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Börsen feiern Waffenruhe – doch die Euphorie hat einen unerquicklich realen Haken

NickyPe (CC0), Pixabay
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Kaum war die Waffenruhe im Iran-Krieg verkündet, machten die Finanzmärkte das, was sie in solchen Momenten besonders gern tun: aufatmen, aufspringen, einpreisen. Weltweit legten die Aktienmärkte kräftig zu, während die Energiepreise deutlich nachgaben. Der DAX stieg bis Mittwochnachmittag um satte 5,3 Prozent, der Euro Stoxx 50 zog in ähnlicher Größenordnung an, und auch in Wien ging es mit plus 3,8 Prozent spürbar nach oben. In den USA starteten die Indizes ebenfalls mit deutlichen Gewinnen, in Asien fiel die Rallye teils noch heftiger aus.

Der Hauptgrund für diese spontane Markt-Euphorie ist schnell benannt: Die Hoffnung, dass der Iran die Straße von Hormus wieder für den Schiffsverkehr öffnet. Diese Meerenge ist nicht nur für Öl und Gas von zentraler Bedeutung, sondern eine der wichtigsten globalen Handelsadern überhaupt. Ihre Wiederöffnung galt als zentrale Bedingung der USA für die Feuerpause – und wurde an den Börsen prompt als Entwarnung interpretiert.

Entsprechend brachen die Ölpreise regelrecht ein. Die Nordseesorte Brent verlor zeitweise mehr als 17 Prozent und fiel wieder klar unter die Marke von 100 Dollar pro Barrel. Auch WTI gab kräftig nach. Das klingt spektakulär – ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn trotz des deutlichen Rückgangs liegen die Preise weiterhin rund ein Drittel über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Von echter Normalität kann also keine Rede sein.

Genau hier beginnt der Teil, den die Börsen gern verdrängen:
Die Straße von Hormus ist vielleicht politisch wieder „offen“, logistisch aber noch lange nicht frei.

Denn laut Schätzungen sitzen derzeit rund 800 Schiffe auf beiden Seiten der Meerenge fest. Selbst wenn die Passage wieder genutzt werden kann, dauert es, bis sich dieser Rückstau abbaut. Tanker müssen neu disponiert, Routen angepasst, Versicherungen geklärt und Sicherheitsfragen beantwortet werden. Die Analystin Amena Bakr von Kpler warnte daher zu Recht: Zwei Wochen Waffenruhe reichen nicht aus, um die Schäden zu beheben und den Ausfall von rund 300 Millionen Barrel aus dem Nahen Osten auszugleichen.

Auch die Reedereien bleiben auffallend vorsichtig. Maersk etwa erklärte, man werde zunächst keine voreiligen Änderungen am Betrieb vornehmen. Der Norwegische Reederverband äußerte sich ähnlich zurückhaltend. Übersetzt: Die Börsen handeln bereits den Idealzustand, während die Logistikbranche noch mitten im Krisenmodus steckt.

Von den Kursgewinnen profitierten vor allem Branchen, die unter hohen Energiepreisen besonders leiden:

  • Reiseunternehmen
  • Industrie
  • Banken
  • Technologiewerte

Diese Sektoren legten teils um sechs bis sieben Prozent zu. Der Energiesektor dagegen verlor deutlich – kein Wunder, wenn fallende Ölpreise die Gewinne der Öl- und Gasunternehmen unter Druck setzen.

Besonders kräftig fiel die Erleichterung in Asien aus, wo die Volkswirtschaften besonders stark von Energieimporten abhängen. Der Nikkei 225 in Tokio schloss rund fünf Prozent im Plus, in Südkorea ging es sogar noch stärker nach oben. Vor allem Schwergewichte wie Samsung und SK Hynix trieben die Märkte an. In Seoul musste der Handel zwischenzeitlich wegen der heftigen Kursbewegungen sogar kurz ausgesetzt werden – auch das ein Hinweis darauf, wie nervös und überdreht die Lage derzeit ist.

Ein weiterer Effekt der Waffenruhe: Die Erwartungen an die Notenbanken verschieben sich schlagartig. Sinkende Ölpreise dämpfen die Inflationssorgen, was wiederum Zinserhöhungen unwahrscheinlicher macht. An den Märkten wird nun nicht mehr mit einer kurzfristigen EZB-Zinserhöhung gerechnet, während in den USA eine Zinssenkung durch die Fed noch in diesem Jahr wieder realistischer erscheint.

Fazit:
Die Börsen feiern die Waffenruhe im Iran-Krieg wie einen Befreiungsschlag – mit steigenden Aktienkursen und fallenden Ölpreisen. Doch hinter der Euphorie steckt viel Hoffnung und noch wenig belastbare Realität. Die Straße von Hormus mag auf dem Papier wieder offen sein, tatsächlich sitzen hunderte Schiffe fest, Reedereien bleiben vorsichtig und die Lieferketten sind längst nicht normalisiert. Die Märkte jubeln – die Logistik bleibt unerquicklich skeptisch.

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