Für David und Ally war es Liebe auf den ersten Blick. Als sie den kleinen Marcus zum ersten Mal sahen, waren sie überzeugt: Dieses Kind gehört zu uns. Nach mehreren schmerzhaften Fehlgeburten und einer langen Wartezeit auf eine Adoption in Singapur hatten sie sich an eine Agentur gewandt, die Adoptionen von Babys aus Indonesien vermittelte. Wenige Monate später hielten sie Marcus in den Armen.
Doch Jahre später steht die Familie vor einer quälenden Ungewissheit. Marcus könnte eines von mindestens 20 Babys sein, die mutmaßlich illegal in Indonesien gekauft und zur Adoption nach Singapur gebracht wurden. In Westjava stehen inzwischen 19 Menschen wegen des Verdachts auf Menschenhandel vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, Kinder beschafft, Dokumente gefälscht und die Babys ins Ausland vermittelt zu haben.
Für David und Ally ist die Situation kaum auszuhalten. Die Behörden haben ihnen nach eigenen Angaben noch nicht offiziell bestätigt, dass Marcus zu den betroffenen Kindern gehört. Doch Recherchen zeigen Hinweise: In Gerichtsunterlagen taucht sein indonesischer Name auf, zudem soll eine der Angeklagten in seinen Adoptionspapieren fälschlich als biologische Mutter geführt worden sein.
Das Paar fühlt sich vom System im Stich gelassen. Die Adoption in Singapur war damals genehmigt worden. Erst beim Antrag auf Staatsbürgerschaft sei ihnen mitgeteilt worden, dass Marcus möglicherweise Opfer von Kinderhandel geworden sei. David wirft den Behörden vor, die nötigen Prüfungen nicht ausreichend vorgenommen zu haben. Sie selbst hätten den offiziellen Prozess befolgt und darauf vertraut, dass die zuständigen Stellen die Rechtmäßigkeit der Adoption überprüften.
Im Zentrum des mutmaßlichen Netzwerks steht laut Anklage eine Indonesierin namens Lie Siu Luan. Sie soll Babys an Kontakte in Singapur vermittelt haben, die dafür mindestens 18.000 Singapur-Dollar pro Kind gezahlt haben sollen. Den Ermittlungen zufolge wurden Eltern über soziale Medien angesprochen, Dokumente gefälscht und teils Personen als biologische Eltern ausgegeben, die es tatsächlich nicht waren.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein größeres Problem in Indonesien. Kinderrechtsaktivisten sprechen von einem wachsenden Schwarzmarkt für Babys. Armut, fehlende Unterstützung für Mütter, gesellschaftliche Stigmatisierung unehelicher Kinder und mangelnde staatliche Schutzangebote treiben manche Eltern offenbar dazu, ihre Kinder abzugeben oder zu verkaufen. Gleichzeitig nutzen mutmaßliche Vermittler soziale Medien, um schwangeren Frauen oder überforderten Familien scheinbar einfache Lösungen anzubieten.
Für die betroffenen Kinder bleibt die entscheidende Frage offen: Sollen sie bei ihren Adoptiveltern in Singapur bleiben oder zu ihren leiblichen Eltern nach Indonesien zurückkehren? Indonesische Vertreter und Aktivisten betonen grundsätzlich das Recht der Kinder auf Rückkehr zu ihren biologischen Familien. Fachleute warnen jedoch, dass ein erneuter Beziehungsabbruch für Kleinkinder schwere psychische Folgen haben kann, vor allem wenn sie bereits den Großteil ihres Lebens bei ihren Adoptiveltern verbracht haben.
Beide Staaten haben bisher nicht klar gesagt, wie es mit Marcus und den anderen Kindern weitergeht. Singapur kündigte eine Überprüfung der Adoptionsverfahren an. Indonesien erklärte, man werde sich am Kindeswohl orientieren.
David und Ally wollen ihren Sohn nicht aufgeben. Sollte Marcus tatsächlich nach Indonesien zurückkehren müssen, wolle er versuchen, ihn dort auf legalem Weg erneut zu adoptieren, sagt David. Für ihn steht fest: Er wird um das Kind kämpfen, das er längst als seinen Sohn betrachtet.
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