Vor 60 Jahren hob die „Enterprise“ erstmals ab – zumindest im Fernsehen. Captain Kirk, Mr. Spock und Scotty flogen in unendliche Weiten, begegneten merkwürdig gekleideten Außerirdischen und lösten galaktische Krisen bevorzugt mit Diplomatie, Logik oder einem beherzten Doppelfaustschlag.
Zum Jubiläum herrscht im „Star Trek“-Universum allerdings weniger Feierlaune als auf einer klingonischen Steuerprüfung. Die aktuellen Serien wurden eingestellt, ein weiterer Kinofilm befindet sich irgendwo im Nebel der Formulierung „in Planung“, und die Fans fragen sich, ob die Zukunft ausgerechnet an den Programmplanern scheitert.
Als „Star Trek“ 1966 startete, leuchteten die Uniformen in kräftigem Rot, Blau und Gold – sofern man zu den wenigen Glücklichen mit Farbfernseher gehörte. Einmal pro Woche reiste das Publikum ins Jahr 2266, wo Raumschiffe schneller als das Licht flogen, Computer auf Sprache reagierten und Videotelefonie völlig selbstverständlich war. Nur bei den Frisuren blieb die Zukunft erstaunlich konservativ.
Erfinder Gene Roddenberry verkaufte die Serie als „Western im Weltraum“. Das überzeugte den Sender NBC zunächst ungefähr so sehr wie ein Ferengi mit einem Sonderangebot. Erst nach einer zweiten Pilotfolge durfte die „Enterprise“ tatsächlich starten.
Auf der Brücke versammelte Roddenberry eine für die 1960er-Jahre bemerkenswert vielfältige Mannschaft. William Shatner spielte Captain James T. Kirk, einen Mann, der fremde Planeten grundsätzlich so betrat, als gehörten sie bereits zu seinem Vorgarten. Leonard Nimoy gab den Vulkanier Spock, der konsequent logisch dachte und damit im Fernsehen fast exotischer wirkte als seine spitzen Ohren.
Gerade diese Ohren bereiteten dem Sender Sorgen. Man fürchtete, Werbekunden könnten von Spocks teuflisch wirkender Silhouette verschreckt werden. Auf frühen Werbebildern wurden sie deshalb kurzerhand abgerundet. Selbst im 23. Jahrhundert begann die größte Herausforderung offenbar in der Marketingabteilung.
Neben Kirk und Spock wurden auch Schiffsarzt „Pille“ McCoy, Chefingenieur Scotty, Steuermann Sulu und der russische Navigator Chekov zu Kultfiguren. Ein Russe als verlässliches Besatzungsmitglied war mitten im Kalten Krieg keineswegs selbstverständlich.
Nichelle Nichols schrieb als Kommunikationsoffizierin Uhura Fernsehgeschichte. Sie war eine schwarze Frau in verantwortlicher Position auf der Kommandobrücke – und nicht bloß Dekoration am Rand. Ihr Kuss mit Captain Kirk war zwar nicht der erste Kuss zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann im Fernsehen, zählt aber bis heute zu den bekanntesten.
Hinter Pappfelsen, blinkenden Knöpfen und gelegentlich verdächtig nach Duschvorhang aussehenden Weltraumkulissen behandelte die Serie ernste Themen. Rassismus, Krieg, Vorurteile und Kapitalismus wurden in ferne Galaxien verlegt, damit man auf der Erde etwas entspannter darüber diskutieren konnte.
Die Sternenflotte war zwar eindeutig militärisch organisiert, doch ihre wirkungsvollsten Waffen waren Forschung, Mitgefühl und Verhandlungen. Falls das alles nicht half, folgte eine Gruppenschlägerei, bei der Kirk mit beiden Fäusten gleichzeitig zuschlug und trotzdem nie eine Krankschreibung benötigte.
Ende der 1980er-Jahre übernahm Patrick Stewart als Jean-Luc Picard das Kommando einer neuen „Enterprise“. Statt draufzuhauen, hielt Picard lieber eine ausführliche moralische Rede. Diese dauerte mitunter länger als manche Weltraumschlacht, war aber meistens erfolgreicher.
Passend zum Ende des Kalten Krieges wurden aus den früheren Erzfeinden, den Klingonen, schließlich Verbündete. Mit Worf diente sogar einer von ihnen in der Sternenflotte. Die Botschaft war klar: Frieden ist möglich – selbst mit Leuten, die bei jeder Familienfeier ein zeremonielles Kampfmesser mitbringen.
Einen neuen Angstgegner lieferte das Borg-Kollektiv. Halb Mensch, halb Maschine und vollständig ohne Sinn für Privatsphäre wollte es sämtliche Lebensformen assimilieren. Alle sprachen mit einer Stimme, Individualität war unerwünscht und Widerstand angeblich zwecklos. Was 1989 wie düstere Science-Fiction klang, erinnert heute verdächtig an eine schlecht moderierte Gruppenkonversation.
Auch Android Data suchte nach dem Wesen der Menschlichkeit. Obwohl er keine Gefühle hatte, bemühte er sich häufig überzeugender um menschliches Verhalten als die tatsächlichen Menschen an Bord. Zur Unterstützung schaffte er sich eine Katze an – eine wissenschaftlich bislang unterschätzte Methode zur Erforschung von Frustration und Zuneigung.
Nach Roddenberrys Tod 1991 bekam die heile Zukunft deutliche Risse. „Deep Space Nine“ erzählte von Besatzung, Widerstand und Wiederaufbau. „Voyager“ setzte erstmals eine Frau dauerhaft auf den Kapitänssessel und ließ Kathryn Janeway mit ihrer Mannschaft 70.000 Lichtjahre entfernt von der Erde stranden. Der Heimweg dauerte sieben Staffeln, was selbst die Deutsche Bahn ambitioniert gefunden hätte.
Im Kino traf zunächst Kirks alte Besatzung wieder zusammen. Mit jedem Film wurden die Abenteuer größer und die Uniformen offenbar etwas kleiner. Später übernahm Picards Mannschaft, bevor J. J. Abrams die bisherige Geschichte kurzerhand in eine neue Zeitlinie verschob. Viele Fans protestierten, die Kinokassen widersprachen.
In den vergangenen Jahren kehrte „Star Trek“ mit Serien wie „Discovery“ und „Strange New Worlds“ zurück. Die Themen blieben erstaunlich aktuell: Krieg, Extremismus, gesellschaftliche Spaltung und die Frage, ob die Menschheit irgendwann aus ihren Fehlern lernen könnte.
Gerade deshalb wirkt das Aus der aktuellen Serien bitter. Während Kriege, Klimakrise und politische Radikalisierung die Gegenwart bestimmen, könnte eine optimistische Zukunftsvision durchaus nützlich sein. „Star Trek“ behauptete schließlich nie, dass die Menschheit vernünftig sei. Nur, dass sie es eines Tages vielleicht werden könnte.
Bis ein neuer Film oder eine weitere Serie tatsächlich erscheint, bleiben die alten Folgen. Viele davon sind überraschend gut gealtert – abgesehen von einigen Kulissen, Kampfszenen und Planeten, die verdächtig oft wie derselbe kalifornische Steinbruch aussehen.
Die „Enterprise“ mag derzeit im Raumdock stehen. Doch nach sechs Jahrzehnten, zahlreichen Serien, Filmen, Zeitreisen und alternativen Universen wäre es ausgesprochen unlogisch, sie endgültig abzuschreiben. Wie jeder Trekkie weiß: In diesem Universum bleibt kaum jemand wirklich lange tot.
Kommentar hinterlassen