Mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten begann nicht nur die politische Trennung vom britischen Mutterland – auch sprachlich entwickelte sich Amerika zunehmend zu einer eigenständigen Nation. Aus dem einst gemeinsamen Englisch entstanden im Laufe von 250 Jahren zwei eng verwandte, aber in vielen Bereichen deutlich unterschiedliche Sprachvarianten.
Heute unterscheiden sich amerikanisches und britisches Englisch nicht nur in der Rechtschreibung und Aussprache, sondern auch im Wortschatz und in zahlreichen Redewendungen. Sprachwissenschaftler sehen darin einen wichtigen Bestandteil der amerikanischen Identität.
Jefferson erkannte den Wandel früh
Bereits der dritte US-Präsident Thomas Jefferson war überzeugt, dass ein unabhängiges Amerika auch eine eigene sprachliche Entwicklung benötigte. In einem Brief aus dem Jahr 1813 argumentierte er, dass neue Lebensbedingungen zwangsläufig neue Begriffe und Ausdrucksformen hervorbringen würden.
Für Jefferson war Sprache Ausdruck nationaler Eigenständigkeit. Die Vereinigten Staaten sollten nicht nur politisch, sondern langfristig auch sprachlich ihren eigenen Weg gehen.
Noah Webster prägt das amerikanische Englisch
Eine Schlüsselrolle spielte der Lexikograf Noah Webster. Mit seinen Wörterbüchern und Lehrbüchern vereinfachte er bewusst zahlreiche Schreibweisen, um das amerikanische Englisch von der britischen Variante abzugrenzen.
So verschwanden beispielsweise das „u“ in Wörtern wie colour oder honour, aus centre wurde center, aus draught wurde draft. Nicht alle Reformvorschläge Websters setzten sich durch – Schreibweisen wie tung statt tongue oder lether statt leather verschwanden schnell wieder.
Seine Wörterbücher und Schulbücher prägten dennoch Generationen amerikanischer Schülerinnen und Schüler und gelten bis heute als Meilenstein der Sprachgeschichte.
Neue Welt, neue Wörter
Mit der Besiedlung Nordamerikas entstand auch ein völlig neuer Wortschatz. Viele Begriffe wurden aus den Sprachen der indigenen Bevölkerung übernommen. Wörter wie moose (Elch), raccoon (Waschbär), skunk (Stinktier) oder chipmunk (Streifenhörnchen) stammen aus indigenen Sprachen Nordamerikas.
Hinzu kamen Einflüsse anderer Einwanderergruppen. Das französische prairie oder das niederländische cookie fanden ebenso Eingang in den amerikanischen Sprachgebrauch wie zahlreiche Begriffe aus dem Spanischen.
Umgekehrt gelangten später auch amerikanische Wortschöpfungen nach Europa. So stammt etwa der heute weltweit gebräuchliche Begriff deadline ursprünglich aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg.
Unterschiede sind oft älter als gedacht
Manche typisch amerikanisch wirkenden Begriffe sind in Wahrheit alte britische Ausdrücke. Das amerikanische fall für Herbst wurde bereits im England des 16. Jahrhunderts verwendet und verschwand erst später aus dem britischen Sprachgebrauch.
Auch Wörter wie gotten, soccer, mad im Sinne von „wütend“ oder smart für „klug“ waren ursprünglich keineswegs ausschließlich amerikanisch.
Die Sprachentwicklung verlief auf beiden Seiten des Atlantiks unterschiedlich weiter, sodass heute zahlreiche Begriffe zwar dieselbe Herkunft besitzen, jedoch unterschiedlich verwendet werden.
Sprache als Ausdruck kultureller Identität
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Sprache zunehmend zu einem Symbol nationaler Identität. Amerikanische Zeitungen verspotteten Landsleute, die sich besonders britisch ausdrückten oder englische Mode imitierten.
Umgekehrt betrachteten viele Briten amerikanische Sprachformen lange Zeit als Verfall des Englischen. Berühmt wurde später das Bonmot Oscar Wildes, wonach Großbritannien und Amerika „alles gemeinsam haben – außer der Sprache“.
Neue Begriffe entstehen heute im Internet
Auch im digitalen Zeitalter entwickelt sich das amerikanische Englisch ständig weiter. Sprachwissenschaftler beobachten insbesondere soziale Netzwerke, in denen laufend neue Begriffe und Redewendungen entstehen.
Viele dieser sprachlichen Innovationen gehen auf urbane Regionen sowie afroamerikanische Sprachgemeinschaften zurück und verbreiten sich über soziale Medien in kurzer Zeit weltweit.
Begriffe wie cosplay, amirite oder lituation sind Beispiele für diese moderne Wortschöpfung, die häufig zunächst innerhalb bestimmter Gemeinschaften entsteht und später Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch findet.
Zwei Varianten einer gemeinsamen Sprache
Trotz aller Unterschiede sehen Sprachforscher keine Entwicklung hin zu zwei völlig getrennten Sprachen. Im Gegenteil: Durch Medien, Literatur, Film und das Internet stehen britisches und amerikanisches Englisch heute enger miteinander in Verbindung als jemals zuvor.
Die amerikanische Sprachentwicklung zeigt vielmehr, wie eng Sprache mit Geschichte, Kultur und nationaler Identität verknüpft ist. Aus einer gemeinsamen Wurzel sind zwei eigenständige Varianten entstanden, die sich gegenseitig bis heute beeinflussen und bereichern.
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