Manchmal braucht die AfD gar keine eigene Wahlkampfveranstaltung. Manchmal reicht es offenbar, wenn die CDU eine organisiert.
So geschehen im sachsen-anhaltischen Landtagswahlkampf: Eine Gesprächsreihe sollte eigentlich mobilisieren, aufrütteln und vermutlich zeigen, dass die CDU geschlossen, entschlossen und kampagnenfähig gegen die AfD antritt. Heraus kam ein politischer Abend, der ungefähr so planbar wirkte wie ein Feuerwerk in einer Papierfabrik.
Im Mittelpunkt: Kabarettist Dieter Hallervorden, 90 Jahre alt, bühnenfest, meinungsstark und offenkundig nicht bereit, sich an die dramaturgischen Wünsche der CDU-Wahlkampfleitung zu halten. Statt brav landespolitisch zu plaudern, nutzte er die Bühne für eine Generalabrechnung mit der Bundespolitik.
Getroffen hat es unter anderem Unions-Kanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius, den Hallervorden als „Kriegsminister“ bezeichnet haben soll. Dazu kamen Aussagen zur deutschen Außenpolitik und Bilder im Hintergrund, die die These eines „Völkermordes in Gaza“ aufgriffen.
Für die CDU-Bundespartei war damit offenbar die Grenze zwischen Kunstfreiheit und Wahlkampfkatastrophe erreicht. Die neue Generalsekretärin Franziska Hoppermann stellte klar: Für die CDU Deutschlands gebe es keinen Völkermord in Gaza, man stehe an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen Terror und Aggression. Kunstfreiheit ja – aber Widerspruch müsse Kunst ebenfalls aushalten.
Das klingt nach einer nachträglichen Brandschutzübung. Erst lässt man den Künstler auf die Bühne, dann stellt man fest, dass er nicht aus dem CDU-Wahlkampfhandbuch vorliest. Überraschend ist das nur bedingt. Wer Dieter Hallervorden einlädt, bekommt eben nicht zwingend einen weichgespülten Moderationsbeitrag mit abschließendem Applaus für die Parteistrategie.
Für Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze ist die Sache unangenehm. Er hatte die gemeinsame Tour mitorganisiert und vor Ort offenbar auf die Kunstfreiheit verwiesen. Nun kommt aus Berlin die parteipolitische Korrekturansage. Das wirkt ungefähr so harmonisch wie ein Familienfest, bei dem der Onkel ans Mikrofon geht und anschließend die Tante eine Gegendarstellung verschickt.
Politisch ist der Vorgang vor allem deshalb pikant, weil die Veranstaltung eigentlich gegen die AfD wirken sollte. Stattdessen produziert die CDU Bilder von innerparteilicher Irritation, öffentlicher Distanzierung und einer Bundespartei, die erklären muss, was sie keinesfalls gesagt haben will. Genau das dürfte die AfD freuen.
Denn Wahlkampf lebt nicht nur von eigenen Botschaften, sondern auch von den Fehlern der anderen. Wenn die CDU eine Bühne baut, auf der anschließend über Gaza, Merz, Pistorius, Kunstfreiheit und Parteidisziplin gestritten wird, dann muss die Konkurrenz nur noch Popcorn holen.
Die AfD kann sich nun zurücklehnen und sagen: Schaut her, nicht einmal die CDU weiß, was auf ihren eigenen Veranstaltungen passiert. Für eine Partei, die ohnehin gern das Bild einer angeblich orientierungslosen Union zeichnet, ist das ein Geschenk mit Schleife.
Natürlich darf Kunst provozieren. Natürlich darf ein Kabarettist unbequem sein. Und natürlich muss auch die CDU Widerspruch aushalten. Aber wer mitten im Wahlkampf eine Bühne freigibt, sollte vorher wissen, ob dort Wahlkampfhilfe entsteht – oder ein politisches Eigenleben mit Bühnenbeleuchtung.
Am Ende bleibt ein erstaunlicher Vorgang: Die CDU wollte gegen die AfD mobilisieren, Hallervorden machte Hallervorden, Berlin rückte aus zur Schadensbegrenzung, und Sachsen-Anhalt darf nun darüber diskutieren, ob das noch Kunstfreiheit oder schon strategisches Stolpern war.
Für die AfD dürfte der Abend jedenfalls kein Schaden gewesen sein. Und das ist für die CDU vermutlich die bitterste Pointe.
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