Kaum hat das Schweizer Parlament das AKW-Neubauverbot gekippt, herrscht in Teilen Europas gefühlt wieder Endzeitstimmung. Während in Bern zunächst lediglich beschlossen wurde, dass man über neue Kernkraftwerke künftig überhaupt wieder nachdenken darf, klingt es jenseits der Grenzen bereits so, als würde morgen früh der erste Reaktor zwischen Kuhweide und Käsefondue hochgezogen.
Vor allem in Österreich laufen die Geigerzähler offenbar schon im Stand-by-Modus. Dort sprechen Politiker von einem „fatalen Signal“, einer „massiven Bedrohung“ und einer „atomaren Sackgasse“. Übersetzt heißt das: Die Schweiz hat noch keinen Bauantrag gestellt, aber Wien protestiert vorsorglich schon einmal gegen das Richtfest.
Besonders pikant: Österreich produziert zwar selbst keinen Atomstrom, importiert aber seit Jahren regelmäßig Elektrizität aus Ländern, die ihre Steckdosen durchaus mit Kernenergie füttern. Hauptsache, die Kilowattstunden tragen auf der Rechnung keinen gelben Strahlenaufkleber.
Auch in Vorarlberg malt man bereits düstere Szenarien. Dort befürchtet man offenbar, dass die Schweiz demnächst jedes Bergdorf mit einem Mini-Reaktor ausstattet. Der Bodensee könnte nach dieser Logik bald als Kühlwasserreservoir dienen und das Matterhorn nachts dezent blau leuchten.
In Deutschland meldeten sich selbstverständlich ebenfalls die üblichen Verdächtigen zu Wort. Dort war von einer „nuklearen Nebelkerze“ die Rede. Dabei ist der Nebel in der Debatte vermutlich das Einzige, was tatsächlich kurzfristig entsteht. Denn selbst Experten weisen darauf hin, dass ein neues Schweizer AKW frühestens um das Jahr 2050 ans Netz gehen könnte – vorausgesetzt, bis dahin überleben sämtliche Volksabstimmungen, Einsprachen, Umweltgutachten, Gerichtsverfahren und vermutlich auch noch drei Generationen von Politikern.
Mit anderen Worten: Wer heute gegen ein Schweizer AKW demonstriert, protestiert möglicherweise gegen eine Baustelle, deren Grundstein seine Enkel vielleicht einmal feierlich begutachten dürfen.
International wird derweil fleißig berichtet. Während manche Medien bereits von einer nuklearen Renaissance sprechen, bleibt die Realität deutlich bodenständiger: Das Parlament hat lediglich ein Verbot aufgehoben. Ob jemals tatsächlich ein neues Kernkraftwerk gebaut wird, weiß derzeit niemand – vermutlich nicht einmal die Schweizer selbst.
Bis dahin bleibt alles wie immer: Die einen warnen vor dem Weltuntergang, die anderen vor der Stromlücke. Und irgendwo dazwischen sitzt ein Schweizer Ingenieur, der sich denkt: „Vielleicht planen wir erst einmal. Bis zur ersten Betonlieferung ist ohnehin noch genug Zeit für mindestens fünf Volksabstimmungen und sieben Referenden.“
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