht sämtliche Probleme.
Wenn mittags gigantische Mengen Solarstrom produziert werden und nachts die Produktion auf praktisch null fällt, braucht ein modernes Stromsystem Netze, Speicher und flexible Erzeugungskapazitäten.
Auch China kann die Sonne nicht einfach anrufen und sagen:
„Bitte heute Abend noch drei Stunden länger.“
Je größer der Solaranteil wird, desto wichtiger wird deshalb alles, was politisch deutlich weniger spektakulär klingt: Stromleitungen, Speichertechnologien, Netzsteuerung und flexible Kraftwerke.
Die Energiewende besteht eben nicht nur aus Solarmodulen für Pressefotos.
Klimaneutral bis 2060 – also praktisch übermorgen
Peking will bis 2060 klimaneutral werden.
Das klingt weit entfernt.
Bei der Größenordnung des chinesischen Energiesystems ist es allerdings ein gewaltiger Umbau.
China muss nicht nur Kraftwerke ersetzen, sondern gleichzeitig den Energiebedarf einer der größten Volkswirtschaften der Erde bedienen.
Dafür verfolgt das Land offenbar eine bemerkenswert pragmatische Strategie:
Solar bauen.
Wind bauen.
Netze bauen.
Speicher bauen.
Und vorerst leider auch weiterhin Kohle nutzen.
Nicht besonders romantisch – aber zumindest lässt sich hinterher nachzählen, was tatsächlich gebaut wurde.
Und Deutschland schaut interessiert zu
Für Europa ist die Entwicklung aus einem weiteren Grund bemerkenswert.
China ist längst nicht nur ein riesiger Absatzmarkt für Solartechnik, sondern spielt auch bei der Herstellung von Photovoltaikmodulen und den dazugehörigen Lieferketten eine enorme Rolle.
Damit entsteht eine hübsche energiepolitische Pointe:
Europa möchte unabhängiger bei der Energieversorgung werden und benötigt dafür massenhaft Solartechnik – während China einen erheblichen Teil der entsprechenden industriellen Kapazitäten aufgebaut hat.
Unabhängigkeit kann kompliziert sein.
Der größte Klimasünder kann gleichzeitig Solarweltmeister sein
Genau das macht die Meldung so interessant.
China passt nicht in die einfache Erzählung vom fossilen Klimasünder auf der einen und grünen Musterstaat auf der anderen Seite.
Das Land kann gleichzeitig enorme Emissionen verursachen und einen gigantischen Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben.
Beides ist wahr.
Deshalb wäre es genauso falsch, China aufgrund seines Solarbooms plötzlich zum Klimaschutz-Vorbild zu erklären, wie den Ausbau als bedeutungslos abzutun.
Wenn ein Land mit einem derart riesigen Stromverbrauch seine Energieinfrastruktur verschiebt, verändert das den globalen Energiemarkt.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der schwierigste Schritt
Solaranlagen bauen ist die eine Sache.
Kohleverbrauch tatsächlich dauerhaft reduzieren ist die andere.
Erst wenn erneuerbare Energien nicht nur zusätzlich zur fossilen Stromproduktion wachsen, sondern Kohle zunehmend ersetzen, wird aus dem Solarrekord ein entsprechend großer Klimaschutzerfolg.
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