Die Börsen machen derzeit das, was Börsen am liebsten machen: Sie feiern.
Die Straße von Hormus soll wieder geöffnet werden, die Ölpreise fallen, die Aktienkurse steigen und an der Wall Street herrscht beinahe Partystimmung. Das Problem: Einige Analysten fragen sich inzwischen, ob die Märkte nicht gerade den berühmten zweiten Schritt vor dem ersten machen.
Der US-Ölpreis WTI ist innerhalb einer Woche um fast zehn Prozent gefallen und notiert wieder bei rund 76 Dollar je Barrel. Auch die Benzinpreise in den USA geben nach. Gleichzeitig kratzen die amerikanischen Aktienmärkte erneut an Rekordständen.
Die Botschaft der Anleger scheint klar: Der Krieg ist vorbei, die Gefahr gebannt, alles wird gut.
Nur leider ist die Realität etwas komplizierter.
Denn die Wiedereröffnung der Straße von Hormus bedeutet noch lange nicht, dass dort sofort wieder alles reibungslos läuft. Die Schifffahrt bewegt sich noch immer deutlich unter dem Niveau vor dem Krieg. Versicherungen für Tanker sind teuer, mögliche Minen im Seegebiet sorgen für Unsicherheit, und niemand weiß, welche zusätzlichen Bedingungen Teheran künftig für die Passage durch die Meerenge verlangen könnte.
Mit anderen Worten: Die wichtigste Ölroute der Welt ist zwar wieder offen, aber sie funktioniert noch längst nicht wie vor dem Konflikt.
Hinzu kommt, dass das Abkommen zunächst nur eine 60-tägige Waffenruhe vorsieht. Danach könnte vieles erneut auf dem Verhandlungstisch landen. Die Märkte tun derzeit jedoch so, als sei bereits ein dauerhafter Frieden unterschrieben worden.
Einige Experten sprechen deshalb davon, dass die Anleger „Perfektion einpreisen“. Also davon ausgehen, dass praktisch alles optimal verläuft.
Das ist an den Finanzmärkten traditionell ein gefährlicher Zustand.
Auch die Aktienmärkte wirken erstaunlich sorglos. Der S&P 500 ist seit Beginn des Konflikts sogar um rund neun Prozent gestiegen. Künstliche Intelligenz, sinkende Ölpreise und die Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilität treiben die Kurse weiter nach oben.
Doch gleichzeitig bleiben zahlreiche Risiken bestehen. Die US-Notenbank hält die Zinsen hoch, geopolitische Spannungen sind keineswegs verschwunden und die Umsetzung des Iran-Abkommens steckt noch in den Kinderschuhen.
Derzeit scheint die Wall Street nach dem Motto zu handeln: Erst feiern, später nachdenken.
Genau das macht einige Marktbeobachter nervös.
Denn sollte sich herausstellen, dass die Wiederaufnahme der Öltransporte langsamer verläuft als erwartet oder neue politische Konflikte entstehen, könnten die Märkte schnell feststellen, dass zwischen Hoffnung und Realität ein erheblicher Unterschied besteht.
Die Stimmung an der Börse erinnert daher ein wenig an einen Fußballfan, der in der 15. Minute beim Stand von 1:0 bereits die Meisterfeier plant.
Kann gutgehen.
Muss aber nicht.
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