Deutschland hat ein Wohnungsproblem. Eine überraschende Erkenntnis ist das nicht unbedingt – schließlich merken viele Menschen spätestens bei der Wohnungssuche, dass „bezahlbarer Wohnraum“ inzwischen ungefähr so leicht zu finden ist wie ein günstiges Hotelzimmer während des Oktoberfests.
Der Deutsche Mieterbund beziffert die Lücke in seinem neuen Mietenreport auf rund 1,4 Millionen Wohnungen. Gleichzeitig sei der Bestand an Sozialwohnungen auf ein Rekordtief von nur noch ungefähr einer Million gefallen.
Man könnte also sagen: Deutschland hat das Kunststück geschafft, über Jahre über Wohnungsmangel zu diskutieren und anschließend festzustellen, dass tatsächlich Wohnungen fehlen.
Sozialwohnungen werden knapp – sehr überraschend
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Sozialwohnungen.
Ihr Bestand ist nach Angaben des Mieterbundes auf rund eine Million gesunken. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der hohe Mieten für immer mehr Haushalte zum Problem werden.
Die politische Lösung der vergangenen Jahre bestand schließlich nicht darin, gar nichts zu tun. Es wurden Programme aufgelegt, Ziele formuliert, Förderbedingungen verändert, Gipfel veranstaltet und ambitionierte Neubauzahlen diskutiert.
Nur bei einer eher nebensächlichen Angelegenheit scheint es Schwierigkeiten gegeben zu haben: dem tatsächlichen Bau genügend bezahlbarer Wohnungen.
1,4 Millionen fehlende Wohnungen lassen sich leider nicht wegmoderieren
Wohnungsmangel besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Er interessiert sich nur begrenzt für politische Zielmarken.
Wenn in einer Stadt 100 Menschen dringend eine Wohnung suchen, aber nur 50 passende Wohnungen verfügbar sind, entsteht Konkurrenz. Und wo viele Interessenten auf ein knappes Angebot treffen, haben Vermieter naturgemäß eine komfortablere Verhandlungsposition.
Der Mieterbund fordert deshalb unter anderem eine stärkere Begrenzung der Mieten und den Bau zusätzlicher Sozialwohnungen.
Das klingt beinahe revolutionär: Wenn Wohnungen fehlen, könnte man Wohnungen bauen.
Der Wohnungsmarkt entwickelt seine ganz eigene Form von Luxus
Für viele Wohnungssuchende beginnt der Luxus inzwischen nicht mehr beim Penthouse mit Dachterrasse.
Luxus kann auch bedeuten: drei Zimmer, halbwegs funktionierende Heizung, akzeptable Entfernung zum Arbeitsplatz und eine Warmmiete, nach deren Überweisung noch Geld für Lebensmittel übrig bleibt.
Besonders angespannt wird die Situation für Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen. Sie konkurrieren um Wohnungen in einem Marktsegment, dessen Angebot begrenzt ist.
Wer eine bezahlbare Wohnung besitzt, überlegt sich einen Umzug deshalb möglicherweise zweimal. Das wiederum kann dazu beitragen, dass weniger Wohnungen auf den Markt kommen.
So entsteht eine bemerkenswerte Situation: Eine eigentlich zu kleine Wohnung kann plötzlich ausgesprochen attraktiv wirken – weil die Alternative die nächste Wohnungsbesichtigung mit einer gefühlten Warteschlange bis zur Grundstücksgrenze ist.
Die berühmte Wohnung für „Normalverdiener“
Politisch wird gerne vom bezahlbaren Wohnraum für die breite Mitte gesprochen.
Nur hat der Begriff „bezahlbar“ einen entscheidenden Nachteil: Die Miete muss am Ende tatsächlich jemand bezahlen können.
Steigen Wohnkosten schneller als verfügbare Einkommen, wird aus einer Wohnungsfrage sehr schnell eine soziale Frage. Genau davor warnt der Mieterbund. Die Krise am Wohnungsmarkt entwickle sich zunehmend zu einer Krise des Sozialstaates.
Denn hohe Mieten verschwinden nicht dadurch, dass Haushalte wenig verdienen.
Im Zweifel steigt vielmehr der Druck auf Wohngeld, Grundsicherung und andere staatliche Unterstützungsleistungen. Dann zahlt der Staat einen Teil der hohen Wohnkosten mit – womit sich die Wohnungsnot zumindest statistisch etwas angenehmer verwalten lässt.
Und jetzt einfach 1,4 Millionen Wohnungen bauen?
Ganz so einfach ist es selbstverständlich nicht.
Wohnungen entstehen nicht über Nacht. Grundstückspreise, Baukosten, Finanzierung, Zinsen, Genehmigungen, Fachkräfte und kommunale Planung können Projekte erheblich erschweren.
Genau deshalb ist die Zahl von 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen so problematisch: Selbst wenn die politischen Rahmenbedingungen sofort erheblich verbessert würden, ließe sich eine solche Lücke nicht innerhalb weniger Monate schließen.
Der heutige Wohnungsmangel ist damit auch das Ergebnis langfristiger Entwicklungen – und seine Beseitigung wird ebenfalls Jahre benötigen.
Mieten begrenzen oder Wohnungen bauen? Am besten beides – sagt der Mieterbund
Der Mieterbund fordert unter anderem eine stärkere Begrenzung der Mieten sowie mehr Sozialwohnungsbau.
Beide Maßnahmen setzen an unterschiedlichen Stellen an. Mietregulierung soll verhindern, dass bestehender Wohnraum für Haushalte immer unbezahlbarer wird. Neubau soll dagegen das eigentliche Angebot vergrößern.
Denn selbst die strengste Mietbegrenzung kann ein mathematisches Problem nicht vollständig beseitigen: Aus einer Million Wohnungen werden durch einen niedrigeren Mietpreis nicht plötzlich 1,4 Millionen zusätzliche Wohnungen.
Umgekehrt hilft eine neu gebaute Wohnung einer Familie mit geringem Einkommen nur eingeschränkt, wenn sie sich deren Miete nicht leisten kann.
Deutschland sucht: Wohnung, bezahlbar, gerne vorhanden
Damit liefert der neue Mietenreport eine ziemlich ernüchternde Bilanz.
Rund 1,4 Millionen Wohnungen fehlen, der Bestand an Sozialwohnungen liegt nach Angaben des Mieterbundes bei einem Rekordtief von ungefähr einer Million, und der Verband sieht inzwischen sogar den Sozialstaat unter zunehmendem Druck.
Immerhin mangelt es nicht an politischen Diskussionen über das Thema.
Deutschland diskutiert seit Jahren über Neubau, Mietpreisbremse, sozialen Wohnungsbau, Baukosten, Genehmigungen und Förderprogramme.
Nun müsste eigentlich nur noch der schwierigste Teil gelingen:
genügend Wohnungen bauen, die sich die Menschen, die darin wohnen sollen, auch leisten können.
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