US-Finanzminister Scott Bessent hat die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran als vertretbar bezeichnet. Gegenüber der BBC sagte er, ein „kleines bisschen wirtschaftlicher Schmerz“ sei akzeptabel, wenn dadurch die langfristige internationale Sicherheit gestärkt werde. Während der Internationale Währungsfonds (IWF) vor einer möglichen globalen Rezession warnt, betont Bessent vor allem die sicherheitspolitische Dimension des Konflikts.
Bessent erklärte, ihn beunruhigten kurzfristige Konjunkturprognosen weniger als die Gefahr, die seiner Ansicht nach vom iranischen Atomprogramm ausgehe. Der Konflikt diene aus seiner Sicht dazu, das Risiko eines möglichen iranischen Atomangriffs auf westliche Staaten dauerhaft zu beseitigen.
„Ich frage mich, wie stark das globale Bruttoinlandsprodukt einbrechen würde, wenn eine Atomwaffe London träfe“, sagte Bessent der BBC. Er sei deshalb „weniger besorgt über kurzfristige Prognosen als über langfristige Sicherheit“.
IWF warnt vor Rezessionsgefahr
Zeitgleich schlägt der Internationale Währungsfonds Alarm. In seinem aktuellen World Economic Outlook warnt der IWF, dass der Krieg im schlimmsten Fall die Weltwirtschaft in eine schwere Krise stürzen könnte. Sollten Öl-, Gas- und Lebensmittelpreise in diesem und im kommenden Jahr deutlich steigen und auf hohem Niveau bleiben, könnte das globale Wachstum 2026 unter zwei Prozent fallen.
Laut IWF wäre das ein gefährlicher Schwellenwert: Eine weltweite Rezession sei dann „nur knapp vermieden“ – ein Szenario, das es seit 1980 nur viermal gegeben habe, zuletzt während der Corona-Pandemie.
Die Energiepreise sind seit Beginn des Krieges vor mehr als sechs Wochen stark gestiegen. Hauptgrund ist die faktische Blockade der strategisch wichtigen Straße von Hormus, über die ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Gastransports abgewickelt wird. Gleichzeitig scheiterten bisherige Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran.
Ölpreis als Schlüsselfaktor
Der IWF geht in seinem Worst-Case-Szenario davon aus, dass der Ölpreis in diesem Jahr durchschnittlich auf 110 Dollar pro Barrel steigen und 2027 sogar 125 Dollar erreichen könnte. Unter diesen Bedingungen könnte die Inflation im kommenden Jahr auf bis zu sechs Prozent klettern. Das würde Zentralbanken weltweit zwingen, die Zinsen erneut anzuheben – mit negativen Folgen für Investitionen, Konsum und Beschäftigung.
IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas warnte vor einer Kettenreaktion: anhaltend hohe Inflation, steigende Arbeitslosigkeit und in einigen Ländern sogar zunehmende Nahrungsmittelunsicherheit.
Selbst wenn der Konflikt sofort enden würde, wären die Auswirkungen auf die Energieversorgung erheblich. Gourinchas zog gegenüber der BBC einen Vergleich zur Ölkrise der 1970er-Jahre, als arabische Förderländer nach dem Jom-Kippur-Krieg ein Embargo gegen westliche Staaten verhängten. Allerdings sei die Weltwirtschaft heute weniger stark von Öl und fossilen Energieträgern abhängig als damals.
Bessent verweist auf Sicherheitsrisiko
Bessent hält die wirtschaftlichen Risiken dennoch für zweitrangig. Er argumentiert, dass der Konflikt eine langfristige Bedrohung reduziert habe. Nach seinen Angaben hätten iranische Angriffe auf Diego Garcia gezeigt, dass Teheran über Mittelstreckenraketen verfüge, die theoretisch auch Ziele wie London erreichen könnten.
Er sprach davon, dass die US-amerikanischen und israelischen Angriffe das „Extremrisiko“ eines iranischen Nuklearangriffs auf westliche Länder reduziert hätten.
Allerdings widerspricht die britische Regierung dieser Darstellung zumindest teilweise. Ein Sprecher erklärte, es gebe „keine Einschätzung, dass Iran versucht, Europa mit Raketen ins Visier zu nehmen“. Zugleich betonte London, Großbritannien verfüge über ausreichende militärische Fähigkeiten, um das Land gegen Bedrohungen von innen und außen zu schützen.
Auch die BBC hatte bereits zuvor berichtet, dass eine direkte iranische Raketenbedrohung für London als äußerst gering eingeschätzt werde.
Iran besitzt keine Atomwaffen
Nach Angaben ranghoher US-Regierungsvertreter hatte der Iran zu Beginn des Krieges Uran auf 60 Prozent angereichert. Das liegt deutlich über dem Niveau ziviler Nutzung, reicht aber noch nicht für den Bau einer Atomwaffe. Der Iran verfügt nach derzeitigen Erkenntnissen nicht über einsatzfähige Nuklearwaffen.
Trotzdem bleibt das Atomprogramm ein zentraler Streitpunkt im Konflikt – neben Sanktionen, regionalem Einfluss und der Kontrolle strategischer Handelsrouten.
Weltwirtschaft zwischen Risiko und Hoffnung
Trotz der düsteren Warnungen sieht der IWF auch ein weniger dramatisches Szenario. Sollte der Konflikt in den kommenden Wochen eingedämmt werden und sich Energieproduktion sowie Exporte aus dem Nahen Osten bis zur Jahresmitte normalisieren, könnte das weltweite Wachstum 2026 bei 3,1 Prozent liegen. Das wäre zwar niedriger als die frühere Prognose von 3,3 Prozent, aber deutlich entfernt von einer globalen Rezession.
Für 2027 hält der IWF an seiner Wachstumsprognose von 3,2 Prozent fest – unter der Voraussetzung, dass sich die Lage nicht weiter verschärft.
Großbritannien besonders betroffen
Unter den fortgeschrittenen Volkswirtschaften dürfte laut IWF vor allem Großbritannien unter dem Energieschock leiden. Die Wachstumsprognose für das laufende Jahr wurde von 1,3 auf 0,8 Prozent gesenkt. Für das Folgejahr erwartet der Fonds jedoch eine Erholung auf 1,3 Prozent.
Auch mehrere Staaten im Nahen Osten stehen vor schweren wirtschaftlichen Folgen:
- Iran: Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6,1 Prozent in diesem Jahr
- Katar: Schrumpfung um 8,6 Prozent im Jahr 2026, unter anderem nach Angriffen auf die Gasanlagen von Ras Laffan
- Irak: Abschwächung um 6,8 Prozent
- Saudi-Arabien: verlangsamtes Wachstum, aber weiterhin Expansion mit 3,1 Prozent in 2026 und 4,5 Prozent im Folgejahr
Saudi-Arabien profitiert dabei von alternativen Exportwegen wie der East-West-Pipeline, die Öl vom Persischen Golf zum Roten Meer transportieren kann.
China schwächer, Russland profitiert
Auch China spürt laut IWF die Folgen des Konflikts. Die Wachstumsprognose für 2026 wurde leicht auf 4,4 Prozent gesenkt, nachdem im Januar noch 4,5 Prozent erwartet worden waren. Für 2027 bleibt die Prognose bei vier Prozent.
Eine bemerkenswerte Ausnahme ist Russland. Die russische Wirtschaft dürfte nach IWF-Einschätzung in diesem Jahr und 2027 jeweils um 1,1 Prozent wachsen – stärker als bislang angenommen. Grund dafür sind vor allem die gestiegenen Energiepreise.
Im März hatte US-Präsident Donald Trump Beschränkungen für russische Ölexporte aufgehoben, als die Weltmarktpreise stark anzogen. Zudem wurden Sanktionen auf 140 Millionen Barrel iranisches Öl vorübergehend für 30 Tage gelockert.
Der EU-Kommissar für Wirtschaft, Valdis Dombrovskis, warnte deshalb eindringlich davor, den Druck auf Russland zu reduzieren. Russland gehe aus diesem Krieg wirtschaftlich als Gewinner hervor, sagte er am Rande des IWF-Treffens in Washington.
„Die Energiepreise steigen, und das verschafft Russlands Kriegsmaschine zusätzliche Einnahmen“, so Dombrovskis. „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, den Druck auf Russland zu verringern.“
Fazit
Die Aussagen von Scott Bessent verdeutlichen die Haltung der US-Regierung: Wirtschaftliche Schäden werden in Kauf genommen, wenn sie aus Sicht Washingtons einem größeren sicherheitspolitischen Ziel dienen. Der IWF hingegen warnt eindringlich vor den globalen Folgen eines lang anhaltenden Krieges – von Inflation und Arbeitslosigkeit bis hin zu einer möglichen Rezession.
Ob sich die Weltwirtschaft stabilisieren kann, hängt nun vor allem davon ab, wie lange der Konflikt andauert und ob die Energieversorgung über den Nahen Osten in den kommenden Monaten wieder verlässlich funktioniert.
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