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Berlin vor der Wahl 2026: Wer kann diese Stadt überhaupt noch regieren?

Anthony-X (CC0), Pixabay
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Das große Dossier zur Abgeordnetenhauswahl: Kandidaten, Umfragen, Programme und die schwierige Koalitionsfrage

Berlin steht unmittelbar vor einer der ungewöhnlichsten Abgeordnetenhauswahlen der vergangenen Jahrzehnte.

Am 20. September 2026 entscheiden die Berlinerinnen und Berliner über ein neues Abgeordnetenhaus. 17 Parteien treten mit Landes- oder Bezirkslisten an.

Doch diesmal geht es nicht einfach um die Frage, ob Schwarz-Rot weiterregiert.

Nach den jüngsten Umfragen reicht es für CDU und SPD zusammen deutlich nicht mehr. Gleichzeitig liegen gleich vier Parteien – CDU, Linke, AfD und Grüne – vergleichsweise dicht beieinander.

Damit könnte nach dem Wahlabend eine Situation entstehen, in der nicht die stärkste Partei automatisch bestimmt, wer regiert, sondern die Fähigkeit, zwei oder sogar drei Parteien miteinander zu verbinden.

Berlin könnte deshalb nach dem 20. September weniger ein Wahlgewinner- als ein Koalitionsproblem haben.

Die Ausgangslage: Schwarz-Rot hat seine Mehrheit verloren

Seit 2023 wurde Berlin von CDU und SPD regiert. Bei der Wiederholungswahl 2023 erreichte die CDU 28,2 Prozent, SPD und Grüne jeweils 18,4 Prozent, die Linke 12,2 Prozent und die AfD 9,1 Prozent.

2026 sieht die politische Landschaft vollkommen anders aus.

Die CDU hat deutlich verloren.

Die SPD ist massiv geschwächt.

Die Linke hat erheblich zugelegt.

Die AfD liegt ungefähr doppelt so hoch wie bei der Wiederholungswahl 2023.

Und die Grünen halten sich trotz Verlusten im Bereich um 16 Prozent.

Die Folge:

Die bisherige Zweierkoalition aus CDU und SPD erreicht nach den aktuellen Umfragen keine parlamentarische Mehrheit mehr.

Die letzten Umfragen vor der Wahl

Wie offen das Rennen ist, zeigen die jüngsten Erhebungen.

Civey vom 14. September:

CDU 20 Prozent
Linke 19 Prozent
AfD 18 Prozent
Grüne 16 Prozent
SPD 13 Prozent
BSW 4 Prozent
FDP 3 Prozent

INSA vom 14. September:

CDU 20 Prozent
Linke 20 Prozent
AfD 18 Prozent
Grüne 16 Prozent
SPD 12 Prozent
BSW 5 Prozent
FDP 3 Prozent

Forschungsgruppe Wahlen/ZDF vom 11. September:

Linke 23 Prozent
CDU 21 Prozent
AfD 17 Prozent
Grüne 16 Prozent
SPD 10 Prozent
BSW 3 Prozent

Infratest dimap/ARD vom 10. September:

Linke 21 Prozent
CDU 20 Prozent
AfD 18 Prozent
Grüne 16 Prozent
SPD 12 Prozent
BSW 4 Prozent.

Die Werte zeigen vor allem eines: Es gibt keinen belastbaren eindeutigen Spitzenreiter. Umfragen sind Momentaufnahmen und weisen statistische Unsicherheiten auf. Bei der Infratest-dimap-Erhebung vom 7. bis 9. September wurden 1.527 Wahlberechtigte befragt; die angegebene Schwankungsbreite beträgt je nach Anteilswert etwa zwei bis drei Prozentpunkte.

Damit liegen die Abstände zwischen CDU und Linken in mehreren Erhebungen innerhalb beziehungsweise nahe dieser Fehlertoleranz.

Ein historisch ungewöhnlicher Vierkampf

Politisch interessanter als die Frage nach Platz eins ist deshalb die Struktur dahinter.

Vier Parteien bewegen sich ungefähr zwischen 16 und 23 Prozent:

Linke, CDU, AfD und Grüne.

Dahinter liegt die SPD teilweise nur noch bei zehn bis 13 Prozent.

BSW und FDP kämpfen um den Einzug ins Parlament.

Das macht die Regierungsbildung kompliziert.

Denn selbst wenn eine Partei am Wahlabend 22 oder 23 Prozent erreicht, fehlen ihr noch sehr viele Mandate zur absoluten Mehrheit.

Berlin wird deshalb aller Voraussicht nach Koalitionsverhandlungen benötigen, in denen große programmatische Gegensätze überwunden werden müssen.

Die Spitzenkandidaten

Stefan Evers – CDU

Der Wechsel an der Spitze der CDU war eine der großen Veränderungen dieses Wahlkampfes.

Nicht der bisherige Regierende Bürgermeister Kai Wegner führt die CDU in die Wahl, sondern Stefan Evers.

Evers ist Finanz- und Kultursenator und übernahm die Spitzenkandidatur, nachdem Wegner im Juli auf eine erneute Kandidatur verzichtete.

Politisch steht Evers für einen eher klassischen großstädtischen CDU-Kurs: Sicherheit und Ordnung, wirtschaftliches Wachstum, funktionierende Verwaltung, schnelleres Bauen und eine stärkere Eigentumsförderung.

Bei der Wohnungspolitik setzt die CDU auf Neubau und Kooperation mit privaten Wohnungsunternehmen.

Die Vergesellschaftung beziehungsweise Enteignung großer Wohnungsunternehmen lehnt sie ab.

Auch beim Tempelhofer Feld bestehen erhebliche Unterschiede zu Linken und Grünen: Evers will dort Wohnungsbau ermöglichen.

Bei Verkehr und innerer Sicherheit liegt die CDU ebenfalls deutlich weiter rechts beziehungsweise konservativer als Grüne und Linke.

Evers hat eine Zusammenarbeit mit der AfD ausdrücklich ausgeschlossen.

Damit befindet sich die CDU in einem strategischen Dilemma:

Wenn Schwarz-Rot keine Mehrheit besitzt und AfD sowie Linke als Partner ausscheiden, bleiben für eine CDU-geführte Regierung vor allem die Grünen und die SPD als mögliche Partner.

Elif Eralp – Die Linke

Die große Überraschung des Wahljahres ist die Stärke der Linken.

Ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp ist Juristin, Abgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Die Linke nominierte sie als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin.

Eralp setzt vor allem auf die soziale Frage.

Das zentrale Thema ist Wohnen.

Die Linke fordert unter anderem einen zunächst einjährigen Mietenstopp bei landeseigenen Wohnungsunternehmen und anschließend eine Begrenzung von Mieterhöhungen auf höchstens ein Prozent jährlich.

Außerdem sollen jährlich 7.500 kommunale Wohnungen entstehen.

Vor allem aber will die Partei den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ umsetzen und große private Wohnungsbestände vergesellschaften.

Damit liegt zwischen Linken und CDU in der Wohnungspolitik ein fundamentaler Konflikt.

CDU:

mehr bauen, private Investoren einbeziehen, keine Vergesellschaftung.

Linke:

stärkere staatliche Regulierung, kommunaler Wohnungsbau und Umsetzung der Vergesellschaftung.

Eine Koalition zwischen beiden Parteien wäre deshalb nicht nur politisch, sondern auch programmatisch mit sehr großen Hürden verbunden.

Werner Graf und Bettina Jarasch – Grüne

Die Grünen treten mit einem Spitzenduo an.

Bettina Jarasch steht auf Platz eins der Landesliste, während Werner Graf Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters ist.

Graf vertritt einen sozial-ökologischen Kurs.

Die Schwerpunkte liegen auf bezahlbarem Wohnen, Klimaschutz, sicherer Mobilität und gesellschaftlicher Liberalität.

Verkehrspolitisch liegen die Grünen deutlich näher an Linken und SPD als an der CDU.

Beim Klimaschutz bestehen ebenfalls größere Schnittmengen mit Linken und SPD.

Bei wirtschaftspolitischen Fragen sind Kompromisse mit der CDU dagegen grundsätzlich vorstellbar.

Doch Graf hat vor der Wahl eine klare politische Präferenz ausgesprochen:

Er möchte lieber mit SPD und Linken regieren und die CDU in die Opposition schicken.

Das ist für die Koalitionsbildung von erheblicher Bedeutung.

Denn ohne die Grünen wird eine CDU-geführte Mehrheit nach den gegenwärtigen Umfragen sehr schwierig.

Steffen Krach – SPD

Steffen Krach führt die SPD in eine Wahl, die für die traditionsreiche Berliner Regierungspartei ausgesprochen schwierig geworden ist.

Die SPD regiert Berlin seit Jahrzehnten mit – seit 1989 war sie durchgehend Teil der Landesregierung. 2026 liegt sie in den Umfragen jedoch teilweise nur noch bei zehn bis 13 Prozent.

Krach versucht, die SPD stärker über Bezahlbarkeit, funktionierende Verwaltung, soziale Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau zu profilieren.

Das Wahlprogramm trägt den Titel „Wieder Berlin“.

Die SPD verbindet dabei eine klassische soziale Wohnungspolitik mit dem Anspruch, gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum und höhere Löhne zu fördern.

Hinzu kommen eine Verwaltungsreform, mehr Investitionen in Infrastruktur, eine stärkere Krisenvorsorge sowie das Ziel einer familienfreundlicheren Stadt.

Politisch könnte die SPD trotz ihres schwachen Umfragewertes nach der Wahl eine zentrale Rolle bekommen.

Denn sie besitzt grundsätzlich Anschlussmöglichkeiten sowohl zu CDU und Grünen als auch zu Linken und Grünen.

Damit könnte ausgerechnet eine deutlich geschwächte SPD zum notwendigen dritten Partner verschiedener Mehrheiten werden.

Kristin Brinker – AfD

Die AfD tritt mit ihrer Landes- und Fraktionsvorsitzenden Kristin Brinker an.

Brinker ist Architektin, promovierte zum Thema Wohnen und ist haushalts- und finanzpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Die AfD setzt in ihrem Berliner Programm unter anderem auf eine restriktivere Haushalts-, Migrations- und Sicherheitspolitik. Brinker fordert deutliche Einsparungen bei politischen Projekten, die ihre Partei für nicht zu den staatlichen Kernaufgaben gehörend hält.

Bemerkenswert ist ihre Ausgangslage:

Die AfD liegt in mehreren aktuellen Umfragen bei 17 oder 18 Prozent und damit teilweise nur wenige Punkte hinter CDU und Linken.

Für die Regierungsbildung ist allerdings entscheidend, dass andere Parteien eine Zusammenarbeit ablehnen; CDU-Spitzenkandidat Evers hat dies für seine Partei ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Mandate der AfD könnten deshalb die Bildung anderer Mehrheiten rechnerisch erheblich erschweren, ohne dass daraus automatisch eine Regierungsbeteiligung folgt.

Christoph Meyer – FDP

Die FDP schickt Christoph Meyer ins Rennen.

Der frühere Bundestagsabgeordnete und Berliner FDP-Landesvorsitzende setzt stark auf Wirtschaft, Eigentum, Bürokratieabbau und eine effizientere Verwaltung.

Das liberale Programm steht unter dem Leitmotiv „Frei, stark und sauber“.

Die FDP will Unternehmensgründungen erleichtern, Bürokratie reduzieren, schneller bauen und Eigentumsbildung fördern.

Das unmittelbare Problem ist allerdings die Fünf-Prozent-Hürde.

In den jüngsten Umfragen liegt die FDP ungefähr bei drei Prozent und müsste deshalb deutlich zulegen, um wieder ins Abgeordnetenhaus einzuziehen.

Sollte sie dennoch einziehen, würde sie die Koalitionsarithmetik verändern.

Alexander King und Michael Lüders – BSW

Das BSW tritt erstmals bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl an.

Zu seinem Spitzenpersonal gehören Alexander King und Michael Lüders. King sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus und beschäftigt sich unter anderem mit Wirtschafts-, Energie-, Medien- und Europapolitik.

Das BSW verbindet wirtschafts- und sozialpolitisch eher linke Forderungen mit restriktiveren Positionen bei Migration und gesellschaftspolitischen Fragen.

In der Wohnungspolitik fordert es unter anderem einen Ausbau des öffentlichen Wohnungsbestandes und einen bundesweiten Mietendeckel.

Auch hier entscheidet zunächst die Fünf-Prozent-Hürde.

Die jüngsten Institute sehen das BSW zwischen drei und fünf Prozent.

Das bedeutet:

Ob BSW und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern oder ins Parlament gelangen, kann die Sitzverteilung erheblich verändern.

Die Programme: Wo liegen die entscheidenden Konfliktlinien?

1. Wohnen – der größte Koalitionskonflikt

Beim wichtigsten Berliner Thema verläuft eine deutliche Trennlinie.

CDU und FDP setzen stärker auf Neubau, Beschleunigung von Genehmigungen, private Investitionen und Eigentumsförderung.

Linke setzt wesentlich stärker auf staatliche Eingriffe, kommunalen Wohnungsbau, Mietbegrenzungen und Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen.

Grüne und SPD liegen dazwischen beziehungsweise weisen bei Mieterschutz und öffentlichem Wohnungsbau größere Schnittmengen mit der Linken auf, verbinden dies aber stärker mit Neubau.

Das macht Wohnen zum größten Hindernis für eine Zusammenarbeit zwischen CDU und Linken.

Bei CDU und Grünen wären schwierige Kompromisse nötig.

Bei Linken, Grünen und SPD bestehen dagegen deutlich größere programmatische Überschneidungen.

2. Verkehr – hier wird es für Schwarz-Grün schwierig

Auch beim Verkehr liegen CDU und Grüne weit auseinander.

Die CDU möchte den Straßenverkehr weniger beschränken, mehr in Straßen investieren und gleichzeitig das Radwegenetz verbessern.

Die Grünen setzen stärker auf öffentlichen Verkehr, Rad- und Fußverkehr und eine klimapolitische Umgestaltung des Verkehrsraums.

Die Linke steht in vielen Fragen näher bei den Grünen.

Die SPD befindet sich wiederum häufiger zwischen beiden Lagern.

Gerade Themen wie A100, Parkraum, Radwege und Tempelhofer Feld können deshalb in Koalitionsverhandlungen zu schwierigen Punkten werden.

3. Sicherheit

Hier existieren ebenfalls deutliche Unterschiede.

CDU und AfD setzen besonders stark auf Polizei, Überwachung und einen restriktiveren ordnungspolitischen Kurs.

SPD steht für eine Kombination aus Sicherheitsbehörden und Prävention.

Grüne und Linke legen stärkeres Gewicht auf Bürgerrechte und Prävention und stehen einer Ausweitung von Überwachung kritischer gegenüber.

Gerade KI-gestützte Videoüberwachung zeigt diese Unterschiede deutlich.

Für CDU und Grüne wäre Sicherheit deshalb ein schwieriges, aber grundsätzlich verhandelbares Feld.

Zwischen CDU und Linken wäre der Abstand größer.

4. Wirtschaft und Verwaltung

Hier existieren überraschend viele mögliche Brücken.

Nahezu alle größeren Parteien erkennen an, dass die Berliner Verwaltung schneller und digitaler werden muss.

CDU, FDP, SPD und Grüne unterscheiden sich zwar bei den Instrumenten, aber weniger bei der Diagnose:

Genehmigungen dauern zu lange.

Zuständigkeiten sind kompliziert.

Digitalisierung muss vorankommen.

Berlin braucht Investitionen.

Gerade bei Verwaltungsmodernisierung könnte deshalb ein gemeinsames Kapitel eines Koalitionsvertrages vergleichsweise leicht entstehen.

5. Klima

Hier verläuft die Konfliktlinie erneut deutlich.

Grüne und Linke wollen den ökologischen Umbau stärker politisch steuern.

Die CDU setzt stärker auf Technologie, Innovation und wirtschaftliche Anreize.

Die SPD liegt zwischen beiden Ansätzen.

Damit wäre eine rot-grün-rote beziehungsweise linke-grün-rote Koalition programmatisch einfacher zusammenzubringen als CDU und Grüne.

Allerdings bedeutet programmatische Nähe nicht automatisch, dass alle Finanzierungsfragen einfach lösbar wären.

Welche Koalitionen wären rechnerisch und politisch denkbar?

Entscheidend ist: Umfragen werden nicht in Sitze eins zu eins übersetzt. Parteien unter fünf Prozent verändern die Sitzanteile der Parteien, die ins Abgeordnetenhaus gelangen. Direktmandate und die endgültige Stimmenverteilung spielen ebenfalls eine Rolle.

Deshalb lässt sich drei Tage vor der Wahl seriös nur mit Szenarien, nicht mit einer sicheren künftigen Mehrheit arbeiten.

Linke + Grüne + SPD

Nach mehreren aktuellen Umfragen hätte dieses Bündnis eine parlamentarische Mehrheit.

Programmatisch bestehen vor allem bei Mieterschutz, Sozialpolitik, Klimaschutz, öffentlichem Verkehr und gesellschaftspolitischen Fragen beträchtliche Überschneidungen.

Konflikte gäbe es beispielsweise bei Details der Wohnungspolitik, Finanzierung, Enteignungsfragen und einzelnen Verkehrsprojekten.

Grünen-Kandidat Werner Graf hat eine Präferenz für ein Bündnis mit SPD und Linken öffentlich erklärt.

Diese Konstellation ist deshalb sowohl rechnerisch als auch programmatisch eine der Konstellationen, die nach dem aktuellen Umfragestand verhandlungsfähig erscheinen.

CDU + Grüne + SPD

Auch dieses Dreierbündnis erreicht in aktuellen Umfragemodellen eine Mehrheit.

Hier wäre die SPD das Bindeglied.

Die schwierigsten Verhandlungen dürften zwischen CDU und Grünen stattfinden.

Wohnen.

Verkehr.

Klimaschutz.

Tempelhofer Feld.

A100.

Innere Sicherheit.

Auf diesen Feldern liegen die Parteien teilweise deutlich auseinander.

Gleichzeitig gibt es Schnittmengen bei Verwaltungsmodernisierung, Digitalisierung, Wohnungsneubau und Wirtschaftsförderung.

Politisch kommt hinzu, dass Werner Graf eine Fortsetzung einer Regierung mit CDU-Beteiligung derzeit nicht bevorzugt.

Damit wäre diese Kombination rechnerisch möglich, politisch aber mit erheblichen Verhandlungen verbunden.

CDU + SPD

Die bisherige Regierung ist nach den gegenwärtigen Umfragen zu klein.

Bei beispielsweise 20 Prozent CDU und zwölf Prozent SPD wären das zusammen nur 32 Prozent der Stimmen.

Eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Zweierbündnis ist daher nach den derzeitigen Erhebungen rechnerisch nicht in Reichweite.

CDU + Grüne

Auch Schwarz-Grün allein dürfte nach den gegenwärtigen Zahlen keine Mehrheit erreichen.

Bei ungefähr 20 plus 16 Prozent fehlen erhebliche Stimmenanteile.

Deshalb würde wahrscheinlich ein dritter Partner benötigt.

Linke + Grüne

Dasselbe Problem auf der anderen Seite.

Selbst bei starken Linken und Grünen reichen beispielsweise 23 plus 16 Prozent nicht für eine Mehrheit.

Auch hier wäre ein dritter Partner erforderlich.

CDU + Linke

Rechnerisch könnte eine solche Kombination je nach Wahlausgang interessant werden.

Politisch und programmatisch liegen jedoch erhebliche Hindernisse vor.

Bei Wohnen, Vergesellschaftung, Verkehr, Sicherheit und Wirtschaftsordnung bestehen große Differenzen.

Evers hat sich zudem im Wahlkampf äußerst deutlich gegen eine Zusammenarbeit mit der Berliner Linken positioniert.

Deshalb ist diese Variante nach den derzeit öffentlich vertretenen Positionen politisch stark belastet.

Eine Koalition unter Beteiligung der AfD

Rechnerisch könnte die AfD bei 17 oder 18 Prozent natürlich Teil verschiedener theoretischer Mehrheiten sein.

Politisch ist jedoch entscheidend, dass potenzielle Partner eine Zusammenarbeit ablehnen; für die CDU hat Evers dies ausdrücklich ausgeschlossen.

Eine bloße Addition der Prozentwerte würde deshalb die politischen Voraussetzungen einer Regierungsbildung nicht angemessen abbilden.

Die SPD könnte trotz historischer Schwäche zum Machtfaktor werden

Das ist eines der bemerkenswertesten Ergebnisse dieser Wahlkonstellation.

Die SPD könnte eines ihrer schwächsten Berliner Ergebnisse überhaupt erzielen und gleichzeitig für mehrere Koalitionsmodelle benötigt werden.

Auf der einen Seite:

Linke + Grüne + SPD.

Auf der anderen:

CDU + Grüne + SPD.

Damit könnte Steffen Krach nach der Wahl eine strategisch wichtige Rolle zukommen, obwohl seine Partei möglicherweise nur halb so stark wird wie CDU oder Linke.

Das ist parlamentarische Arithmetik:

Nicht nur Größe schafft Einfluss.

Manchmal ist es die Position zwischen mehreren Lagern.

Und die Grünen könnten den Ausschlag geben

Noch stärker gilt dies für die Grünen.

Sollten BSW und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und die aktuellen Kräfteverhältnisse ungefähr bestehen bleiben, führen viele politisch denkbare Mehrheitsmodelle über sie.

Die Grünen könnten dann entscheiden müssen, welche inhaltlichen Kompromisse sie für eine Regierungsbildung akzeptieren:

mit Linken und SPD auf der einen oder mit CDU und SPD auf der anderen Seite.

Allerdings hat Werner Graf seine Präferenz zugunsten eines Bündnisses mit SPD und Linken bereits öffentlich gemacht.

Die Unbekannte heißt Fünf-Prozent-Hürde

BSW und FDP verdienen deshalb besondere Aufmerksamkeit.

Die FDP liegt aktuell überwiegend unter fünf Prozent.

Beim BSW schwanken die jüngsten Werte zwischen drei und fünf Prozent.

Schon ein kleiner Unterschied kann enorme Auswirkungen haben.

Scheitern beide Parteien, werden ihre Stimmen bei der Sitzverteilung nicht auf die im Parlament vertretenen Parteien verteilt; dadurch steigt faktisch deren relativer Sitzanteil.

Schafft dagegen beispielsweise das BSW den Einzug, werden Mehrheiten für Dreierbündnisse enger.

Deshalb kann am Wahlabend die scheinbar nebensächliche Frage, ob eine Partei 4,9 oder 5,1 Prozent erreicht, für die Regierungsbildung wichtiger werden als ein Prozentpunkt Unterschied zwischen CDU und Linken.

Wer will mit wem?

Kurz vor der Wahl lassen sich die politischen Lager deshalb ungefähr folgendermaßen beschreiben:

CDU: AfD ausgeschlossen; Zusammenarbeit mit Linken politisch stark abgelehnt; für eine realistische Mehrheit wären insbesondere Grüne und SPD relevant.

Grüne: Werner Graf bevorzugt SPD und Linke und möchte die CDU in die Opposition schicken.

Linke: programmatisch bestehen die größten Schnittmengen mit Grünen und SPD.

SPD: besitzt programmatische Schnittmengen sowohl mit CDU als auch mit Grünen und Linken und könnte deshalb zum Scharnier werden.

AfD: hohe Umfragewerte, aber geringe Aussicht auf Koalitionspartner, weil andere relevante Parteien eine Zusammenarbeit ablehnen beziehungsweise politisch ausschließen.

BSW und FDP: Zunächst entscheidet der Einzug ins Parlament darüber, ob sie für Koalitionsarithmetik überhaupt relevant werden.

Was bedeutet das alles für Berlin?

Berlin könnte am 20. September einen Wahlabend erleben, an dem drei Fragen nacheinander beantwortet werden müssen.

Zuerst:

Wer wird stärkste Partei – CDU oder Linke?

Dann:

Wer schafft überhaupt den Einzug ins Abgeordnetenhaus?

Und erst danach:

Welche Parteien können und wollen miteinander regieren?

Die dritte Frage könnte die schwierigste werden.

Denn der Wahlkampf hat einige Gräben vertieft.

Bei Wohnen stehen Vergesellschaftung und stärkere Regulierung auf der einen sowie Neubau, Eigentumsförderung und Kooperation mit privaten Unternehmen auf der anderen Seite.

Beim Verkehr stehen sich unterschiedliche Vorstellungen über Auto, Rad, ÖPNV und Straßenbau gegenüber.

Beim Klimaschutz unterscheiden sich Geschwindigkeit und Instrumente.

Bei Sicherheit und Migration sind die Differenzen teilweise erheblich.

Und trotzdem müssen nach der Wahl wahrscheinlich drei Parteien einen gemeinsamen Koalitionsvertrag schreiben.

Fazit: Berlin wählt – aber die eigentliche Entscheidung könnte danach fallen

Die Abgeordnetenhauswahl 2026 ist deshalb weniger übersichtlich, als es die Frage nach dem ersten Platz vermuten lässt.

Die jüngsten Umfragen zeigen keinen eindeutigen Sieger.

Infratest dimap sieht die Linke knapp vor der CDU.

Die Forschungsgruppe Wahlen sieht ebenfalls die Linke vorne.

INSA sieht beide gleichauf.

Civey sieht die CDU knapp vorne.

AfD und Grüne folgen mit vergleichsweise geringem Abstand.

Die SPD liegt deutlich dahinter.

BSW und FDP kämpfen um die Fünf-Prozent-Hürde.

Das bedeutet:

Selbst wenn am Wahlabend feststeht, wer die meisten Stimmen bekommen hat, steht noch lange nicht automatisch fest, wer Berlin künftig regiert.

Nach den aktuellen Zahlen sind insbesondere zwei Dreiermodelle rechnerisch relevant:

Linke – Grüne – SPD

und

CDU – Grüne – SPD.

Welche davon politisch zustande kommen könnte, hängt nicht nur von den Mandaten ab, sondern von Koalitionsaussagen und davon, welche programmatischen Kompromisse die Parteien nach der Wahl tatsächlich eingehen.

Damit könnte ausgerechnet die geschwächte SPD zum Scharnier werden.

Und die Grünen könnten vor einer grundlegenden Richtungsentscheidung stehen.

Die Berlinerinnen und Berliner entscheiden am 20. September über die Stärke der Parteien.

Welche dieser Parteien anschließend tatsächlich gemeinsam einen Senat bilden, wird erst in den Koalitionsverhandlungen entschieden.

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